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Archiv für den Monat März 2007

Wochenende

geschrieben am 31. März 2007 um 12:46 von burundikids

Samstag, 31. März 2007. 12.20 Uhr. Der gestrige Tag war entspannt. Gezwungenermaßen, das Internet funktionierte den ganzen Tag nicht. Ergo habe ich andere Arbeiten erledigt – offline. Am Nachmittag ging Marie mit unserem Kumpel Bellarmin zum Strand. Beim „Petit Bassam“, da wir ja am Tag zuvor Alain, den Manager, kennen gelernt hatten. Die beiden gingen also vor, ich kam später nach.

 

Zuerst saßen wir unter einem Strohdach am langen Strand. Ich trank Maracujasaft, Marie Wasser und Bellarmin Fanta. Weiter entfernt im Wasser sahen wir ein Nilpferd. Dem war es wahrscheinlich genauso heiß wie uns, denn es tauchte ständig ab. Als es langsam dunkel wurde, setzten wir uns weiter vom Wasser weg unter einen großen Pavillon, wo auch die Bar steht. Mitten zwischen Palmen und Grün. Dann aßen wir eine Kleinigkeit, bevor wir uns wieder auf den Rückweg machten.

 

Per „Lift“, wie es hier so schön heißt, also per Anhalter, fahren wir ins Zentrum zurück. Viele werden jetzt den Kopf schütteln, dass man doch nicht per Anhalter fahren solle. Dazu muss ich aber sagen, dass es hier überall üblich ist. Das System funktioniert auch ganz anders. „Lift“ ist an der Tagesordnung und gehört zum normalen Verkehr dazu. Unsere Mitnahmegelegenheit heißt Massoudi und fährt wie ein Henker. Dazu laute Musik. Ich muss an einem Stück lachen. Eine lustige Fahrt. Aber nicht für die anderen Verkehrsteilnehmer, die Massoudi überholt. Wäre Massoudi in Deutschland, würde er wahrscheinlich einen VW Golf fahren, der aufgemotzt ist wie ein Flugzeug und einen ähnlichen Fahrstil praktizieren. Mit dem Unterschied, dass einem das in Deutschland teuer zu stehen kommen kann. Hier interessiert es schlichtweg keinen.

 

Wir steigen im „Chez André“ aus. Zu dritt gehen wir rein, um noch ein Gläschen auf Marie zu trinken – das hatte sie am Mittag mit Verena ausgemacht. Im „Chez André“ ist Betrieb, das Gelächter hört man schon draußen, der Hof steht voll mit Autos. Dafür dass es anscheinend nur 30 Leute waren, machten sie Krach für 100. Wir setzen uns zusammen mit Verena in eine andere Ecke des Restaurants, Benoit ist unterwegs. Verena gibt an, uns Getränke holen zu wollen, kommt dann aber überraschenderweise mit einem Käsekuchen mit 20 kleinen Kerzchen oben drauf zurück. Und natürlich Geschenken. Marie strahlt. Bellarmin freut sich auch. Dann essen wir jeder gleich ein Stück – wann gibt es schon mal leckeren Käsekuchen? Vielleicht mag es manchem nun den Magen umdrehen, wenn ich sage, dass ich dazu Heineken trank. Aber ich muss gestehen, es passte recht gut.

 

Um etwa 21 Uhr machten wir uns dann wieder auf den Weg – nachdem ich noch schnell meine Mails auf das Notebook gezogen hatte. Marie wollte noch ausgehen, ich war aber zu platt und beschloss, zu Hause zu bleiben und die Mails noch abzuarbeiten. Das tat ich dann auch bis etwa 0.30 Uhr. Dann schlief ich erschöpft ein, um heute Morgen von Kindergeschrei aufzuwachen. Es scheint, als seien die Kids kollektiv erleichtert, dass alle Klausuren nun vorbei sind. Auf jeden Fall war es heute laut wie lange nicht mehr. Und zwar alle, selbst die, die ansonsten eher ruhigere Gesellen sind. Ich muss lachen. Dann stehe ich auf.

 

Vor dem Wochenende

geschrieben am 30. März 2007 um 21:07 von burundikids

Freitag, 30. März 2007. 11.08 Uhr. Wir hatten ein ausgewogenes Frühstück. Es ist Maries Geburtstag, 20 Jahre ist sie nun und kein Teenie mehr. Gestern war ich noch auf der Suche nach einem Geschenk. Als ich schließlich fündig wurde, war noch ein bisschen Zeit, Basketball spielen zu gehen. Ich hatte es eh vor, aber Vénuste (zwölf Jahre) und Raoule (zehn Jahre) waren schneller und fragten mich, ob ich mit ihnen spiele. Gestern war irgendwas mit den Kids, sie waren besonders anhänglich. Marie hatte das vormittags schon gesagt, als sie im „Chez André“ vorbei gekommen war. Den ganzen Morgen sei sie zu nichts gekommen, weil ständig ein anderes Kind etwas von ihr wollte.

 

Nachmittags ging es mir dann auch nicht anders. Kann ich das haben? Hier für dich! Philipp, schau mal! Philipp hier, Philipp da. Irgendwie lustig. Besonders anhänglich. Jedenfalls ging ich dann mit den beiden Jungs los. Die beiden Evelynes (neun und zwölf Jahre), Florette (zwölf Jahre) und Ornella (zwölf Jahre) wollten dann auch mit. Also rauschte eine ganze Truppe zum Basketballplatz. Dort war ein Korb belegt, wo ältere Jungs spielten, der andere war noch frei. Ich gab den Kids den Ball und ließ sie auf den Korb werfen – großes Theater und Gelächter. Aber sichtlich Spaß.

 

Dann kam ein Junge – ich schätze, er war 14 oder ähnlich – gekleidet in den coolsten Basketballklamotten und ein absolutes Großmaul. Ich kann mir vorstellen, dass er in seiner Klasse den Boss markiert, weil er größer ist als die anderen. Und fett. Vielleicht hat er auch einen reichen Vater und lässt das raushängen. Solche Typen kennt man ja auch in Deutschland. Jedenfalls schnappte er sich den Ball und dribbelte in der Gegend herum, als wolle er allen sein tolles Können zeigen. Florette schaute ihn nur mit ihrem bösesten Blick an, was sie im Übrigen mehr als gut kann. Dann schimpfte sie irgendwas auf Kirundi, von dem ich nur die Unfreundlichkeit heraushören konnte. Der Dicke scherte sich nicht darum. Dann wirft er auf den Korb, der Ball springt zu mir und ich gebe ihn Raoule, dass er ebenfalls werfen kann. Als der Ball wieder runter kommt, macht der dicke Junge Anstalten, ihn sich wieder krallen zu wollen. Aber ich bin schneller. Ornella wirft. Selbiges Spiel, bis alle „meine“ Kids einen Korb geworfen haben, dann prallt der Ball dummerweise in die Richtung den Dicken ab. Er dribbelt wieder eine halbe Ewigkeit durch die Gegend, bis ich ihn auf halb Kirundi, halb Französisch und auch halb freundlich darauf hinweise, dass er jetzt gefälligst den Ball an die Kleinen geben soll. Er tut es. Ohne Widerrede. Doch als Vénustes Wurf vorbei geht, will sich der Dicke den Ball erneut schnappen. Mittlerweile habe ich die Schnauze voll, springe ebenfalls nach dem Ball hoch und der Dicke prallt ein wenig ab. Dann hat er es endlich kapiert. Und die Kids lachen wieder. Auch Florette.

 

Nach einer Weile kam Fulgence. Kaum war er da, kam ein Jugendlicher – ich kannte ihn bislang nicht – und fragte, ob man ein Spiel machen könne. Fulgence und ich willigen ein. Unsere Kleenen nehmen am Spielfeldrand Platz, wir spielen vier gegen vier. Fulgence, ich und sechs Jungs aus dem Viertel. Ein schnelles, gutes und anstrengende Spiel. Machte Spaß. Den einen hatte ich am Abend zuvor schon mal gesehen. Ferdinand heißt er und war bei dem Basketballteam dabei, das bei Flutlicht trainierte. „Mutanga United“ nennt sich das Team. Mutanga ist das Viertel, in dem sich der Basketballplatz befindet. Und da es Mutanga Süd und Mutanga Nord gibt, heißt das Team eben „United“.

 

Dann taucht plötzlich Bellarmin (ich hatte ihn bislang immer fälschlicherweise Bellarmand geschrieben) auf. Ihn hatte ich seit bestimmt ein, zwei Monaten nicht mehr gesehen. „Du bist am Leben?“ war meine Frage, worauf er zu lachen beginnt. In Uganda und Ruanda sei er gewesen. Was er dort gemacht habe, will er noch erzählen. In einer ruhigeren Minute. Die Begrüßung ist herzlich, wie freuen uns beide über das erneute Treffen. Bellarmin ist ein sehr intelligenter, sauberer Kumpel. Er wohnt nicht weit vom Basketballplatz – und ergo auch nicht weit von unserem Heim. Mit ihm plaudern macht immer Spaß. Außerdem ist er lustig. Ich stelle ihm unsere Kids vor, die er gleich freundlich begrüßt und mit ihnen ein wenig auf Kirundi plaudert. Finde es gut, wenn sie auch ein bisschen Leute kennen lernen und Kontakt zur „Außenwelt“ haben, da es ja ansonsten ein ziemlich behütetes Leben im Heim ist. Anscheinend macht es den Kids Spaß. Vor allem Florette steht mit großen Augen daneben. Wir  müssen dann das Feld räumen, da die Flutlichter wieder angehen und ein Team sich warm zu laufen beginnt. Dieses Mal aber Frauen. Ornella und die kleine Evelyne sind anscheinend so begeistert, dass sie sich in die Reihe einfügen, die sich von der Grund- bis zur Mittellinie und zurück warm läuft. Ich muss lachen.

 

Ich verabrede mich mit Bellarmin auf 20 Uhr in der „Kiriri-Bar“, dann sammle ich die Kinder ein und mache mich auf den Rückweg. Es ist mittlerweile dunkel geworden. Auf dem Nachhauseweg wieder dasselbe: Anhänglichkeit ohne Grenzen. Links nahm mich Raoule an der Hand, rechts die „große“ Evelyne. Am linken Arm hing außerdem Florette, am rechten Ornella. So schon sich also die Traube durch die Straße. Die Burunder, die an uns vorbei laufen, gucken allesamt komisch und amüsiert. Was ich allerdings sehr gut nachvollziehen kann. Dann kommt ein Auto und wir müssen zur Seite, wodurch sich das Menschenknäuel um mich herum ein bisschen lichtet. Vénuste, unser immer aktiver Lausbub, rennt voraus. An meinen Händen sind nun nur noch Florette und Evelyne. Nach uns kommen Fulgence und die beiden Mädels Espérance (17 Jahre) und Dorine (14 Jahre), die mit ihren Schulheften später nachgekommen waren. Die beiden sieht man oft lernen. Sie scheinen eifrig zu sein.

 

Zurück im Heim bedanke ich mich bei den Kids für das Spiel, worauf sie lachen und zurück danken. Sie sind wirklich allesamt zum Liebhaben. Als ich ins Haus komme, begrüßt mich schon die nächste: Doriane (neun Jahre), unser kleiner aufgeweckter Kasper. „Philippo, yambu!“ sagt sie immer, will einschlagen oder gleich gedrückt werden. Dann klaut sie mir den Basketball und rennt damit durch den Gang, worauf sie gleich einen Anschiss von Flora bekommt, die ihr mit Baby Christardo entgegen kommt. „Buhoro!“ – „Langsam!“ Marie ist in der Küche, am Tisch sitzen Gaston und Kiki, unsere beiden Kleinsten im Heim (mit Ausnahme Christardos und Colise`, die kleine Tochter von Diane, die im Zimmer mit Flora wohnt). Full House, sozusagen. Ich gehe duschen, Marie kocht. Und zwar eine scharfe Tomatensoße, die brennt. Der Cayenne-Pfeffer ist ihr ein wenig aus der Hand gerutscht. Ich freue mich, denn endlich darf und kann ich mal scharf essen. Marie freut es weniger. Zum Glück war sie es, der das passiert ist. Mich hätte man des Vorsatzes beschuldigt.

 

Kurz nach 20 Uhr machen wir uns dann auf in die Bar. Eigentlich sollte es mal wieder nur ein kurzes Bierchen werden. Pustekuchen. Aber dieses Mal richtig. In der Bar war nur ein Tisch besetzt. Der Rest: leer, verlassen. Es ist Monatsende, alles wartet auf neue Gehälter, nur wenige können sich noch ein Bier leisten. Am runden Tisch sitzen Colin, Laundry, Jean-Paul (der sehr, sehr unsympathisch ist – und meistens besoffen), Christian (Kiki genannt), dann noch einer, den ich zwar kannte, seinen Namen aber leider nicht parat habe – er war aber beim Basketballspiel dabei, als ich mit Flo in der Französischen Schule war –, ein weiterer Bekannter aus der Bar mit seiner Freundin und dann noch ein Mädchen, das ich bislang noch nicht gesehen hatte. Die Runde ist lustig, es wird eifrig diskutiert (wie immer bei den Burundern, ohne geht nicht!) und gelacht. Kiki will wieder Deutsch mit mir sprechen. Und ich muss sagen, er lernt sehr, sehr schnell. Man merkt, dass er Sprachen studiert hat. Er formuliert schon eigene Sätze, die bis auf die Aussprache manchmal schon perfekt sind. Und das, obwohl ich ihm bislang nur ein paar Worte beigebracht habe, die er wissen wollte. Unglaublich. Kurz darauf kommt noch Danny, ein absolut sympathischer Kerl. Er lacht immer und ist ansonsten sehr zurückhaltend.

 

Im Laufe des Abends kommt noch Alain, den wir neu kennen lernen. Es ist der ältere Bruder von Kiki und der Besitzer des „Petit Bassam“, einer Strandbar in Bujumbura. Wie wir ungläubig und lachend feststellen, habe ich schon Kontakt zu ihrem jüngeren Bruder gehabt, der in Schweden studiert. Sein Name ist Stide, ich hatte ihn einmal angeschrieben, als ich an touristischen Infos zu Burundi interessiert war. Durch eine Website, die noch im Aufbau war, bin ich auf ihn aufmerksam geworden. Damals antwortete er mir per Mail, dass er in Schweden studiere und lebe, seine „Partner“ aber in Bujumbura seien und mir gerne Auskünfte geben würden. Sie würden sich sehr gut auskennen und einer davon, Alain, sei außerdem der Manager des „Petit Bassam“. Dass Alain, Christian (Kiki) und Stide jedoch Brüder – und nicht nur „Partner“ – sind, das kam erst gestern Abend raus. Unglaublich, wie klein die Welt doch ist.

 

Irgendwann kriegen die Jungs spitz, dass Marie um Mitternacht Geburtstag hat. Ein Abgang unsererseits war demnach vorher nicht mehr möglich. Es wird uns ein Bier bestellt, das wir trinken müssen. Burundische Freundlichkeit, sagen sie. Keine Chance der Gegenwehr, es wird bestellt. Bezahlen müssen wir natürlich nichts. Das übernimmt Alain für uns. Er hat ja auch bestellt. Um Punkt Mitternacht stehen alle auf und fangen an, Marie ein Geburtstagsständchen zu trillern. Speziell. Wer kann schon von sich sagen, so seinen 20. Geburtstag – geschweige denn, irgendeinen – gefeiert zu haben? Beim Gratulieren bestehen natürlich alle auf ihre obligatorischen Küsschen. Rechts, links, rechts. So ist es nun mal üblich. Alain sagt, wir sollen doch morgen, also Freitag, ins „Petit Bassam“ kommen. Wir willigen ein. Marie wird am Nachmittag schon hingehen, zusammen mit Bellarmin. Er passt nämlich immer auf sie auf und vertreibt lästige Burunder, die sich Marie unaufgefordert annähern wollen. Ich werde am späten Nachmittag oder Abend nachkommen, eine Kleinigkeit dort essen. Bin mal gespannt. Vor allem, ob Alain seine Drohung vom gestrigen Abend wahr macht: Den Geburtstag von Marie mit einer Party feiern zu wollen. Wäre ja lustig. Ich glaube aber nicht daran. Aber bei den Burundern weiß man ja nie.

 

Verena kam gerade vom Schulgrundstück zurück. Der Bau gehe voran, meinte sie. Das zweite Gebäude sei gut im Fortschritt. Über Ostern wird burundikids-Vorstand Martina kommen und sich selbst davon überzeugen. Ich denke, sie wird zufrieden sein. Die Farbe sei etwas missglückt, sagt Verena. Die Arbeiter hätten falsch gemischt. Demnach muss das noch mal nachbearbeitet werden. Kein Problem. In der hiesigen burundischen Presse ist die Schule mittlerweile auch Thema. Vor allem wegen dem Ministerbesuch. Das gab dem Bekanntheitsgrad der Fondation Stamm einen kräftigen Schub. Eine Zeitung vergibt auch immer „Gewinner- und Verlierermedaillen der Woche“. Die Fondation hat nun auch eine – die positive – bekommen. Ich denke, es ist mehr als wichtig, auch im eigenen Land an Bekanntheit zu gewinnen. Nicht nur in Deutschland. Beides sollte nicht unbeachtet bleiben. Im Gegenteil.

 

Es ist in diesen Tagen extrem heiß. Regen fällt sehr wenig. Auf dem Land sind die Menschen vielerorts auf die Versorgung mit Lebensmittel durch das WFP angewiesen. Die Preise für Bohnen, Kartoffeln und Co. steigen permanent und ziemlich hoch. Viele können sich das nicht mehr leisten. Und manchmal ist etwas sogar gar nicht mehr zu bekommen. Wir merken es auch bei den Einkäufen für die Heime. Die Ausgaben für die Verpflegung der Kinder ist gestiegen. Und noch sind es drei Monate bis zur nächsten Erntezeit. Auf dem Land regnet es anscheinend ein wenig. Hier in Bujumbura fast überhaupt nicht. Dabei sei März und April eigentlich die regenreichste Zeit, wie mir Verena gerade sagte. Alles spielt verrückt. Die Hitze bleibt auch nachts.

 

Basketball bei Flutlicht

geschrieben am 29. März 2007 um 09:19 von burundikids

Donnerstag, 29. März 2007. 8.47 Uhr burundische – und deutsche Zeit. Da in der Heimat die Uhren wieder umgestellt wurden, hat sich der Zeitunterschied von einer Stunde erledigt. Gestern Abend, als ich nach Hause kam, war der Himmel von Sternen übersät. Die Jungs waren teilweise noch am Lernen, andere schauten Fern, weil sie bereits alle Klausuren geschrieben hatten. Ich hatte irgendwie noch einen Bewegungsdrang, war unausgelastet. Also erkundigte ich mich bei Emmanuel (15 Jahre) nochmals, ob es stimme, dass man neuerdings beim Basketballplatz auch abends, mit Flutlicht, spielen könne. Er bejahte. Also machte ich mich auf den Weg zum Platz, zusammen mit Emma, Flugence, Thérence und Arsènne. Als wir dort ankamen, war Hochbetrieb. Ein Basketballteam trainierte. Das Team aus Mutanga, dem Nachbarviertel zu Kiriri, in dem unser Heim ist.

 

Darunter ist auch Valentin, den ich einmal im „Havanna“ kennen gelernt hatte, der in Washington zur Schule ging und heute auch ab und an journalistisch arbeitet. In Kigali sei er gerade gewesen, Fotos machen, deswegen habe man ihn einige Zeit nicht in „Buja“ (Bujumbura) gesehen. Mit dem Basketball spielen wird es nichts, das Flutlicht abends ist eigens nur für das Training des Vereins. Schade. Ich gebe den Jungs eine Cola am Kiosk neben an aus, dann gehen wir zurück ins Heim.

 

Mittags war ich im Straßenkinderheim, Englischunterricht stand an. Auch Heimleiter Bienvenue saß hinter der Schulbank. Wenn er Zeit hat, macht er ab und zu mit. Die Jungs waren wieder sehr wissbegierig, wie immer eigentlich. Sie fragten mich wieder nach den Brieffreundschaften mit deutschen Schülern, auf dich auch ich warte. Angeleiert sind sie, nur wurden sie noch nicht begonnen. Und auch die Frage nach Büchern kam wieder auf. Ich sagte ihnen, dass ich auch darauf warte. Es ist wirklich nicht leicht, sie jedes Mal aufs Neue zu vertrösten. Mir imponiert aber dann ihre Geduld. Kein einziges Mal ein enttäuschtes Gesicht, keine beleidigte Äußerung. Sie nehmen es hin wie es ist und bedanken sich noch jedes Mal. Dennoch: Ich würde sie so gerne nicht mehr vertrösten müssen.

 

Heute bin ich wieder am Notebook, arbeiten. Heute Nachmittag werde ich mal über den Markt schlendern, ob ich ein Geschenk finde. Marie hat morgen Geburtstag. Nur: Was kaufen? Ich bin im Moment mal wieder total überfordert.

 

Ein ruhiger Wochenstart

geschrieben am 28. März 2007 um 09:47 von burundikids

Mittwoch, 28. März 2007. 9 Uhr in Burundi. Die Woche war bislang ruhig. Keine besonderen Vorkommnisse. Verena ist gestern aufs Land gefahren, um eine Delegation von UNICEF zu treffen. Erst in Muyinga, wo sie auch auf Julia treffen wird, dann noch ein Abstecher nach Ngozi in unser dortiges Heim. Ihr wurde ans Herz gelegt, das Treffen wahrzunehmen. Wer weiß, was es bringen kann. Heute wird sie zurück kommen und berichten.

 

Derweil macht auch meine Arbeit Fortschritte. Die ab und an angerissenen Ideen versuche ich gerade abzuklopfen – auf Machbarkeit und Sinnhaltigkeit. Ich lasse selten etwas unversucht und so hoffe ich, dass die ein oder andere Idee doch in die Tat umgesetzt werden kann. Wünschenswert wäre es.

 

Gestern Abend als ich nach Hause kam, musste ich erst einmal einige Kids versorgen. Raoule, der Zehnjährige, der aus einem Rebellenlager zu uns ins Heim kam und sich mittlerweile prächtig entwickelt hat und zum Liebling aller avancierte, wurde in der Schule anscheinend verprügelt. Er hatte gestern Prellungen an den Rippen. Ein Besuch im Krankenhaus bescheinigte, dass Gott sei Dank nichts gebrochen ist. Ich verarztete ihn mit Salbe gegen Prellungen. Dann konnte er wieder lachen.

 

Doriane, mein kleiner neunjähriger Liebling, kam dann auch gleich und wollte Aufmerksamkeit. Eine kleine Schramme über dem rechten Auge zeigt sie mir. An für sich nichts Schlimmes, aber dass auch sie ihre Zuneigung erfährt, mache ich auch darauf einen kleinen Tropfen – von einer anderen Salbe. Auch dieses Wehwehchen tat dann nicht mehr weh. Und als dann noch Vénuste, Dorianes Bruder und ein absoluter Lausbub (er erinnert mich an die Geschichte von Huckleberry Finn), ein kühlendes Gelpäckchen auf seine Lippe bekam, waren alle zufrieden.

 

Als Marie heim kam, hatte sie George im Gepäck. Einer unserer burundischen Kumpels. Ich mag ihn, er ist ein ruhiger, intelligenter Typ, mit dem man auch viel lachen kann. Nach längerem Drängen meiner Seite gibt er sich einen Ruck, willigt ein und isst mit uns. Rührei, Brot, Käse aus dem Kongo und Tomaten. Danach gehen wir noch auf ein Bier und eine Partie Billard in die „Kiriri-Bar“.

 

Zuvor kam abends noch ganz aufgeregt Jimmy (17 Jahre) zu mir. Seine Briefpartnerin aus Deutschland hatte nach einem Foto gefragt. Jetzt will er ihr eines schicken, hat aber keinen blassen Schimmer, wie er das anstellen soll. Ich sagte ihm, das sei kein Problem. Ich werde ein Foto von ihm machen und wenn es ihm dann gefällt, werde ich es per Mail an seine Brieffreundin schicken. Sichtlich viel ihm ein Stein vom Herzen. Vor zwei Tagen hatte ich Pamela (14 Jahre) mit ihrer Brieffreundin kurz telefonieren lassen. Zwar gab es kleine Sprachprobleme, doch ich denke, auf beiden Seiten kam es sehr gut an. Zumindest Pamela strahlte an dem Abend noch übers ganze Gesicht. Und am nächsten tag erreichte mich auch eine freudig und dankende Mail aus Deutschland. Das freut auch mich. Nur oft ist das nicht möglich – es ist schlichtweg zu teuer.

 

Heute Mittag werde ich wieder ins Straßenkinderheim gehen, um Englischunterricht zu geben. Ein Foto davon habe ich unter „Bilder“ gestellt. Vielen Dank an dieser Stelle an Bernd Weisbrod, der mich in dieser Situation erwischte vor die Linse bekam. Normalerweise stehe ich ja lieber selbst hinter der Kamera. Dennoch: Es muss ja auch einen Beweis geben, dass auch ich in Burundi war. *lach*

 

Zitat

geschrieben am 26. März 2007 um 15:46 von burundikids

Ein Bekannter schickte mir das u. s. Zitat. Finde ich sehr gut.

“Some things start out big and some things start out small, very small, but sometimes the smallest things can make the biggest changes of all.”

 

Ein gemütliches Wochenende

geschrieben am um 09:48 von burundikids

Samstag, 24. März 2007. 10.36 Uhr. Gefrühstückt, aber noch im T-Shirt und Boxershorts, in denen ich schlafe. Marie schläft noch. Julia hat sich heute Morgen von uns verabschiedet. Sie fährt heute mit dem Bus nach Muyinga und wird dort zwei Wochen in unserem Heim leben. Dort ist die ganze Sache noch mal eine andere. Kein fließend Wasser, kein Strom. Benoit war dagegen, dass sie geht. Aber sie war nicht davon abzubringen. Verena findet die Idee gut. In Muyinga steht nämlich der Umzug der Heimkinder Ende des Monats an, in ein neues, anderes Haus. Dort kann Julia gleich mithelfen. Außerdem plant sie, bei den Pygmäen, den Batwa, einiges zu machen. Kleiderspenden hat Julia genug im Gepäck. Na ja, was heißt in dem Falle schon genug?

 

Gestern war „Weltwassertag“. Auch im burundischen Fernsehen wurde dazu berichtet. Ist auch notwendig, immerhin trifft die traurige Erkenntnis, dass immer noch Milliarden von Menschen auf der Welt keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben und unzählige Kinder jährlich genau an diesem Umstand sterben müssen, auch auf Burundi zu. Wasserprojekte wären hier sehr angebracht. Denn Wasser haben sie genug. Nur zu viel an falscher Stelle und keine Möglichkeit, es von A nach B zu transportieren. Aktuell bei den vergangenen Überschwemmungen, die jetzt die große Hungersnot nach sich ziehen – viele Felder wurden nur überflutet, weil sie über kein richtiges Be- und Entwässerungssystem verfügen.

 

Gestern Abend in der „Kiriri-Bar“ war es wieder recht lustig. George und Colin sind sozusagen meine Lieblinge, weil man mit ihnen auch mal ernst bleiben und über normale Dinge reden kann. Bellarmand ist auch so einer, aber den haben wir jetzt bestimmt einen Monat lang nicht mehr gesehen. Ich muss mal in seinem Apartment vorbei gehen. Das befindet sich in dem Viertel, wo ich auch Basketball spielen gehen. Apropos, auch das möchte ich am Wochenende nach langer Zeit einmal wieder machen. Zurück zur Bar. Ich lernte zwei Burunder kennen, die (sehr gut) deutsch sprachen. Alain und Vincent. Alain arbeitet bei der BCB, einer Bank hier in Bujumbura. Er war in Bonn studieren. Ich schätze ihn auf 40 Jahre. Er ist sehr zurückhaltend und super nett. Wir tauschten unsere Nummern aus und werden uns bald nochmals treffen.

 

Dann kam schon der zweite. Vincent. Auch er spricht gut deutsch. Er kam an den Billardtisch zu Marie und mir und fragte: „Mit wem darf ich spielen?“ Vincent ist schon etwas älter, glaube ich, als Alain. So um die 50? Aber man verschätzt sich bei den Burundern auch immer ganz leicht. Manchmal sehen sie jünger aus als sie sind und manchmal auch umgekehrt. Jedenfalls war Vincent in Hannover und hat dort Elektrotechnik studiert. 1978 war er nach Deutschland gekommen, wie er sagt. 1994 kam er zurück nach Burundi – ausgerechnet in dieser Zeit. Der Grund: Seine Mutter sei alleine gewesen, der Vater nicht mehr da, die anderen Geschwister alle im Ausland. Also wollte er zu seiner Mutter. Dann hatte seine Erzählung aber Lücken. Er meinte, er sei dann aber wieder nach Deutschland – ich nehme an, wegen des Kriegs – um dann 1996 endgültig wieder zurück in seine Heimat zu gehen. Hier in Burundi habe er dann für unterschiedliche NGOs gearbeitet. Heute sei er jedoch arbeitslos – seit sechs Monaten. Dabei wolle er arbeiten, sagt er. Wer will das nicht? Er ist dynamisch, fuchtelt viel mit den Händen, seine Brille auf den Kopf geschoben. Am rechten Arm trägt er einen silbernen Armreif. Anscheinend hatte er mal Geld. Ich glaube aber, dass diese Zeiten vorbei sind. Er fragt mich, ob er nicht in der Fondation Stamm arbeiten könne, ob ich einen Job für ihn habe. Ich entgegne nur, dass das nicht meine Entscheidung sei, ich habe nicht die Kompetenz, in anzustellen. Er kennt Verena und Benoit, sagt er. Er werde vorbei kommen. Na denn.

 

Heute Mittag, 13 Uhr, sind wir mit Colin verabredet. Wir treffen uns in dem Büro, in dem er arbeitet, dann gehen wir zusammen in irgend einen Sportclub, wie er meinte, um dort – nicht etwa Sport zu treiben, sondern Mittag zu essen. Mein Hunger hält sich jedoch im Moment noch in Grenzen. Das Marmeladenbrot sättigt noch. Aber ich denke, bis dahin ist es ja noch ein bisschen Zeit. Bin mal gespannt, was das wieder für ein Nobelschuppen sein wird. Abwarten.

 

Die Kids sind alle schon wieder seit früh morgens auf den Beinen und gut drauf. Sie spielen „Völkerball“ oder so etwas ähnliches zumindest, bei dem man sich mit einem Ball abwerfen muss. Die kleineren Mädels spielen das. Die Großen sitzen oder stehen auf ihrer großen Terrasse, lästern, kichern und quatschen – was Mädchen in dem Alter eben so tun. Zunehmend lauter wird das immer, wenn sie mich sehen. Ich lache meistens nur, worauf ich zehn süße Lächeln ernte. Unmöglich. Weiber. *lach*

 

Vianney – mittlerweile weiß ich, dass man ihn so schreibt – hat sich richtig gemacht. Keine Selbstzerstörung mehr. Er spielt mit den anderen, ist nicht mehr apathisch oder depressiv, haut seinen Kopf nicht mehr gegen das Tor. Abhauen will er auch nicht mehr. Er geht zwar raus, wie alle anderen auch, setzt sich dort aber auf das kleine Steinbänkchen, bis es ihm zu langweilig wird und er wieder ins Gelände geht – ohne abzuhauen. Erfreulich. Gott sei Dank kann man sagen. Dennoch warte ich auf Antwort von Nelly, der Psychologin bei UNICEF. Nach dem Jungen schauen sollte man dennoch, auch wenn er sich nun gebessert hat. Wer weiß, in welchen Situationen das Ganze wieder aufbrechen kann.

 

Draußen, entlang der Straße vor dem Heim, haben die gesamte Woche ein großer Trupp Bauarbeiter einen langen, etwa ein Meter tiefen Graben gezogen. Anscheinend für eine neue Wasserleitung für ein neues Viertel weiter hinten, den Berg hoch. Richtig witzig sieht es aus, wenn der ganze Bauerbeitertrupp, geladen auf die Fläche eines Lkw, morgens singend, klatschend und pfeifend hier eintrifft, um dann sofort die Hacken und Spaten zu schwingen. Einer fragt mich nach einer Zigarette, die ich ihm gebe und er sich daraufhin überschwänglich bedankt. Er war pechrabenschwarz, wirklich faszinieren. Pechschwarz und der Kontrast seiner strahlend weißen Zähne faszinierte mich. Er lachte und verabschiedete sich, um wieder weiter zu schaufeln. Den Mädels pfeifen und lachen sie hinter her. Bauarbeiter eben. Weshalb sollte es irgendwo auf der Welt anders sein? Ich finde es amüsant.

 

In diesen Tagen ist es extrem heiß in Bujumbura. Regen ist wieder etwas weniger, meistens nachts. Gegen Nachmittag wird es am Schlimmsten mit der Schwüle. Als ich nach Hause lief, vorgestern, dachte ich, ich stehe mitten im Urwald, in den Tropen. Das Wasser stand in der Luft, es war heiß und dazu noch der Feierabendverkehr Bujumburas. Diesel. Und ich mittendrin. Glückwunsch. Danach hätte ich am liebsten in der Dusche übernachtet. Aber auch das ist nicht wirklich ratsam. Aufgrund gewisser Tierchen. Es sein denn, man mag es. Dann bitte. Mais, pas moi!

 

Samstag, 24. März 2007. 20.13 Uhr. Heute Mittag waren Marie und ich mit Colin essen. Wir hatten uns gestern Abend schon verabredet. Colin wartete vor seinem Büro in der Innenstadt auf uns. Reges Treiben – wie immer. Es war unwahrscheinlich heiß, selbst unser burundischer Freund beschwerte sich und schüttelte nur ungläubig den Kopf. Manchmal habe ich das Gefühl, die Burunder sind noch anfälliger für die Hitze als wir Weiße. Zumindest jammern sie schneller. Und öfter. Aber heute war es wirklich extrem heiß. Alles Kinder waren im Heim und dennoch herrschte einen Totenstille. Alle schliefen, lernten – es ist gerade wieder Klausurzeit – oder verkrochen sich in irgendwelchen schattigen Ecken. Bis, ja bis ich wieder den Foto auspackte. Sonnenbrillen waren das Motiv. Ich hatte sie noch vorrätig und bislang leider nicht die Zeit, sie sorgfältig zu verteilen. Heute war es dann soweit. Stolz pur in den Gesichtern. Und richtig schick sehen sie aus. Fotos zum Schreien. Manche lustig, manche aber auch verdammt gut. Wären gute Werbeplakate.

 

Das Essen mit Colin war lustig. Wie immer, wenn wir ihn treffen. Es war in einem Sportclub in der Innenstadt, nur wenige Meter von seinem Büro entfernt. Colin geht dort immer in seiner Mittagspause essen, sagt er. Verständlich. Wir essen Reis mit Rindfleisch, Soße, Sombé (Gemüse aus Maniokblättern, so etwas wie burundischer Spinat), Bohnen in einer Tomatensoße und natürlich das obligatorische Pili Pili. Dazu jeder ein Getränk. Macht: umgerechnet fünf Euro. Unglaublich. Das Bistro des Sportclubs ist gut besucht. Wir treffen noch einen weiteren Bekannten, der sich nach seinem sportlichen Treiben zu uns an den Tisch setzt und ebenfalls etwas isst. Kartoffeln mit Erbsen, dazu eine Pampe, die ich nicht definieren kann. Aber anscheinend schmeckte es ihm. Zumindest sah es so aus.

 

Bevor wir gehen, werfen wir noch einen Blick in das Fitnessstudio. Heimtrainer, Hanteln. Wie in einem deutschen Studio. Vielleicht etwas kleiner. Und verdammt heiß. Ich würde in dieser Bude keine fünf Minuten Anstrengung überleben. Auf Hanteltraining in einer Sauna bin ich bislang aber auch nicht gekommen. Habe ich, ehrlich gesagt, auch nicht vor. Wir verabschieden uns, Marie und ich schlendern noch kurz zum Markt hinüber, kaufen Tomaten, Paprika und Zitronen. Und Margarine, ein großer Pott. Alles in allem: 2.700 FB. Wieder die Erinnerung: ein Euro sind 1.300 FB. Die Margarine war mit 2.000 FB noch das teuerste. Dazu kamen noch 50 FB für eine Plastiktüte, die einem der kleinen Jungs immer entgegen strecken, sobald man etwas kauft. Wir brechen beinahe zusammen unter der Last der wirklich winzigen Tüten. Die Hitze ist einfach unglaublich. Marie spendiert ein Taxi nach Hause. Den Berg hoch würde sie es nicht schaffen, lacht sie. Der Taxifahrer pennt am Steuer. Als ich ihn anspreche, erschrickt er. Ich entschuldige mich, ihn aus seinem Mittagsnickerchen gerissen zu haben, worauf er nur lacht. Kein Problem, meint er. Er fährt uns nach Hause.

 

Am Nachmittag, es hat inzwischen ein wenig geregnet und ist ein bisschen abgekühlt, spiele ich mit den Jungs Basketball. Lange ist es her, dass wir hier waren. Heute war die Zeit wieder reif. Habe sie mir einfach genommen. Es machte wieder Spaß, eigentlich wie jedes Mal. Der Platz wurde neu gemacht, ist nun wirklich eben und ohne Risse. Sogar das Spielfeld mit allen Linien ist eingezeichnet, die Körbe repariert und gestrichen. Am Rand des Spielfelds sind sogar Plätze für Zuschauer eingerichtet. Die sind auch prompt besetzt. In den vergangenen Wochen hatte ich gesehen, dass die UN den Platz mit Baggern und Gerät neu gestalteten. Aktion für die Jugend. Finde ich gut. Es wird auch sichtlich genutzt.

 

Als ich zurück komme, wollen die Kids ihre Bilder vom Mittag sehen. Das kleine Zimmerchen quillt über. Es ist so heiß wie am Mittag – aber nur in diesem Raum. Die Stimmung ist lustig. „Yoooo!“ oder „Eeee!“, wie die Burunder ihr Erstaunen ausdrücken, schallen bei jedem einzelnen Bild durch die Luft, gefolgt von Gelächter. Diese kleine, große Familie. Wirklich zum Knutschen. Allesamt. Danach komme ich endlich zu meiner heiß ersehnten Dusche. Jetzt werde ich in die „Kiriri-Bar“ gehen, ein Bierchen zum Abschluss des Abends trinken. Mal sehen, was der morgige Tag so bringen wird. Immer spannend, hier in Burundi. Ich bin froh, hier zu sein. Immer noch. Nach wie vor.

 

Sonntag, 25. März 2007. 20.08 Uhr. Heute habe ich lange geschlafen. Bis etwa Viertel vor elf. Gestern sind wir nämlich nach der „Kiriri-Bar“ noch ins „Havanna“, eine Diskothek in der Stadtmitte. In der Bar hatten wir Billard gespielt – wie mittlerweile immer. Zum Ende hin hat mich ein Burunder herausgefordert. Ich sagte ihm gleich, dass ich schlecht spiele, was ihn aber nicht von seinem Vorhaben abhielt. Er war betrunken. Nein, besoffen. Das trifft es. Und er seine Kugeln nicht. Mein Glück, ich gewinne. Und zwar zwei Mal. Danach liegt er nur noch auf seinem Kumpel, der noch nüchterner war als er und ihn stützen konnte. Als wir gehen, sehen wir, wie ihn seine Kollegen aus der Bar hinaus tragen. Tja. Wieso sollte es hier anders sein als in deutschen Kneipen? Ich denke, gesoffen wird auf der ganzen Welt gleich.

 

Im Anschluss also „Havanna“. Und ein Mal mehr werde ich bestätigt, dass ich in diesen Laden eigentlich nie mehr will. Wieso ich doch immer wieder hier lande – es war jetzt das vierte Mal in fünf Monaten –, weiß ich auch nicht. Das erste, das ich sehe, als ich an dem Kartenanreißer vorbei bin, ist ein alter, dicker Chinese, der sich schwitzend an einer jungen Burunderin von hinten antanzt. Oder anschleicht? Ich kriege Hassgefühle. Unmöglich. Einfach nur unmöglich. Aber das ist durchaus kein Einzelfall. Viele, viele „muzungus“ in der Diskothek sind auf das selbe aus. Dabei sind „muzungus“ nicht etwa nur Weiße, als Europäer. Für die Burunder sind Chinesen, Inder oder wer auch immer auch „muzungus“. Kann ja sein, dass ich dem einen oder anderen Unrecht tue. Natürlich kann man sich verlieben. Aber nicht innerhalb von fünf Minuten (hier werden mir jetzt wieder die widersprechen, die an Liebe auf den ersten Blick glauben) und schon gar nicht flächendeckend bei alten Männern und jungen, hübschen Mädchen. Für mich ist die Sache in diesem Schuppen eigentlich klar. Und jedes Mal rege ich mich von Neuem darüber auf. Bringt nur niemandem was. Weder mir, wenn ich noch eins auf die Nase kriege, noch dem Alten, dem ich dann den Spaß sowieso nicht verderben kann, noch dem Mädchen, das sich dadurch vielleicht ein bisschen Geld erhofft. Aber ich verdamme jeden, der es tut.

 

Colin, Daniel und Flo sind da. Flo verzieht sich gleich in die V.I.P.-Lounge, die anderen beiden bleiben bei uns am Tisch – Stehtisch versteht sich. Vor mir die Tanzfläche, auf der sich nur etwa die Hälfte der Leute ästhetisch bewegen kann. Ich bin kein Tänzer, das gebe ich zu. Aber ich mag es auch nicht. Und deshalb lasse ich es gleich, bevor ich mich zum Affen mache. Aber das tun ja genügend andere für mich. Amüsement pur. Gegen zwei Uhr fahren wir heim. Es war dann genug der Eindrücke. Mehr als ein Primus wollte ich eh nicht trinken.

 

Um 12 Uhr heute Mittag war ich mit Flo verabredet. Das hatten wir schon im „Havanna“ ausgemacht. Er sagte mir, er werde am Sonntag Basketball spielen, mit einigen Jungs – von denen auch ich manche kenne –, auf dem Sportplatz der französischen Schule. Ich mache mich also nach dem Frühstück auf zu Flos Haus. Ich wusste nur ungefähr, wo es ist. Vorbei am Lädchen „Belladone“, an „unserem“ jungen Burunder mit seinem Straßenstand, wo ich immer Waschpulver einkaufe, an einem UN-Wohngebiet und am „Sun Safari Hotel“, wo wir einmal „Champions League“ schauten, als Barcelona gegen Liverpool gespielt hatte. Als ich an der Ecke stehe, wo ich Flos Haus vermutete, klingelte ich ihn kurz an. In dem Moment öffnet sich die Tür von dem Grundstück, vor dem ich gerade stand. Heraus kam ein kleiner Junge. Jonathan. Er zeigt mir, wo Flo wohnt. Nämlich gerade um die Ecke. Flo öffnet das Tor, noch etwas verpennt. Mein Eindruck bestätigte er auch gleich umgehend. Um 8 Uhr morgens sei er nach Hause gekommen. Er roch auch noch „Havanna“. Aber er schien schon wieder gut gelaunt zu sein. Jonathan kommt auch mit rein. Der Kleine und ich setzen uns mit einem Glas Wasser ins Wohnzimmer, bis sich Flo fertig gemacht hat. Ich war heute zum Basketballspiel aber nicht mitgekommen, um mitzuspielen. Ich hatte die Kamera dabei, wollte ein paar schöne Sportfotos machen. Die schönsten werde ich aussuchen und den Jungs dann geben.

 

Das Grundstück ist groß, das Häuschen schön eingerichtet. Anscheinend sind Flos Eltern wohlhabend. Einmal erzählte er mir, sein Vater sei für die WHO früher im Kongo gewesen. Seine Eltern sind aber gerade nicht da. Sondern in Südafrika. Hinten in der Küche huscht nur der alte Angestellte herum. Ab und zu schielt er durch die Tür, um zu sehen, wer da im Wohnzimmer Platz genommen hat. Ich grüße ihn, worauf er mir ein lückenhaftes Lächeln zeigt. Eine sympathische Erscheinung. Flo und ich laufen los, Jonathan geht wieder nach Hause. Etwa fünf Minuten und wir sind da. Die Schule ist direkt gegenüber des Fußballstadions, wohin ich auch noch möchte, um mal ein Spiel zu sehen und burundische Stadionluft zu schnuppern. Colin meinte, die Stimmung sei immer gut.

 

Als wir ankommen, sind schon einige am Spielen. Einen kannte ich von zuvor. Den Namen hatte ich aber leider vergessen. Ich wusste nur noch, dass er in Georgia, USA, war, um zu studieren. Das stand jetzt auch auf seinem T-Shirt. Ein riesiger Mann. Bestimmt zwei Meter und einen Meter Schulterbreite. Na ja. Fast. Auf jeden Fall ein Tier und für Basketball mehr als nur geeignet. Dazu ist er eine absolut witzige Type. Ich glaube, er war auf dem Feld einer der ständigen Animateure, der immer was zu sagen hatte, immer lachte, immer mit den Händen wild gestikulierte. Überhaupt wurde beim burundischen Basketballspiel über das ganze Feld mehr diskutiert als gespielt. Ich muss ständig lachen. Ball aus? Faul? Wer? Ich mache ein paar schöne Fotos. Mich überkommt die Lust, selbst mitzuspielen, aber mit langer Leinenhose, Polo und Ledersandalen wäre ich wohl nicht ganz einsatzfähig gewesen, wie ich mir das gewünscht hätte. Also bleibe ich bei der Kamera. Die Stimmung ist hier eine ganz andere. Kein einziges „muzungu“, kein Anstarren, nichts. Noch nicht einmal um eine Zigarette wird man angeschnorrt.

 

Nach dem Spiel gehe ich wieder mit Flo zurück. Wir trinken noch ein Glas Wasser, dann muss ich gehen. Zuvor gab ich ihm noch die CD, die ich morgens mit Seeed gebrannt hatte. Er wollte mal deutschen HipHop hören. Jetzt hat er ihn. Als ich zu Hause ankomme, wartet Wäsche auf mich. Und danach lebe ich meinen Willen aus und spiele selbst Basketball. Mit Flugence, Emmanuel, Elias und Thérence aus unserem Heim. Kaum sind wir am Platz, strömen auch andere Jugendliche herbei. Wie immer. Und wie immer macht es Spaß. Als wir fertig sind – im wahrsten Sinne des Worts –, trifft ein Tiertransport neben dem Basketballplatz ein, wie ich ihn auf dem Land schon mehrfach gesehen habe. Voll mit Langhornrindern und oben, auf einem Zwischengitter, Ziegen. Die Rinder werden abgeladen, die Ziegen fahren weiter. Großer Auflauf, anscheinend ist das hier ein sehenswürdiges Spektakel. Auf jeden Fall formt sich eine Menschentraube um den kleinen Lkw. Die Kühe werden von der Ladefläche gepeitscht. Ich habe beinahe Angst, dass sich eine die Beine bricht, weil die Tiere von der Ladefläche ohne Rampe oder ähnliches auf die Straße springen müssen. Nach und nach verirren sich zwei Kühe auf das Spielfeld. Sofort eilt ein Junge herbei und zeigt den Rindern mit einem Bambusstock den richtigen Weg. Ein Bekannter hier in Burundi hat mal gesagt, dass Kühe die ärmsten Tiere der Welt sind. Sie werden ihr Leben lang geschlagen. Und dann, wenn sie einmal tot sind, auch dann wird noch auf sie eingedroschen. Nämlich weil ihr Fell als Bezug für die traditionellen Trommeln benutzt wird.

 

Nach dem Essen – Spaghetti mit Tomaten, Karotten und Paprika – bin ich platt. Müde, Rückenschmerzen. Durch die Anstrengung vom Sport und nicht zuletzt wegen der unglaublichen Hitze, die auch heute wieder Mensch und Tier schwitzen ließ. Für heute ist Feierabend. Morgen wird wieder gearbeitet. Ich freue mich schon beinahe drauf. Und zwar ohne jegliche Ironie!

 

Gedanken…

geschrieben am 22. März 2007 um 18:25 von burundikids

Donnerstag, 22. März 2007. 18 Uhr. Ich sitze auf dem Balkon Verenas, rauche eine Feierabendzigarette, bevor ich mich auf den Weg ins Heim mache. Durch das kleine, scheibenlose Fenster am anderen Ende des Balkons scheint die untergehende Sonne. Die Farbe ist unglaublich. Vieles geht mir durch den Kopf. Was alles, das kann ich an dieser Stelle noch nicht schreiben. Ich werde das Rätsel aber bald lösen, die Spannung aufheben. Ist jedenfalls nichts Schlimmes. Ich nenne es mal Bewahrung der inneren, privaten Sicherheit.

 

Mittlerweile bin ich aufgrund meiner Konsequenz beim Schreiben auf Seite 174 meines Word-Dokuments. Von vielen Seiten erreicht mich die Ermutigung: „Schreib doch ein Buch!“ Ich muss sagen, der Gedanke an sich gefällt mir, das Schreiben macht mir Spaß und liegt mir. Dennoch: Ein Buch würde so vieles mit sich bringen. Viel Arbeit, viel Zeit, viel Aufwand. Und dann ist immer noch nicht gesagt, dass es veröffentlicht wird. Und danach immer noch nicht, ob es auch jemand liest. Beziehungsweise, ob es jemanden interessiert. Außer diejenigen, die involviert sind, versteht sich. Sicherlich ein Gedanke, den ich behalten sollte, aber natürlich auch ganz genau durchdenken.

 

Ich mache mir derzeit viele Gedanken über die Zukunft der Fondation Stamm, Burundis, der Kids. Das Land wird mit Sicherheit in den kommenden Jahren aus dem schlimmsten Sumpf heraus kommen. Fortschritt wird sich nach und nach einstellen, die Standards gehoben. Wie als Hilfsorganisation mithalten? Es ist wichtig, dass wir mit der Zeit gehen. Ständig beobachten, wie sich das Umfeld entwickelt, welche Ansprüche bestehen, die befriedigt werden wollen. Langfristigkeit. Mit „bloßen“ Heimen und direkter Nothilfe, wie ich es mal nenne, wird es nicht für immer getan sein. Man muss weiter denken. Verenas großer Traum ist es, einmal ein Krankenhaus zu bauen. Mit dem Zentrum, das burundikids e. V. und die Fondation Stamm zusammen mit vielen anderen Unterstützern gerade bauen, ist schon mal ein großer Schritt in diese Richtung getan. Internat, Schule, Labor, medizinische Station, Ausbildung, Sportstätte, Kulturzentrum. Ein Gebilde, das sich weiterentwickeln kann, sich den Maßstäben der Gesellschaft in Burundi anpassen. Auf Dauer gilt es auch, darauf zu achten, dass man Einrichtungen schafft, die sich nach und nach mehr und mehr selbst tragen können. Die auch erwirtschaften, nicht immer nur von äußerer Hilfe abhängig sind. Dahin sollte alle Arbeit abzielen.

 

Das ist noch ein langer Weg. Aber, so denke ich, der richtige. Im Moment gilt es natürlich noch, die Folgen des Kriegs zu bewältigen. Kindern eine Chance zu geben, wie es so schön heißt. Aber dann, irgendwann, sollte der Sprung aus dieser „Ersten Hilfe“ gemacht und geschafft werden. Das sollte immer im Gedächtnis bleiben. Verenas Traum von einem Krankenhaus beispielsweise. Im Moment noch Hilfe für die Armen. Danach ohne Weiteres eine Einrichtung, die wirtschaftlich mithalten kann. Immer den Umständen angepasst.

 

Anderes Projekt, gleicher Gedanke. Was, wenn man eine Provinz Burundis als „Prototyp“ schaffen würde. Kooperationen mit Universitäten, Schulen, Vereinen, Clubs aller Art, vielleicht auch deutschen Bundesländern eingehen. Arbeitsgruppen, Projektgruppen bilden für Landwirtschaft, Wasserbau, Schulwesen, Ausbildungen, Nutzung von Bodenschätzen. Kooperationen mit Einrichtungen und Institutionen aller Art. Ist die Provinz dann so heraus- und ausgebildet, wie man es sich vorgenommen hat, finden sich Nachahmer in weiteren Provinzen. Ich finde, deutsche Universitäten hätten hierfür großes Potenzial. Forschung, Entwicklung, Lehre. Steht das nicht auf all deren Fahnen? Wieso nicht in Zusammenarbeit mit einem afrikanischen, in diesem Fall burundischen Partner(projekt)?

 

Viel strömt durch meinen Kopf. Große Dinge, die mit kleinen Schritten erreicht werden können. Aber man muss anfangen. Die Frage ist nur oft: wie? Und wie überhaupt andere dazu bewegen? Interesse wecken. „Was springt für mich dabei heraus?“ Genau darauf gilt es eine passende Antwort zu finden. Eine sinnvolle, von allen Seiten akzeptable Antwort. Muss denn immer alles über die Politik gehen? Ich meine nicht. Aber wer bin ich schon, ein kleiner Freiwilliger in Burundi. Ja, genau das. Und was ist die Fondation Stamm im entfernten Burundi, was burundikids? Aber soll man nicht klein anfangen? Mit kleinen Schritten voran kommen. Mit kleinen, bedachten Schritten vorwärts, anstatt schnell und unüberlegt hin und her zu springen, um sich danach die Frage zu stellen: Machte das jetzt Sinn? Haben wir erreicht, was wir wollten? Wie lange hält es? Man sollte immer zufrieden und nickend zurück schauen können. Aber da muss ich gleich bei mir selbst anfangen, bei meinem Jahr, einer auf den ersten Blick langen, aber doch so kurzen Zeit hier in Burundi.

 

Fahrt in den Süden

geschrieben am 21. März 2007 um 11:54 von burundikids

Immer noch Montag, 19. März 2007. 15.44 Uhr. Das Radio berichtet schlechte Neuigkeiten. Die Lage mit der Hungersnot spitzt sich zu. Der Bohnenpreis steigt weiter, die Nahrungsmittel werden immer knapper. In der Provinz Kayanza sind Fälle bekannt, in denen Familien ihre Kinder als Arbeitskräfte verkaufen, um von dem Geld dann Essen zu kaufen. Unvorstellbar. Aber eine nicht neue Methode in Ländern, deren Bevölkerung von Hungersnöten geplagt wird. Nur mittendrin zu sein, in solch einem Land, das macht das Ganze erst unheimlich. Gut, dass unsere Kids im Heim sind. Sie verkauft zu wissen, als bloße Ware, um dann als billige Arbeitskraft irgendwo unterzugehen, ist für mich ein Horrorszenario.

 

Dienstag, 20. März 2007. Ich erzählte schon öfter von einem neuen Bekannten aus Südafrika. Paul Eberhard heißt er und er setzt sich schon sehr viel für die burundikids ein, verbreitet unseren Namen, auch meinen Weblog, sucht nach Unterstützung für uns an allen Ecken und Enden. Obwohl wir uns „nur“ per Mail kennen, nicht persönlich – bislang. Das wird sich auch noch ändern, denn Paul und seine Frau Maria werden an Ostern eine große Tour mit ihrem „Buschtaxi“ (Toyota Landcruiser) durch das südliche und östliche Afrika starten. Die genaue Tour steht noch nicht fest, da es schwierig ist zu planen – aufgrund Hungersnöte, Ausschreitungen, Überschwemmungen. Fest steht nur, dass die Tour ein Abenteuer wird, mit mehreren Tausend Kilometern und – was mich sehr freut – einem Besuch bei unseren Projekten in Bujumbura. Dann wollen wir uns persönlich kennen lernen. Paul wird auf seiner Tour ebenfalls Tagebuch führen. Auch wo er sich mit seiner Frau gerade befindet, kann man auf seinen Internetseiten mitverfolgen. Der Link: http://paul.lebay.co.za . Ich bin gespannt, was er alles zu berichten hat. Mit Sicherheit eine spannende Sache. Ich persönliche freue mich auf die Einträge und vor allem auf unser Treffen in Burundi, das ihm aus einer spontanen Entscheidung heraus nun sehr am Herzen liegt.

 

Mittwoch, 21. März 2007. 11.25 Uhr. Benoits Geburtstag. Werde ihm gleich gratulieren, wenn er zur Mittagspause kommt. Besonders interessieren wird das niemand, in Burundi werden schließlich keine Geburtstage gefeiert. Viele wissen nicht einmal genau, wann sie haben. Nur die ungefähre Jahreszeit – oder den Monat. Namen wie Sylvestre oder Janvier sind daher nichts Ungewöhnliches.

 

Gestern hatten wir einen recht lockeren Tag. Obwohl ich eigentlich viel Arbeit im Kopf hatte, die ich erledigen wollte. Ich ließ mich dennoch auf den entspannten Tag ein – aus persönlichen Gründen. Wir – das sind Marie, Julia, ihr Freund Christian, Lena und ich, sowie Fahrer Melchiade – fuhren in Richtung Süden, zum „Hotel Mauss“. Ein kleines Häuschen, idyllischer könnte es nicht liegen. Direkt an einem steilen Hang steht es, geht man die Steintreppe hinunter, steht man in feinstem Sand am Ufer des Tanganyikasees, der an dieser Stelle türkis-klares Wasser hat. Unglaublich. Wirklich so etwas wie ein (fast) unentdecktes Paradies. Wir sind alleine. Unter der Woche ist hier kaum jemand, am Wochenende schon. Beliebtes Ausflugsziel für diejenigen, die es sich leiten können. Wir sitzen unter einem kleinen Strohschirm auf Metallstühlen. Der kleine Strandabschnitt wird auf beiden Seiten begrenzt von mächtigen, schwarzen Felsen. Ein schöner Anblick. Drüben, auf der anderen Uferseite, der Kongo. Der See glasklar. Die Sonne brennt.

 

Kurz darauf zieht ein kleines Gewitter auf. Es regnet aber nur kurz, dann zeigt sich die Sonne wieder. Der Boden ist im Nu wieder trocken. Im Wasser liegen riesige Felsen, auf denen man sich sonnen kann. Vögel zwitschern. Weiter hinten macht es sich eine Gruppe Männer im Schatten gemütlich und trinkt Amstel. Vor einem der glasklare See, weit entfernt der Kongo, hinter einem erst steile Felswand, dahinter Burundis grüne Hügel. Schönere Stellen als diese sind nur noch selten zu finden. Wir essen Fisch, Salate und Fleischspieße von der Ziege. Dazu Pommes oder Bananen. Alles sehr lecker. Noch dazu günstig. Die kalte Cola tut gut bei der Hitze.

 

Schon bei der Fahrt hinunter in den Süden fiel mir auf, dass diese Gegend hier anders ist als im Norden. Die Vegetation, die Gegend, die Häuser, die Menschen. Ganze Palmenplantagen sehen wir. Beeindruckend reihen sich die dicken Stämme hintereinander und man bekommt einen Anblick eines dunklen Walds. Zuvor, bevor Palmen das Landschaftsbild bestimmen, überall nur Bananenstauden. Ringsherum, soweit das Auge reicht. Links von der Straße mit den vielen Schlaglöchern den Berg hinauf, rechts davon bis zum Wasser hinunter. Die Häuser machen einen stabileren Eindruck als in den nördlichen Regionen. Die Menschen einen weniger armen. Zwar immer noch sehr einfach, aber man hat das Gefühl, das Leben ist hier ein anderes. Kein einziger „Muzungu“-Ruf. Was mich sehr erstaunt. Immer wieder erstrecken sich kleine Landzungen in den See hinein. Der Anblick ist unglaublich.

 

Als wir zurück fahren, spiegelt sich die Nachmittagssonne auf langer Strecke im Tanganyikasee. Ein Szenario wie auf der Postkarte, noch dazu im Vordergrund die Bananenstauden. Nur die Straße ist eine Herausforderung für jedes einzelne Gelenk. Man wird zwar durchgeschüttelt, aber dafür mit der Aussicht für alles entschädigt. Ein entspannter Tag. Als wir abends zurück nach Bujumbura kommen, etwa 45 Minuten Fahrt, setze ich mich dennoch noch ein wenig hinter das Notebook und arbeite. Was sein muss, muss sein.

 

Nachtrag zum Ministerbesuch

geschrieben am 19. März 2007 um 10:55 von burundikids

Montag, 19. März 2007. 10.35 Uhr in Burundi. Es wird langsam wieder warm. Heute Nacht und Morgen war es recht kalt (15 Grad?) mit Regen und starkem Wind. Jetzt kämpft sich aber die Sonne wieder durch und wärmt ein bisschen. Ich trage Jeans, ist immer noch nicht verkehrt. Langsam fange ich an, die Afrikaner zu verstehen, die in Deutschland eine Wollmütze tragen, sobald das Thermometer mal auf 20 Grad fällt. Der Körper gewöhnt sich an die Wärme.

 

Habe nochmals mit Verena über den Ministerbesuch und die vergangenen Tage gesprochen. Sie ist sehr zufrieden. Auch der Minister machte diesen Eindruck. Sie erzählte mir noch von dem Gespräch mit Burundis Präsident Nkurunziza, nachdem der Gorilla (siehe vorheriger Eintrag) alle Journalisten hinaus „gebeten“ hatte. Der Präsident habe Minister Rupprecht nicht nur die Hand geschüttelt, sondern ihn umarmt – in Burundi eine Geste der Freundschaft und bei einem ersten Treffen eigentlich eher unüblich. Der staatliche Fernsehsender – der einzige in Burundi – durfte die ganze Zeit über filmen. Die Ausstrahlung in den Nachrichten sorgte für große Aufregung. Dass der Präsident so was macht? Auch über die Fondation Stamm wird diese Tage nun geplaudert – in allen Ecken und allen Gesellschaftsschichten. Bewunderer, aber auch viele Neider. Tja, das bringt so etwas auch mit sich – Benoit hatte es voraus gesagt. Sogar wurden Stimmen laut, wieso die Fondation die Schule „bei den Hutus“ gebaut habe. „Da hinten“. Ich denke, wenn einem ansonsten die Argumente fehlen – meistens noch Leute, die selbst nicht einen Finger rühren –, dann begibt man sich aus innerem Frust und Neid auf ein sehr, sehr niedriges Niveau. Abprallen sollte so etwas. Dummes Geschwätz, auf gut Deutsch. Jedenfalls war es ein toller Erfolg für die Fondation Stamm. Zeitungen berichteten, Radiosender und das Fernsehen. Mehrmals. Allerhand Gesprächsstoff nun in Burundi.

 

In Deutschland scheint der Winter nochmals eingebrochen zu sein. Schnee und Hagel in manchen Ecken, in anderen bloß saukalt und Regen. Im Moment ist es hier recht angenehm, nicht zu heiß, nicht zu kalt.

 

Nachdem es auf der Seite „Bilder“ einige Probleme mit dem Vergrößern der Fotos gab, habe ich mich nochmals dahinter geklemmt. Es müsste nun alles funktionieren. Zum Abschluss habe ich noch zwei Linktipps für heute. Der erste:

 

www.minitraber.de

 

Ein super Engagement für die burundikids. Wir sind alle gespannt auf den Erfolg. Vielleicht hat ja noch der ein oder andere Interesse, dort vorbei zu schauen. Der zweite Link ist wieder Werbung in eigener Sache. Teile meines Tagebuchs wurden – natürlich in Absprache – fremdveröffentlicht, in Print und Online. Die digitale Version ist abzurufen auf:

 

http://diepresse.com/home/meinung/fangnetz/290727/index.do

 

Eine schöne Sache. Vor allem, weil hier nur die „interessantesten Weblogs“ vorgestellt werden. Ich nehme das mal als Lob hin.

 

Minister in Burundi

geschrieben am 18. März 2007 um 16:17 von burundikids

Sonntag, 18. März 2007. 12.40 Uhr burundische Zeit. Die Sonne brennt ziemlich, ein heißer Tag. Um 13.15 Uhr wird der Minister von Verena zum Flughafen für die Rückreise gebracht. Mit ihm auch seine Frau Frauke, Referatsleiter Günther Kruse, Nora und Bernd Weisbrod von Aktion Tagwerk und Volker Dattke von Human Help Network. Stressige, arbeitsreiche, aber auch schöne Tage gehen damit zu Ende. Im Moment beschäftigen mich zwar andere Dinge sehr, aber ich versuche, den Ministerbesuch mit allen Terminen nochmals Revue passieren zu lassen. Mein Kopf ist voll, meine Laune hält sich in Grenzen. Aber darüber schreibe ich in den kommenden Wochen mehr, je nachdem, wie sich die Dinge entwickeln.

 

Am Donnerstag kam also der lange erwartete Minister aus Brandenburg nach Burundi, um unsere Projekte der Fondation Stamm zu besuchen. In erster Linie, um unsere Schule in Bujumbura offiziell einzuweihen. Holger Rupprecht, Minister für Bildung, Jugend und Sport. Mit dabei bei der Delegation aus Deutschland: Ministerfrau Frauke, Günther Kruse, Referatsleiter im selben Ministerium und Nora Weisbrod, Geschäftsführerin von Aktion Tagwerk aus Mainz, außerdem noch Hanno Christ vom Rundfunk Berlin Brandenburg. Am Dienstag war schon Volker Dattke von Human Help Network (HHN) angereist, Fotograf Bernd Weisbrod bereits am Samstag. Bernd und Volker konnte ich somit schon ein wenig im Voraus kennen lernen, Nora (leider) nicht. Aber auch während des Trubels der Ministertage, wie ich es jetzt einfach mal nenne, hatten wir einige Gelegenheiten, uns zu unterhalten.

 

Im Waisenheim „Centre Uranderera“ herrschte bereits morgens (und schon Tags davor) helle Aufregung. Die Kids wuselten über das Gelände wie Ameisen. Jeder war beschäftigt, schwitzte in der Mittagssonne, schob Schubkarren durch die Gegend, entsorgte Mülle, sammelte Papierschnipsel auf, begradigte den Rasen, wo es nötig war. Die Terrasse wurde geschmückt, wo der Minister empfangen und Tänze aufgeführt werden. An für sich dauern die Vorbereitungen aber schon seit etwa fünf Monaten. Seit dem Zeitpunkt, als der genaue Termin für den Besuch fest stand. Kontinuierlich steigerte sich natürlich die Hektik und der Druck. Athanas und Beatrice, die Fondationsmitarbeiter und rechte und linke Hand Verenas, sind beschäftigt mit Planung, Telefongesprächen mit der Regierung, Koordinierung und und und. Von Verena ganz zu schweigen.

 

Um 15.30 Uhr war es dann so weit. Seit Stunden warteten die Kids – uns eingeschlossen – auf die Wagenkolonne. Dass Minister Rupprecht gleich am Flughafen offiziell und feierlich empfangen wird, damit hatte er nicht gerechnet. Die Prozedur dauerte ein Weilchen, danach trafen dann aber alle im Heim ein. Die gesamte Mannschaft war versammelt: natürlich die Kids, die Leiter, die Koch- und Nähschüler und einige Mitarbeiter der Fondation. Die Terrasse wurde mit Schriftzügen und kleinen Fähnchen – burundischen und deutschen – geschmückt. Glücklicherweise halfen Lena, Julia, Marie und ich hier und da mit. So konnte ich den einen Schneiderlehrling noch rechtzeitig darauf hinweisen, dass er gerade dabei war, eine belgische Fahne zu nähen. Schwarz-gold-rot. Änderung kein Problem. Dann passt alles. Die Mädchen hatten den Boden der Terrasse mehrmals geschrubbt. Im Nachhinein legten sie noch eine große, blaue Plane von UNICEF darüber. Aufregung pur.

 

Als die Wagenkolonne das rote Tor passiert, stehen alle in Reih und Glied und applaudieren. Der Minister ist auf den ersten Blick begeistert, strahlt und lacht. Was ihn auch von Anfang an sympathisch erscheinen lässt. Ein Eindruck, der sich in den folgenden Tagen mehrmals bestätigen sollte. Zu aller erst begrüßte Holger Rupprecht unsere Kids, die sich natürlich um ihn scharten. Jeder wollte die Hand reichen – wie es die burundische Höflichkeit verlangt. Aber auch, weil es etwas Besonderes ist. Ein Minister im Heim? Wann gibt es das schon. Im Anschluss führt Verena den Minister in die einzelnen Häuser. Ein kurzer Blick hinein, das muss reichen, das Programm ist nämlich entsprechend straff. Nachdem die Gruppe um den Minister wieder aus dem Haus der Jungs hinaus tritt, stehe ich da und schieße einige Fotos von ihm und Verena. „Ah, da ist ja schon der erste“, höre ich Verena sagen und schon halte ich die Hand Rupprechts. Ob es mir hier gefalle, fragt er mich. Aber klar doch! Dann bewegt sich der gesamte Pulk auf die Terrasse des Hauses, in dem wir Freiwillige wohnen. Dass so viele Menschen auf diese Terrasse passen, hatte ich vorher auch nicht gewusst. Aber es passte. Ein langer Tisch galt Verena, dem Minister, seiner Frau und dem burundischen Begleiter der Delegation. Davor war Platz für Tanzaufführungen. Am Rand waren Kuchen aufgebahrt, die die Kochschüler zusammen mit Kaffee und kalten Getränken servierten. Endlich eine Gelegenheit auch für sie, zu zeigen, was sie die ganze Zeit erlernt haben. Daneben stellten Déo, unser Kunstlehrer, und Kamulete, der Schneider, ihre Werke aus. Alles feinste Handarbeit. Alte Schule, gute Qualität. Der deutsche Minister bewundert die Dinge. Dann nimmt er Platz – nicht ohne seine Verpflichtungen als Gentleman wahrzunehmen und Verena den Stuhl hinzuschieben. Zu Kaffee und Kuchen gibt es Tänze unserer Mädels, natürlich traditionell burundisch mit entsprechenden Gewändern. Im Anschluss zeigte noch Emmanuel (15 Jahre) mit seinen Jungs, was sie HipHop-technisch drauf haben. Den Tanz hatten sie die ganzen Wochen zuvor geübt, meistens abends. Immer dieselben Lieder. Ich muss sagen, zeitweise war es anstrengend. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, die Tänze sind ein voller Erfolg. Aber dennoch werde ich den Kids in den folgenden Tagen eine andere CD brennen. Nicht ganz ohne Eigennutz.

 

Während der Tänze übergeben die Kids dem Minister selbst gemalte Bilder. Wahre Kunstwerke, von denen ich persönlich hoffe, dass sie sich im Büro in Potsdam wieder finden werden. Dem Minister scheint alles zu gefallen, jedenfalls ist er nur am Strahlen. Seine Frau Frauke ebenfalls. Ein sympathisches Paar. Referatsleiter Kruse und Volker sitzen etwas weiter ab vom Schuss. Nora nahm weiter vorne an der Seite Platz. Julia, Lena und Marie stehen auf der gegenüberliegenden Seite und schauen den Tänzen zu. Derweil sind Bernd und ich damit beschäftigt, schöne Aufnahmen zu machen, ohne uns gegenseitig ständig vor die Linse zu laufen. Aber es klappt ganz gut, teilweise mit Handzeichen und auch hektischen Fluchtbewegungen. Aber wir arrangieren uns. Ebenso Hanno, der mit seiner Filmkamera zu kämpfen hat. Ich denke, alle drei haben zum Schluss das Material, das sie wollten, bewegte und stille Bilder.

 

Knapp zwei Stunden dauerte der Besuch im Heim. Was mich sehr freute, war das Interesse, das Rupprecht auch uns Freiwilligen gegenüber zeigte. Auch seine Frau fragte nach unserer Arbeit , unserem Empfinden. Und Referatsleiter Kruse war mir ohnehin gleich sympathisch. Scheint ein lustiger Geselle zu sein. Nett! Auch habe ich die Gelegenheit, Nora kennen zu lernen. Vorerst nur kurz, aber gleich auf der selben Wellenlänge. Ihr Job für die Aktion Tagwerk scheint ihr Spaß zu machen. Sie steht dahinter und ich spüre auch den Ehrgeiz, etwas zu erreichen. Sehr gut! Wir wollen in Kontakt bleiben. Mit Hanno vom RBB unterhalte ich mich auch – jedoch nur kurz, wie es der Stress gerade zulässt. Dann schnappt er mich auch gleich noch für ein Interview. Da sich Marie und Lena weigerten, musste ich ran. Bin mal gespannt, ob er es (ausschnittsweise) verwendet. Verwenden kann. *lach* Zum Abschluss bekommt jeder der Besucher noch ein Geschenk. Eine Stofftasche mit Aufdruck „Centre Uranderera“ oder „Centre Birashoboka“ (unser Straßenkinderheim). Darin finden sich Kaffee und Tee aus Burundi. Ich weiß das, da ich sie selbst gepackt habe. Am Mittag zusammen mit Fulgence (17 Jahre).

 

Dann rauschen die Autos wieder davon. Ein Abendessen steht auf dem Plan, offiziell, mit burundischen Ministerkollegen. Auf der Terrasse im Heim bleibt die Musik laut. Die Kids tanzen und lachen, die Stimmung ist gut. Ich mache noch ein paar schöne Bilder, mit entzückenden, lachenden Gesichtern. Es ist etwas Wunderbares, die Kids zu beobachten, wenn es ihnen gut geht. Wenn sie sich ausgelassen benehmen können, wie es Kinder und Jugendliche tun können sollten. Das macht Spaß. Grund zur guten Laune gab es auch, schließlich war der Tag ein großer Erfolg.

 

Freitag. Der größte Tag für die Fondation beim Ministerbesuch. Die Einweihung der Schule im Stadtteil Kajaga. Um 8 Uhr fahren wir los, zuerst steht noch ein Treffen mit dem burundischen Kollegen im Ministerium für Bildung an. Vor Ort ist auch der Deutsche Botschafter, Thomas Mangartz. Der hatte auch am Tag davor kurz im Heim vorbei geschaut. Sein Terminplan ließ ihm leider nicht mehr Platz. Beim Ministertreffen war er jedoch die gesamte Zeit über anwesend. Verena fungiert als Dolmetscher zwischen Rupprecht und dem burundischen Amtskollegen. Sie macht einen guten Job, alle Achtung. Neben der Tatsache, dass es ohnehin nicht einfach ist, Französisch in Deutsch zu übersetzen – da die Sprach- und Wortwahl eine ganz andere, viel blumiger ist –, ist auch die Thematik eine nicht ganz leichte. Aber Verena erledigt das Ganze, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Kurz gekichert wird, als sie das Französisch des Burunders in Französisch an Rupprecht weiter gibt. „Deutsch, bitte“, sagt der burundische Minister und grinst. An der Wand ein Portrait des Präsidenten. Im Hintergrund die burundische Nationalflagge. Das schräge, weiße Kreuz hinter seinem runden Kopf lässt es aussehen wie einen Heiligenschein. Zufall oder eine Anspielung? Falls letzteres, eine ziemlich sarkastische. Wie auch immer.

 

Kurz vor 9 Uhr dann startet die Fahrt zur Schule. Unser Auto mit Nora, Volker, Athanas, Bernd und Fahrer Ali trifft kurz nach dem Minister ein. Die Trommler bereiten Rupprecht schon einen heißen Empfang. Das Trommeln hat etwas, das durch einen hindurch geht. Von Anfang bis Ende. Unbeschreiblich, man muss es live gehört und erlebt haben. Unzählige Schulkinder sind anwesend, alle tragen sie ein weißes T-Shirt, auf dem entweder Fondation Stamm oder Aktion Tagwerk steht. Der Mainzer Verein hat 150.000 Euro in den Bau investiert. Zusammen gekommen ist das Geld von Schülern aus Brandenburg, die sich 2006 zum dritten Mal an einem Tag von der Schule frei genommen hatten, um in Betrieben und Engagements in ihren Schulen Geld für dieses Projekt zu erarbeiten. Die 28.000 Schüler aus Brandenburg würdigte Rupprecht auch in seiner Einweihungsrede. Stolz sei er. Zu Recht, finde ich.

 

Nach dem Trommeln der offizielle Akt: Zusammen mit seinem burundischen Kollegen schneidet Rupprecht das Band durch, das in den Landesfarben grün-weiß-rot gehalten ist. Applaus. Verena platzt vor Stolz. Kann sie auch. Dann schaut die Delegation in jede einzelne Klasse, wo die Schüler sitzen und gespannt warten. Der Umgang des Ministers mit den Kindern ist beispielhaft. Keine Scheu, im Gegenteil. Er sucht die Nähe, fragt nach, ist interessiert. Ein Vollblutlehrer. Schulleiter war er auch. Bis 2004, als er Minister wurde und noch am selben Tag, als die Entscheidung fiel, deswegen eine Kubareise absagen musste. Kam mir zu Ohren. Nur so als kleine Anekdote am Rande.

 

Nach dem Streifzug durch die Klassen unter Blitzlichtgewitter nimmt der Brandenburger Platz auf einer kleinen Couch mit direktem Blick auf das Schulgebäude und die Trommler in ihren traditionellen Gewändern im Vordergrund. Zusammen mit dem burundischen Minister auf dem Sofa. Frauke Rupprecht sitzt auf einem Stuhl daneben, ebenso Verena und Referatsleiter Kruse, Milla Kühn von der Deutschen Botschaft in Bujumbura, später auch Nora und Volker. (Fast) alle strahlen sie. Bernd streunt umher auf der Suche nach den besten Motiven. Ebenso Hanno. Ich natürlich auch. Es folgen Trommeldonner, Tänze von Mädchen aus einem Flüchtlingslager der Fondation, Gedichte von Schülern, Geschenkübergaben an den deutschen Besuch und – natürlich – Reden. Verena ist recht aufgeregt, macht ihre Sache aber sehr gut. Applaus. Als der Minister seine Rede auf deutsch hält, übersetzt Milla Kühn für das Publikum, das links und rechts an dein Seiten gespannt unter Pavillons saß.

 

Ich streife etwas umher, fotografiere auch die Polizisten, die uns die gesamte Zeit begleiten. Einige lachen, andere schauen extra noch böser als vorher. Mir egal, ich drücke ab. Dann begegne ich Thomas Mangartz, unserem Botschafter hier in Burundi. Zusammen mit seinem Mitarbeiter Helmut Holzheuer steht er im Durchgang der Schule. Wir rauchen eine zusammen. Zumindest Holzheuer und ich. Mangartz ist Nichtraucher. Als sich Holzheuer eine ansteckt, sage ich, dass das eine gute Idee sei und greife in meine Tasche. „Ach, Sie sind Raucher?“ entgegnete er mir beinahe schon erfreut, endlich jemanden gefunden zu haben. Man traue sich ja schon gar nicht mehr zu fragen heutzutage, meint er. Sonst hätte er mir gleich eine angeboten. Das tat er eben jetzt. Ich nehme gerne und dankend an, dann stehen wir dampfend nebeneinander und plaudern ein wenig. Ein ungezwungenes, lockeres Gespräch. Die beiden, Mangartz und Holzheuer, sind anscheinend immer für ein Scherzchen zu haben.

 

Nora wird interviewt. Als Geschäftsführerin von Aktion Tagwerk. Ich helfe Hanno aus, um das Mikro zu halten, während er filmt, da Nora vergessen hatte, für ihn den Mikrohalterstab einzupacken. Kein Problem, wie ich das Ding zu halten und wo ich zu stehen habe, weiß ich ja noch aus der Zeit, als ich in Karlsruhe beim Fernsehen gearbeitet habe. Später interviewt Hanno noch Minister Rupprecht, der hält das Mikro aber gleich selbst. Dann, gegen 11 Uhr, rauschen wir los – voraus Polizeisirenen – in Richtung Cibitoke im Nordosten Burundis. Wo und niemand Geringeres empfangen möchte als Pierre Nkurunziza, Burundis Präsident höchstpersönlich. Der Besuch wurde kurzfristig eingeplant, weshalb das Programm nochmals kurz vorher umgeworfen werden musste. Bei Julia und Marie sorgte das für ziemliches Unbehagen, denn das bedeutete, dass das Musical nicht aufgeführt werden konnte, das die beiden in schweißtreibender Arbeit seit fünf Monaten mit einer dritten Klasse einstudiert haben. War die Arbeit umsonst? Die Gemüter sind betrübt. Die einen sind sauer, die anderen enttäuscht. Aber abwarten. Die Kulisse der Schule wäre natürlich optimal gewesen, gerade weil auch die ganzen Schüler hätten dabei sein können.

 

Eine Stunde bis Cibitoke. Die Fahrt über plaudere ich mit Nora, auch ein wenig mit Volker. Ich versuche, mir ein wenig einen Überblick zu verschaffen, wie die Aktion Tagwerk, HHN und die Fondation Stamm zusammenhängen. Jetzt blicke ich durch. Zumindest glaube ich das. An dieser Stelle möchte ich auch gleich erwähnen, dass am 19. Juni die nächste „Aktion Tagwerk – Dein Tag für Afrika“ sein wird, bei der sich Schüler zum ersten Mal bundesweit und zusammen mit UNICEF für acht Projektländer in Afrika engagieren können. Auch für den weiteren Schulbau der Fondation Stamm.

 

In Cibitoke steige ich aus dem Auto aus und folge dem Pulk. Ich schaue auf den unebenen Boden, um mir nicht die Haxen zu brechen. Dann sehe ich ein Paar Bluejeans vor mir. Ich schaue weiter hoch und sehe eine blaue Sportjacke. Dann habe ich schon eine Hand, die sich mir entgegen streckt. Ich schaue in ein Gesicht, das mir verdammt bekannt vorkommt. „How are you doing?“ schallt es mir entgegen. Erst als ich antworte, wird mir bewusst, dass ich gerade die Hand des burundischen Präsidenten schüttle. Pierre Nkurunziza stand vor mir und lächelte – etwas aufgesetzt –, der Mann, den ich sonst nur von Bildern aus den Ministerien und manchen Geschäften und Bistros kenne. Tatsache, er war es. Nicht zuletzt verrieten mir das die grimmig dreinschauenden Männern in den olivgrünen Hemden. Seine Bodyguards. Der berühmt berüchtigte burundische Sicherheits- und Geheimdienst. Aber das ist eine andere (lange) Geschichte.

 

Der Präsident geht ins Haus. Zuvor schüttelt er aber noch Benoits Hand, der ebenfalls mit uns mitgefahren war. Beide lächeln einander an, ein schönes Bild! Dann verschwinden sie im Innern, gefolgt von der deutschen Delegation. Ein Sicherheitsmensch ist bemüht, Ordnung in den einheimischen Journalistenhaufen zu bekommen. Einige lässt er durch, andere bleiben fluchend draußen stehen. Ich bekomme Zutritt, zum einen weil Athanas ihm sagte, dass ich zur Delegation gehöre, zum anderen, weil ich ihm meinen internationalen Presseausweis unter die Nase halte. Endlich ist dieses Ding zu etwas zu gebrauchen. Ein prunkvoll aussehendes, beinahe schon kitschiges Dokument. Rotes Leder mit goldener Schrift. „International Press“. Ha ha. Wichtig. Immerhin erfüllt er gerade seinen Zweck. Drinnen: Hektik. Blitzlichter. Horden von Journalisten in einem viel zu kleinen Raum. Ich knie mich hin und kriege somit ein paar schöne Bilder. Nicht ganz leicht, da der Präsident auf einem Sofa vor dem Fenster sitzt. Also gegen das Licht fotografieren. Noch dazu einen Menschen mit dunkler Hautfarbe. Selbst die digitale Spiegelreflex wird hier gefordert, nicht etwa nur die Kopfumrisse einzufangen. Aber es klappt. Dann werden alle Mediengeier wieder hinaus geschickt. Der Aufforderung des zwei Meter großen Gorilla in Militäruniform widerspricht keiner. Der Umgang mit der Presse ist hierzulande bekannt.

 

Draußen packt mich der Durst. Ich wate mit Athanas und Sylvère, dem Psychologen der Fondation Stamm, der ebenfalls mitgekommen war, durch das Gras, hinüber zu einem kleinen Bistro, wo wir vor einigen Wochen schon einmal waren, als wir uns in Cibitoke über die aktuelle Lage der Hungersnot und Überschwemmung erkundigt hatten. Leider geschlossen. Dafür stehen unzählige Militärs und Polizisten um uns herum. Die ganze Gegen steht voll. Ab und an auch schwere Maschinengewehre. Die Typen, die sie halten, sehen teilweise jünger aus als 18. Besonders fällt mir ein Junge auf, der in der Schutzgarde für Rupprecht die gesamte Zeit über bei uns ist. Er sieht aus wie 15 oder 16. Mit seinem Spielzeug, der Kalaschnikow. Er schaut die ganze Zeit über nur böse. Was ihm über die Leber gelaufen ist, weiß ich nicht. Ich frage auch nicht nach. Einige Kids spielen Basketball. Hanno steht mittendrin und filmt sie. Gelächter einiger Polizisten, die im Schatten stehen. Darum herum ein Pulk von Schaulustigen.

 

Nach einer halben Stunde kommt der ganze Trupp wieder aus dem Haus. Nur der Präsident bleibt drinnen. Anscheinend hat er hier noch etwas anderes zu erledigen. In einem Nebenraum des Bistros hatte ich unzählige Stühle gesehen, die in Richtung eines Tischs vorne ausgerichtet waren. Ob Nkurunziza hier noch eine Rede hält? Der Name bedeutet im Übrigen „Gute Nachricht“. Wer jetzt was darüber denkt, ist jedem selbst überlassen. Wir steigen in die Autos und brausen weiter. Zuvor mache ich noch ein Foto von Mangartz, Holzheuer und Kühn, die gerade so schön beieinander stehen. Mangartz scherzt noch, er wolle nicht erpresst werden. Ich entgegne, man wisse nie, für was dieses Foto noch gut sein könnte. Später erfahre ich, dass Mangartz und Holzheuer selten zusammen zu sehen seien, auf Terminen. Noch dazu mit Milla Kühn. Wusste ich doch, dass ich dieses Bild machen sollte. Was man hat, hat man.

 

 

Außerplanmäßige Einlage: Ein Besuch beim deutschen Soldatenfriedhof aus dem Ersten Weltkrieg, etwa zehn Minuten entfernt. Mit Sirenenheulen geht es dann zurück. Vor uns ist gerade der Präsident auf die große Straße eingebogen. Die Autokolonne wird somit etwas unübersichtlich. Und unüberschaubar lang. Was in den Köpfen der Leute am Straßenrand vorgehen mag, würde mich auch mal interessieren. Muss ja ein unglaubliches Schauspiel sein. Theater. Das Staunen ist jedenfalls groß. Ich denke noch, wenn wir so in Bujumbura einfahren, ist die gesamte Stadt verstopft. Aber dazu kommt es nicht, der Präsident hat anscheinend noch einen weiteren Besuch eingeplant und biegt ab.

 

Auch wir stoppen kurz. Frauke Rupprecht wollte noch über einen kleinen Markt laufen, erleben, wie das Getümmel ist. Der gesamte Trupp spaziert also durch eine laute, wild gestikulierende Menschenmenge. Die einen betteln, die anderen wollen verkaufen, andere plaudern oder rufen einfach nur ohne ersichtliche Absicht. Ein alter Mann spricht mich auf Kirundi an und hält die Hand auf. Sofort stürmt der junge Polizist mit seinem gefährlichen Spielzeug heran und will den Alten damit von mir wegdrücken. Ich lege ihm die Hand auf die Schulter und sage ihm, es sei in Ordnung, er solle langsam machen. „Buhoro, buhoro“. Anscheinend sind beide etwas erstaunt – Polizist und alter Mann. Situation entspannt und geklärt. Gut so. Der Minister kämpft sich derweil durch den Pulk zurück ins Auto. Lächelnd. Mir wird noch ein Fisch unter die Nase gehalten. Ich lehne dankend ab. Aber frisch scheint er zu sein, zumindest zappelt er noch.

 

Dann aber ab die Post zurück nach Bujumbura, wo wir schon im Straßenkinderheim „Birashoboka“ erwartet werden. Zuvor aber noch eine kleine Pause mit Snack und kaltem Wasser und ein Besuch beim Minister für Jugend und Sport. Der ist allerdings nicht persönlich anwesend, sondern sein Stellvertreter. Der gibt aber ebenso gerne Auskunft und – natürlich – den obligatorischen „Wunschzettel“ mit Dingen, die man sich vom deutschen Besuch für die Zukunft erhofft. Spontan fällt mir das Buch von Bartholomäus Grill ein: „Ach Afrika!“ Darin schreibt er in einer gelungenen, witzigen Art, dass die Bettelei vom Straßenkind bis zum Politiker im Prinzip dieselbe sei. Beim einen eben nur entsprechend diplomatisch formuliert.

 

Die Trommler haben sich schon zurecht gemacht und zeigen ihr bestes Können. Minister Rupprecht und Frau strahlen. Beeindruckend sind, finde ich, nicht nur das bloße Trommeln, sondern die kleinen Theaterstücke, die in den Rhythmus mit eingebaut sind. Sie behandeln Themen der burundischen Gesellschaft. Bildung, Ackerbau, Aids, Gewalt. Danach gibt es noch Turnvorführungen mit dem alten Lkw-Reifen und traditionell burundische Tänze. Der Minister hat mittlerweile auf dem bereitgestellten Sofa nebst Gattin und Verena Platz genommen. Auch hier Geschenke. Mit weniger Gepäck als nach Burundi hätten sie anscheinend nach Hause fliegen wollen. Dachten sie. Was aber an Präsenten zurück kommt, davon zeigt sich das Paar überwältigt. Anscheinend sowieso über den ganzen Rummel, der extra für sie veranstaltet wird. Ein Umstand, der die Rupprechts noch sympathischer werden lässt. Keine Spur von Hochnäsigkeit. Lobenswert und keinesfalls selbstverständlich. Zum Abschluss darf (muss?) das Ehepaar Rupprecht noch selbst die Stöcke in die Hand nehmen und die Trommel bearbeiten. Gelächter. Und Spaß.

 

Spontan fällt dann noch der Entschluss, ins „Musée Vivant“, den kleinen Zoo nebenan zu gehen. Ich sehe Romeo, Julia und Lacoste, die drei Krokodile, die dort mehr oder eher weniger artgerecht gehalten werden. Außerdem noch drei, vier kleinere Krokos. Schildkröten teilen sich mit den großen Echsen die Gehege. Anscheinend vertragen sie sich. Schlangen haben sie auch. Der Zoowächter holt eine Viper aus der Vitrine und legt sie auf den Boden. Nur wenn man drauftrete sei sie gefährlich, versichert er. Abstand halten wir dennoch alle. Vor allem die burundischen Begleiter scheinen besonders Schiss zu haben. Ich schmunzle, weil sie sich benehmen wie die Kinder. Minister Rupprecht scheint aber recht interessiert und seine kindliche Neugierde geweckt zu sein. Erst auf Aufforderung seiner Frau aus dem Hintergrund nimmt er ein wenig Abstand. Mich fasziniert die Grüne Mamba, die sich auf einem kleinen Ast zusammen gekringelt hat und mich durch das Maschendrahtgitter beobachtet. Über dessen Existenz ich im Übrigen sehr froh bin.

 

Damit war der Tag dann auch wieder beendet. Abends hatte der Minister mit seiner Delegation noch ein offizielles Essen bei der burundischen Regierung, ich bleibe fern.

 

Am Samstag stand eine Fahrt nach Muyinga ganz im Osten Burundis an. Auch dieser Reise bleibe ich fern. Statt dessen arbeite ich einige Dinge ab, die in den vergangenen Tagen liegen geblieben sind. Auch meine Chipkarten von der Kamera musste ich endlich entleeren, wenn ich noch weitere Bilder machen will. Abends treffen wir dann wieder zusammen – alle. Essen in Verenas Restaurant „Chez André“. Am Tischkopf nehmen Minister Rupprecht und Verena Platz, um die Ecke sitzt dann Frauke Rupprecht, gefolgt von Benoit, Hanno Christ, mir, Lena, Christian (Julias Freund, der derzeit für zehn Tage zu Besuch in Burundi verweilt) und Julia. Am anderen Ende der Tafel sitzen Marie, Bernd, um die Ecke wiederum Nora, Volker, Beatrice, Athanas, Holzheuer und Milla Kühn. Eine angenehme Runde, es geht offen und lustig zu. Ich unterhalte mich lange mit Hanno.

 

Nach der Vorspeise – Tzatziki, Blätterteig mit Käse und Spinat – bittet Verena dann in den Nebenraum. Das Musical ist Teil des Abends. Wo es doch leider bei der Schuleröffnung nicht stattfinden konnte, hat man es für diesen Abend organisiert. Schon mittags wurden alle Kids eingesammelt und zum „Chez André“ gefahren, wo sie seitdem warteten. Zur Zeitüberbrückung spielten sie Fuß- und Federball, tanzten und sangen. Ich hörte es den Mittag über, weil ich auf der Terrasse saß und arbeitete. Es war schön anzusehen, wie die Kids im Hof herum hüpften. Dann stieg die Aufregung. In ihren süßen Kostümen kamen sie herein, einer nach dem anderen. Tage und Nächte hatte Julia damit zugebracht, die aufwändigen Kostüme zu nähen. Als ihre Mutter zu Besuch war, hatte auch sie sich Nadel und Garn geschnappt. Und auch Lena beteiligte sich an der Fertigstellung von Seesternen, Tintenfischen und unzähligen, kleinen Faltpapierfischen. „Der Regenbogenfisch“ und alle anderen Kids sahen richtig putzig aus. Von Aufregung während der Aufführung keine Spur. Alles sangen sie laut und deutlich. Das Publikum ist begeistert. Grinsen am laufenden Band. Als die letzte Strophe des Musicals vorbei ist, tobender Applaus. Milla Kühn zeigte sich sogar so begeistert, dass sie das letzte Lied vom „Regenbogenfisch“ nochmals hören wollte – und dabei mit den Kids mit tanzen. Dem schloss sich die versammelte Mannschaft an. Rupprechts, Kruse, Christ, Stamm und wie sie alle da standen, beziehungsweise jetzt tanzten. Den Kids machte es Spaß, dass ihre Mühen so gut ankamen. Sie strahlten und hatten sie das Essen im Anschluss mehr als verdient. Auch die Lehrer der Fondations-Schule waren da und konnten während des Musicals nicht stillhalten, wippten mit und versuchten, mitzusingen.

 

Marie und Julia waren ebenfalls stolz. Können sie auch sein. Immerhin steckt eine große Arbeit dahinter. Dass das Stück nun doch noch aufgeführt werden konnte, besänftigte die anfangs zornigen Gemüter. Vielleicht bietet sich ja nochmals eine Chance für die Kids, ihr Musical zu zeigen. Milla Kühn jedenfalls befürwortete das sofort. Dann ging es an den Hauptgang. Zwischen Fisch und Fleisch – jeweils auf zwei unterschiedliche Arten zubereitet – konnte man wählen. Ich habe Rindfleisch mit Pfeffersauce. Dazu wird noch allerlei Burundisches serviert. Maniokgemüse, Kochbananen mit Gemüse und frittierte Bananen. Es wäre ja nicht zu verantworten, dass der Minister Burundi wieder verlässt, ohne ein Mal etwas Landestypisches gegessen zu haben.

 

Nach dem Nachtisch, Vanilleeis auf Ananas, war es Zeit, sich zu bedanken. Minister Rupprecht fasst sich absichtlich kurz, da er – ich denke, wie alle Beteiligten – froh war, endlich keine Rede mehr halten zu müssen. Er dankte Verena von ganzem Herzen und – mit Erlaubnis von Benoit, der schmunzelte – umarmte sie auch. Verena zeigte sich erleichtert, dass alles so reibungslos klappte, bedankte sich ebenfalls bei den Besuchern und versicherte, dass es für die Fondation ein großer Fortschritt sein. Benoit schloss sich dem Ganzen an und fügte hinzu, dass es sehr selten vorkomme, dass ein Minister einen Verein besuche. Zum Abschluss richtete noch Referatsleiter Kruse ein paar Worte an Verena und Benoit, dann bekamen die beiden ein paar Geschenke aus Brandenburg. „Die normalerweise nur Minister bekommen“, versichert und lacht Rupprecht. Eine Ehre für Verena. Alles bestens. Alle zufrieden. Ein Erfolg, das kann man so stehen lassen.

 

Gegen 23 Uhr löst sich die Runde allmählich auf. Ich plaudere noch kurz mit dem Ehepaar Rupprecht und Herrn Kruse. Mit Hanno tausche ich noch Kontaktdaten aus. Dann nehmen wir Abschied und hoffen beiderseits auf weiteren Kontakt. Auch Nora, Bernd und Volker sind müde und verabschieden sich in Richtung Bett. Marie und ich gehen auf dem Heimweg noch kurz in der „Kiriri-Bar“ vorbei und trinken mit den Jungs ein Bierchen. Christian, einer von ihnen, ist besonders gut gelaunt und scherzt nur. Er will auf die Schnelle einen Deutschkurs von mir. Was auch klappt, er versteht sehr schnell und spricht es auch gut aus. Dann wird es aber auch für Marie und mich Zeit, ins Bett zu gehen. Also machen wir uns auf den Heimweg.

 

Heute, Sonntag, verabschieden sich Nora, Bernd und Volker. Am Vormittag waren sie noch mit dem Minister unser Heim für junge Mütter besuchen, am Strand und ein wenig von der Stadt besichtigen. Dann ging es ab zum Flughafen Richtung Heimat. Und hier in Bujumbura kehrt auch für uns allmählich wieder der Alltag ein. Arbeit steht an, die in den vergangenen Tagen liegen blieb und sich jetzt auf den Schreibtischen stapelt.