Minister in Burundi
Sonntag, 18. März 2007. 12.40 Uhr burundische Zeit. Die Sonne brennt ziemlich, ein heißer Tag. Um 13.15 Uhr wird der Minister von Verena zum Flughafen für die Rückreise gebracht. Mit ihm auch seine Frau Frauke, Referatsleiter Günther Kruse, Nora und Bernd Weisbrod von Aktion Tagwerk und Volker Dattke von Human Help Network. Stressige, arbeitsreiche, aber auch schöne Tage gehen damit zu Ende. Im Moment beschäftigen mich zwar andere Dinge sehr, aber ich versuche, den Ministerbesuch mit allen Terminen nochmals Revue passieren zu lassen. Mein Kopf ist voll, meine Laune hält sich in Grenzen. Aber darüber schreibe ich in den kommenden Wochen mehr, je nachdem, wie sich die Dinge entwickeln.
Am Donnerstag kam also der lange erwartete Minister aus Brandenburg nach Burundi, um unsere Projekte der Fondation Stamm zu besuchen. In erster Linie, um unsere Schule in Bujumbura offiziell einzuweihen. Holger Rupprecht, Minister für Bildung, Jugend und Sport. Mit dabei bei der Delegation aus Deutschland: Ministerfrau Frauke, Günther Kruse, Referatsleiter im selben Ministerium und Nora Weisbrod, Geschäftsführerin von Aktion Tagwerk aus Mainz, außerdem noch Hanno Christ vom Rundfunk Berlin Brandenburg. Am Dienstag war schon Volker Dattke von Human Help Network (HHN) angereist, Fotograf Bernd Weisbrod bereits am Samstag. Bernd und Volker konnte ich somit schon ein wenig im Voraus kennen lernen, Nora (leider) nicht. Aber auch während des Trubels der Ministertage, wie ich es jetzt einfach mal nenne, hatten wir einige Gelegenheiten, uns zu unterhalten.
Im Waisenheim „Centre Uranderera“ herrschte bereits morgens (und schon Tags davor) helle Aufregung. Die Kids wuselten über das Gelände wie Ameisen. Jeder war beschäftigt, schwitzte in der Mittagssonne, schob Schubkarren durch die Gegend, entsorgte Mülle, sammelte Papierschnipsel auf, begradigte den Rasen, wo es nötig war. Die Terrasse wurde geschmückt, wo der Minister empfangen und Tänze aufgeführt werden. An für sich dauern die Vorbereitungen aber schon seit etwa fünf Monaten. Seit dem Zeitpunkt, als der genaue Termin für den Besuch fest stand. Kontinuierlich steigerte sich natürlich die Hektik und der Druck. Athanas und Beatrice, die Fondationsmitarbeiter und rechte und linke Hand Verenas, sind beschäftigt mit Planung, Telefongesprächen mit der Regierung, Koordinierung und und und. Von Verena ganz zu schweigen.
Um 15.30 Uhr war es dann so weit. Seit Stunden warteten die Kids – uns eingeschlossen – auf die Wagenkolonne. Dass Minister Rupprecht gleich am Flughafen offiziell und feierlich empfangen wird, damit hatte er nicht gerechnet. Die Prozedur dauerte ein Weilchen, danach trafen dann aber alle im Heim ein. Die gesamte Mannschaft war versammelt: natürlich die Kids, die Leiter, die Koch- und Nähschüler und einige Mitarbeiter der Fondation. Die Terrasse wurde mit Schriftzügen und kleinen Fähnchen – burundischen und deutschen – geschmückt. Glücklicherweise halfen Lena, Julia, Marie und ich hier und da mit. So konnte ich den einen Schneiderlehrling noch rechtzeitig darauf hinweisen, dass er gerade dabei war, eine belgische Fahne zu nähen. Schwarz-gold-rot. Änderung kein Problem. Dann passt alles. Die Mädchen hatten den Boden der Terrasse mehrmals geschrubbt. Im Nachhinein legten sie noch eine große, blaue Plane von UNICEF darüber. Aufregung pur.
Als die Wagenkolonne das rote Tor passiert, stehen alle in Reih und Glied und applaudieren. Der Minister ist auf den ersten Blick begeistert, strahlt und lacht. Was ihn auch von Anfang an sympathisch erscheinen lässt. Ein Eindruck, der sich in den folgenden Tagen mehrmals bestätigen sollte. Zu aller erst begrüßte Holger Rupprecht unsere Kids, die sich natürlich um ihn scharten. Jeder wollte die Hand reichen – wie es die burundische Höflichkeit verlangt. Aber auch, weil es etwas Besonderes ist. Ein Minister im Heim? Wann gibt es das schon. Im Anschluss führt Verena den Minister in die einzelnen Häuser. Ein kurzer Blick hinein, das muss reichen, das Programm ist nämlich entsprechend straff. Nachdem die Gruppe um den Minister wieder aus dem Haus der Jungs hinaus tritt, stehe ich da und schieße einige Fotos von ihm und Verena. „Ah, da ist ja schon der erste“, höre ich Verena sagen und schon halte ich die Hand Rupprechts. Ob es mir hier gefalle, fragt er mich. Aber klar doch! Dann bewegt sich der gesamte Pulk auf die Terrasse des Hauses, in dem wir Freiwillige wohnen. Dass so viele Menschen auf diese Terrasse passen, hatte ich vorher auch nicht gewusst. Aber es passte. Ein langer Tisch galt Verena, dem Minister, seiner Frau und dem burundischen Begleiter der Delegation. Davor war Platz für Tanzaufführungen. Am Rand waren Kuchen aufgebahrt, die die Kochschüler zusammen mit Kaffee und kalten Getränken servierten. Endlich eine Gelegenheit auch für sie, zu zeigen, was sie die ganze Zeit erlernt haben. Daneben stellten Déo, unser Kunstlehrer, und Kamulete, der Schneider, ihre Werke aus. Alles feinste Handarbeit. Alte Schule, gute Qualität. Der deutsche Minister bewundert die Dinge. Dann nimmt er Platz – nicht ohne seine Verpflichtungen als Gentleman wahrzunehmen und Verena den Stuhl hinzuschieben. Zu Kaffee und Kuchen gibt es Tänze unserer Mädels, natürlich traditionell burundisch mit entsprechenden Gewändern. Im Anschluss zeigte noch Emmanuel (15 Jahre) mit seinen Jungs, was sie HipHop-technisch drauf haben. Den Tanz hatten sie die ganzen Wochen zuvor geübt, meistens abends. Immer dieselben Lieder. Ich muss sagen, zeitweise war es anstrengend. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, die Tänze sind ein voller Erfolg. Aber dennoch werde ich den Kids in den folgenden Tagen eine andere CD brennen. Nicht ganz ohne Eigennutz.
Während der Tänze übergeben die Kids dem Minister selbst gemalte Bilder. Wahre Kunstwerke, von denen ich persönlich hoffe, dass sie sich im Büro in Potsdam wieder finden werden. Dem Minister scheint alles zu gefallen, jedenfalls ist er nur am Strahlen. Seine Frau Frauke ebenfalls. Ein sympathisches Paar. Referatsleiter Kruse und Volker sitzen etwas weiter ab vom Schuss. Nora nahm weiter vorne an der Seite Platz. Julia, Lena und Marie stehen auf der gegenüberliegenden Seite und schauen den Tänzen zu. Derweil sind Bernd und ich damit beschäftigt, schöne Aufnahmen zu machen, ohne uns gegenseitig ständig vor die Linse zu laufen. Aber es klappt ganz gut, teilweise mit Handzeichen und auch hektischen Fluchtbewegungen. Aber wir arrangieren uns. Ebenso Hanno, der mit seiner Filmkamera zu kämpfen hat. Ich denke, alle drei haben zum Schluss das Material, das sie wollten, bewegte und stille Bilder.
Knapp zwei Stunden dauerte der Besuch im Heim. Was mich sehr freute, war das Interesse, das Rupprecht auch uns Freiwilligen gegenüber zeigte. Auch seine Frau fragte nach unserer Arbeit , unserem Empfinden. Und Referatsleiter Kruse war mir ohnehin gleich sympathisch. Scheint ein lustiger Geselle zu sein. Nett! Auch habe ich die Gelegenheit, Nora kennen zu lernen. Vorerst nur kurz, aber gleich auf der selben Wellenlänge. Ihr Job für die Aktion Tagwerk scheint ihr Spaß zu machen. Sie steht dahinter und ich spüre auch den Ehrgeiz, etwas zu erreichen. Sehr gut! Wir wollen in Kontakt bleiben. Mit Hanno vom RBB unterhalte ich mich auch – jedoch nur kurz, wie es der Stress gerade zulässt. Dann schnappt er mich auch gleich noch für ein Interview. Da sich Marie und Lena weigerten, musste ich ran. Bin mal gespannt, ob er es (ausschnittsweise) verwendet. Verwenden kann. *lach* Zum Abschluss bekommt jeder der Besucher noch ein Geschenk. Eine Stofftasche mit Aufdruck „Centre Uranderera“ oder „Centre Birashoboka“ (unser Straßenkinderheim). Darin finden sich Kaffee und Tee aus Burundi. Ich weiß das, da ich sie selbst gepackt habe. Am Mittag zusammen mit Fulgence (17 Jahre).
Dann rauschen die Autos wieder davon. Ein Abendessen steht auf dem Plan, offiziell, mit burundischen Ministerkollegen. Auf der Terrasse im Heim bleibt die Musik laut. Die Kids tanzen und lachen, die Stimmung ist gut. Ich mache noch ein paar schöne Bilder, mit entzückenden, lachenden Gesichtern. Es ist etwas Wunderbares, die Kids zu beobachten, wenn es ihnen gut geht. Wenn sie sich ausgelassen benehmen können, wie es Kinder und Jugendliche tun können sollten. Das macht Spaß. Grund zur guten Laune gab es auch, schließlich war der Tag ein großer Erfolg.
Freitag. Der größte Tag für die Fondation beim Ministerbesuch. Die Einweihung der Schule im Stadtteil Kajaga. Um 8 Uhr fahren wir los, zuerst steht noch ein Treffen mit dem burundischen Kollegen im Ministerium für Bildung an. Vor Ort ist auch der Deutsche Botschafter, Thomas Mangartz. Der hatte auch am Tag davor kurz im Heim vorbei geschaut. Sein Terminplan ließ ihm leider nicht mehr Platz. Beim Ministertreffen war er jedoch die gesamte Zeit über anwesend. Verena fungiert als Dolmetscher zwischen Rupprecht und dem burundischen Amtskollegen. Sie macht einen guten Job, alle Achtung. Neben der Tatsache, dass es ohnehin nicht einfach ist, Französisch in Deutsch zu übersetzen – da die Sprach- und Wortwahl eine ganz andere, viel blumiger ist –, ist auch die Thematik eine nicht ganz leichte. Aber Verena erledigt das Ganze, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Kurz gekichert wird, als sie das Französisch des Burunders in Französisch an Rupprecht weiter gibt. „Deutsch, bitte“, sagt der burundische Minister und grinst. An der Wand ein Portrait des Präsidenten. Im Hintergrund die burundische Nationalflagge. Das schräge, weiße Kreuz hinter seinem runden Kopf lässt es aussehen wie einen Heiligenschein. Zufall oder eine Anspielung? Falls letzteres, eine ziemlich sarkastische. Wie auch immer.
Kurz vor 9 Uhr dann startet die Fahrt zur Schule. Unser Auto mit Nora, Volker, Athanas, Bernd und Fahrer Ali trifft kurz nach dem Minister ein. Die Trommler bereiten Rupprecht schon einen heißen Empfang. Das Trommeln hat etwas, das durch einen hindurch geht. Von Anfang bis Ende. Unbeschreiblich, man muss es live gehört und erlebt haben. Unzählige Schulkinder sind anwesend, alle tragen sie ein weißes T-Shirt, auf dem entweder Fondation Stamm oder Aktion Tagwerk steht. Der Mainzer Verein hat 150.000 Euro in den Bau investiert. Zusammen gekommen ist das Geld von Schülern aus Brandenburg, die sich 2006 zum dritten Mal an einem Tag von der Schule frei genommen hatten, um in Betrieben und Engagements in ihren Schulen Geld für dieses Projekt zu erarbeiten. Die 28.000 Schüler aus Brandenburg würdigte Rupprecht auch in seiner Einweihungsrede. Stolz sei er. Zu Recht, finde ich.
Nach dem Trommeln der offizielle Akt: Zusammen mit seinem burundischen Kollegen schneidet Rupprecht das Band durch, das in den Landesfarben grün-weiß-rot gehalten ist. Applaus. Verena platzt vor Stolz. Kann sie auch. Dann schaut die Delegation in jede einzelne Klasse, wo die Schüler sitzen und gespannt warten. Der Umgang des Ministers mit den Kindern ist beispielhaft. Keine Scheu, im Gegenteil. Er sucht die Nähe, fragt nach, ist interessiert. Ein Vollblutlehrer. Schulleiter war er auch. Bis 2004, als er Minister wurde und noch am selben Tag, als die Entscheidung fiel, deswegen eine Kubareise absagen musste. Kam mir zu Ohren. Nur so als kleine Anekdote am Rande.
Nach dem Streifzug durch die Klassen unter Blitzlichtgewitter nimmt der Brandenburger Platz auf einer kleinen Couch mit direktem Blick auf das Schulgebäude und die Trommler in ihren traditionellen Gewändern im Vordergrund. Zusammen mit dem burundischen Minister auf dem Sofa. Frauke Rupprecht sitzt auf einem Stuhl daneben, ebenso Verena und Referatsleiter Kruse, Milla Kühn von der Deutschen Botschaft in Bujumbura, später auch Nora und Volker. (Fast) alle strahlen sie. Bernd streunt umher auf der Suche nach den besten Motiven. Ebenso Hanno. Ich natürlich auch. Es folgen Trommeldonner, Tänze von Mädchen aus einem Flüchtlingslager der Fondation, Gedichte von Schülern, Geschenkübergaben an den deutschen Besuch und – natürlich – Reden. Verena ist recht aufgeregt, macht ihre Sache aber sehr gut. Applaus. Als der Minister seine Rede auf deutsch hält, übersetzt Milla Kühn für das Publikum, das links und rechts an dein Seiten gespannt unter Pavillons saß.
Ich streife etwas umher, fotografiere auch die Polizisten, die uns die gesamte Zeit begleiten. Einige lachen, andere schauen extra noch böser als vorher. Mir egal, ich drücke ab. Dann begegne ich Thomas Mangartz, unserem Botschafter hier in Burundi. Zusammen mit seinem Mitarbeiter Helmut Holzheuer steht er im Durchgang der Schule. Wir rauchen eine zusammen. Zumindest Holzheuer und ich. Mangartz ist Nichtraucher. Als sich Holzheuer eine ansteckt, sage ich, dass das eine gute Idee sei und greife in meine Tasche. „Ach, Sie sind Raucher?“ entgegnete er mir beinahe schon erfreut, endlich jemanden gefunden zu haben. Man traue sich ja schon gar nicht mehr zu fragen heutzutage, meint er. Sonst hätte er mir gleich eine angeboten. Das tat er eben jetzt. Ich nehme gerne und dankend an, dann stehen wir dampfend nebeneinander und plaudern ein wenig. Ein ungezwungenes, lockeres Gespräch. Die beiden, Mangartz und Holzheuer, sind anscheinend immer für ein Scherzchen zu haben.
Nora wird interviewt. Als Geschäftsführerin von Aktion Tagwerk. Ich helfe Hanno aus, um das Mikro zu halten, während er filmt, da Nora vergessen hatte, für ihn den Mikrohalterstab einzupacken. Kein Problem, wie ich das Ding zu halten und wo ich zu stehen habe, weiß ich ja noch aus der Zeit, als ich in Karlsruhe beim Fernsehen gearbeitet habe. Später interviewt Hanno noch Minister Rupprecht, der hält das Mikro aber gleich selbst. Dann, gegen 11 Uhr, rauschen wir los – voraus Polizeisirenen – in Richtung Cibitoke im Nordosten Burundis. Wo und niemand Geringeres empfangen möchte als Pierre Nkurunziza, Burundis Präsident höchstpersönlich. Der Besuch wurde kurzfristig eingeplant, weshalb das Programm nochmals kurz vorher umgeworfen werden musste. Bei Julia und Marie sorgte das für ziemliches Unbehagen, denn das bedeutete, dass das Musical nicht aufgeführt werden konnte, das die beiden in schweißtreibender Arbeit seit fünf Monaten mit einer dritten Klasse einstudiert haben. War die Arbeit umsonst? Die Gemüter sind betrübt. Die einen sind sauer, die anderen enttäuscht. Aber abwarten. Die Kulisse der Schule wäre natürlich optimal gewesen, gerade weil auch die ganzen Schüler hätten dabei sein können.
Eine Stunde bis Cibitoke. Die Fahrt über plaudere ich mit Nora, auch ein wenig mit Volker. Ich versuche, mir ein wenig einen Überblick zu verschaffen, wie die Aktion Tagwerk, HHN und die Fondation Stamm zusammenhängen. Jetzt blicke ich durch. Zumindest glaube ich das. An dieser Stelle möchte ich auch gleich erwähnen, dass am 19. Juni die nächste „Aktion Tagwerk – Dein Tag für Afrika“ sein wird, bei der sich Schüler zum ersten Mal bundesweit und zusammen mit UNICEF für acht Projektländer in Afrika engagieren können. Auch für den weiteren Schulbau der Fondation Stamm.
In Cibitoke steige ich aus dem Auto aus und folge dem Pulk. Ich schaue auf den unebenen Boden, um mir nicht die Haxen zu brechen. Dann sehe ich ein Paar Bluejeans vor mir. Ich schaue weiter hoch und sehe eine blaue Sportjacke. Dann habe ich schon eine Hand, die sich mir entgegen streckt. Ich schaue in ein Gesicht, das mir verdammt bekannt vorkommt. „How are you doing?“ schallt es mir entgegen. Erst als ich antworte, wird mir bewusst, dass ich gerade die Hand des burundischen Präsidenten schüttle. Pierre Nkurunziza stand vor mir und lächelte – etwas aufgesetzt –, der Mann, den ich sonst nur von Bildern aus den Ministerien und manchen Geschäften und Bistros kenne. Tatsache, er war es. Nicht zuletzt verrieten mir das die grimmig dreinschauenden Männern in den olivgrünen Hemden. Seine Bodyguards. Der berühmt berüchtigte burundische Sicherheits- und Geheimdienst. Aber das ist eine andere (lange) Geschichte.
Der Präsident geht ins Haus. Zuvor schüttelt er aber noch Benoits Hand, der ebenfalls mit uns mitgefahren war. Beide lächeln einander an, ein schönes Bild! Dann verschwinden sie im Innern, gefolgt von der deutschen Delegation. Ein Sicherheitsmensch ist bemüht, Ordnung in den einheimischen Journalistenhaufen zu bekommen. Einige lässt er durch, andere bleiben fluchend draußen stehen. Ich bekomme Zutritt, zum einen weil Athanas ihm sagte, dass ich zur Delegation gehöre, zum anderen, weil ich ihm meinen internationalen Presseausweis unter die Nase halte. Endlich ist dieses Ding zu etwas zu gebrauchen. Ein prunkvoll aussehendes, beinahe schon kitschiges Dokument. Rotes Leder mit goldener Schrift. „International Press“. Ha ha. Wichtig. Immerhin erfüllt er gerade seinen Zweck. Drinnen: Hektik. Blitzlichter. Horden von Journalisten in einem viel zu kleinen Raum. Ich knie mich hin und kriege somit ein paar schöne Bilder. Nicht ganz leicht, da der Präsident auf einem Sofa vor dem Fenster sitzt. Also gegen das Licht fotografieren. Noch dazu einen Menschen mit dunkler Hautfarbe. Selbst die digitale Spiegelreflex wird hier gefordert, nicht etwa nur die Kopfumrisse einzufangen. Aber es klappt. Dann werden alle Mediengeier wieder hinaus geschickt. Der Aufforderung des zwei Meter großen Gorilla in Militäruniform widerspricht keiner. Der Umgang mit der Presse ist hierzulande bekannt.
Draußen packt mich der Durst. Ich wate mit Athanas und Sylvère, dem Psychologen der Fondation Stamm, der ebenfalls mitgekommen war, durch das Gras, hinüber zu einem kleinen Bistro, wo wir vor einigen Wochen schon einmal waren, als wir uns in Cibitoke über die aktuelle Lage der Hungersnot und Überschwemmung erkundigt hatten. Leider geschlossen. Dafür stehen unzählige Militärs und Polizisten um uns herum. Die ganze Gegen steht voll. Ab und an auch schwere Maschinengewehre. Die Typen, die sie halten, sehen teilweise jünger aus als 18. Besonders fällt mir ein Junge auf, der in der Schutzgarde für Rupprecht die gesamte Zeit über bei uns ist. Er sieht aus wie 15 oder 16. Mit seinem Spielzeug, der Kalaschnikow. Er schaut die ganze Zeit über nur böse. Was ihm über die Leber gelaufen ist, weiß ich nicht. Ich frage auch nicht nach. Einige Kids spielen Basketball. Hanno steht mittendrin und filmt sie. Gelächter einiger Polizisten, die im Schatten stehen. Darum herum ein Pulk von Schaulustigen.
Nach einer halben Stunde kommt der ganze Trupp wieder aus dem Haus. Nur der Präsident bleibt drinnen. Anscheinend hat er hier noch etwas anderes zu erledigen. In einem Nebenraum des Bistros hatte ich unzählige Stühle gesehen, die in Richtung eines Tischs vorne ausgerichtet waren. Ob Nkurunziza hier noch eine Rede hält? Der Name bedeutet im Übrigen „Gute Nachricht“. Wer jetzt was darüber denkt, ist jedem selbst überlassen. Wir steigen in die Autos und brausen weiter. Zuvor mache ich noch ein Foto von Mangartz, Holzheuer und Kühn, die gerade so schön beieinander stehen. Mangartz scherzt noch, er wolle nicht erpresst werden. Ich entgegne, man wisse nie, für was dieses Foto noch gut sein könnte. Später erfahre ich, dass Mangartz und Holzheuer selten zusammen zu sehen seien, auf Terminen. Noch dazu mit Milla Kühn. Wusste ich doch, dass ich dieses Bild machen sollte. Was man hat, hat man.
Außerplanmäßige Einlage: Ein Besuch beim deutschen Soldatenfriedhof aus dem Ersten Weltkrieg, etwa zehn Minuten entfernt. Mit Sirenenheulen geht es dann zurück. Vor uns ist gerade der Präsident auf die große Straße eingebogen. Die Autokolonne wird somit etwas unübersichtlich. Und unüberschaubar lang. Was in den Köpfen der Leute am Straßenrand vorgehen mag, würde mich auch mal interessieren. Muss ja ein unglaubliches Schauspiel sein. Theater. Das Staunen ist jedenfalls groß. Ich denke noch, wenn wir so in Bujumbura einfahren, ist die gesamte Stadt verstopft. Aber dazu kommt es nicht, der Präsident hat anscheinend noch einen weiteren Besuch eingeplant und biegt ab.
Auch wir stoppen kurz. Frauke Rupprecht wollte noch über einen kleinen Markt laufen, erleben, wie das Getümmel ist. Der gesamte Trupp spaziert also durch eine laute, wild gestikulierende Menschenmenge. Die einen betteln, die anderen wollen verkaufen, andere plaudern oder rufen einfach nur ohne ersichtliche Absicht. Ein alter Mann spricht mich auf Kirundi an und hält die Hand auf. Sofort stürmt der junge Polizist mit seinem gefährlichen Spielzeug heran und will den Alten damit von mir wegdrücken. Ich lege ihm die Hand auf die Schulter und sage ihm, es sei in Ordnung, er solle langsam machen. „Buhoro, buhoro“. Anscheinend sind beide etwas erstaunt – Polizist und alter Mann. Situation entspannt und geklärt. Gut so. Der Minister kämpft sich derweil durch den Pulk zurück ins Auto. Lächelnd. Mir wird noch ein Fisch unter die Nase gehalten. Ich lehne dankend ab. Aber frisch scheint er zu sein, zumindest zappelt er noch.
Dann aber ab die Post zurück nach Bujumbura, wo wir schon im Straßenkinderheim „Birashoboka“ erwartet werden. Zuvor aber noch eine kleine Pause mit Snack und kaltem Wasser und ein Besuch beim Minister für Jugend und Sport. Der ist allerdings nicht persönlich anwesend, sondern sein Stellvertreter. Der gibt aber ebenso gerne Auskunft und – natürlich – den obligatorischen „Wunschzettel“ mit Dingen, die man sich vom deutschen Besuch für die Zukunft erhofft. Spontan fällt mir das Buch von Bartholomäus Grill ein: „Ach Afrika!“ Darin schreibt er in einer gelungenen, witzigen Art, dass die Bettelei vom Straßenkind bis zum Politiker im Prinzip dieselbe sei. Beim einen eben nur entsprechend diplomatisch formuliert.
Die Trommler haben sich schon zurecht gemacht und zeigen ihr bestes Können. Minister Rupprecht und Frau strahlen. Beeindruckend sind, finde ich, nicht nur das bloße Trommeln, sondern die kleinen Theaterstücke, die in den Rhythmus mit eingebaut sind. Sie behandeln Themen der burundischen Gesellschaft. Bildung, Ackerbau, Aids, Gewalt. Danach gibt es noch Turnvorführungen mit dem alten Lkw-Reifen und traditionell burundische Tänze. Der Minister hat mittlerweile auf dem bereitgestellten Sofa nebst Gattin und Verena Platz genommen. Auch hier Geschenke. Mit weniger Gepäck als nach Burundi hätten sie anscheinend nach Hause fliegen wollen. Dachten sie. Was aber an Präsenten zurück kommt, davon zeigt sich das Paar überwältigt. Anscheinend sowieso über den ganzen Rummel, der extra für sie veranstaltet wird. Ein Umstand, der die Rupprechts noch sympathischer werden lässt. Keine Spur von Hochnäsigkeit. Lobenswert und keinesfalls selbstverständlich. Zum Abschluss darf (muss?) das Ehepaar Rupprecht noch selbst die Stöcke in die Hand nehmen und die Trommel bearbeiten. Gelächter. Und Spaß.
Spontan fällt dann noch der Entschluss, ins „Musée Vivant“, den kleinen Zoo nebenan zu gehen. Ich sehe Romeo, Julia und Lacoste, die drei Krokodile, die dort mehr oder eher weniger artgerecht gehalten werden. Außerdem noch drei, vier kleinere Krokos. Schildkröten teilen sich mit den großen Echsen die Gehege. Anscheinend vertragen sie sich. Schlangen haben sie auch. Der Zoowächter holt eine Viper aus der Vitrine und legt sie auf den Boden. Nur wenn man drauftrete sei sie gefährlich, versichert er. Abstand halten wir dennoch alle. Vor allem die burundischen Begleiter scheinen besonders Schiss zu haben. Ich schmunzle, weil sie sich benehmen wie die Kinder. Minister Rupprecht scheint aber recht interessiert und seine kindliche Neugierde geweckt zu sein. Erst auf Aufforderung seiner Frau aus dem Hintergrund nimmt er ein wenig Abstand. Mich fasziniert die Grüne Mamba, die sich auf einem kleinen Ast zusammen gekringelt hat und mich durch das Maschendrahtgitter beobachtet. Über dessen Existenz ich im Übrigen sehr froh bin.
Damit war der Tag dann auch wieder beendet. Abends hatte der Minister mit seiner Delegation noch ein offizielles Essen bei der burundischen Regierung, ich bleibe fern.
Am Samstag stand eine Fahrt nach Muyinga ganz im Osten Burundis an. Auch dieser Reise bleibe ich fern. Statt dessen arbeite ich einige Dinge ab, die in den vergangenen Tagen liegen geblieben sind. Auch meine Chipkarten von der Kamera musste ich endlich entleeren, wenn ich noch weitere Bilder machen will. Abends treffen wir dann wieder zusammen – alle. Essen in Verenas Restaurant „Chez André“. Am Tischkopf nehmen Minister Rupprecht und Verena Platz, um die Ecke sitzt dann Frauke Rupprecht, gefolgt von Benoit, Hanno Christ, mir, Lena, Christian (Julias Freund, der derzeit für zehn Tage zu Besuch in Burundi verweilt) und Julia. Am anderen Ende der Tafel sitzen Marie, Bernd, um die Ecke wiederum Nora, Volker, Beatrice, Athanas, Holzheuer und Milla Kühn. Eine angenehme Runde, es geht offen und lustig zu. Ich unterhalte mich lange mit Hanno.
Nach der Vorspeise – Tzatziki, Blätterteig mit Käse und Spinat – bittet Verena dann in den Nebenraum. Das Musical ist Teil des Abends. Wo es doch leider bei der Schuleröffnung nicht stattfinden konnte, hat man es für diesen Abend organisiert. Schon mittags wurden alle Kids eingesammelt und zum „Chez André“ gefahren, wo sie seitdem warteten. Zur Zeitüberbrückung spielten sie Fuß- und Federball, tanzten und sangen. Ich hörte es den Mittag über, weil ich auf der Terrasse saß und arbeitete. Es war schön anzusehen, wie die Kids im Hof herum hüpften. Dann stieg die Aufregung. In ihren süßen Kostümen kamen sie herein, einer nach dem anderen. Tage und Nächte hatte Julia damit zugebracht, die aufwändigen Kostüme zu nähen. Als ihre Mutter zu Besuch war, hatte auch sie sich Nadel und Garn geschnappt. Und auch Lena beteiligte sich an der Fertigstellung von Seesternen, Tintenfischen und unzähligen, kleinen Faltpapierfischen. „Der Regenbogenfisch“ und alle anderen Kids sahen richtig putzig aus. Von Aufregung während der Aufführung keine Spur. Alles sangen sie laut und deutlich. Das Publikum ist begeistert. Grinsen am laufenden Band. Als die letzte Strophe des Musicals vorbei ist, tobender Applaus. Milla Kühn zeigte sich sogar so begeistert, dass sie das letzte Lied vom „Regenbogenfisch“ nochmals hören wollte – und dabei mit den Kids mit tanzen. Dem schloss sich die versammelte Mannschaft an. Rupprechts, Kruse, Christ, Stamm und wie sie alle da standen, beziehungsweise jetzt tanzten. Den Kids machte es Spaß, dass ihre Mühen so gut ankamen. Sie strahlten und hatten sie das Essen im Anschluss mehr als verdient. Auch die Lehrer der Fondations-Schule waren da und konnten während des Musicals nicht stillhalten, wippten mit und versuchten, mitzusingen.
Marie und Julia waren ebenfalls stolz. Können sie auch sein. Immerhin steckt eine große Arbeit dahinter. Dass das Stück nun doch noch aufgeführt werden konnte, besänftigte die anfangs zornigen Gemüter. Vielleicht bietet sich ja nochmals eine Chance für die Kids, ihr Musical zu zeigen. Milla Kühn jedenfalls befürwortete das sofort. Dann ging es an den Hauptgang. Zwischen Fisch und Fleisch – jeweils auf zwei unterschiedliche Arten zubereitet – konnte man wählen. Ich habe Rindfleisch mit Pfeffersauce. Dazu wird noch allerlei Burundisches serviert. Maniokgemüse, Kochbananen mit Gemüse und frittierte Bananen. Es wäre ja nicht zu verantworten, dass der Minister Burundi wieder verlässt, ohne ein Mal etwas Landestypisches gegessen zu haben.
Nach dem Nachtisch, Vanilleeis auf Ananas, war es Zeit, sich zu bedanken. Minister Rupprecht fasst sich absichtlich kurz, da er – ich denke, wie alle Beteiligten – froh war, endlich keine Rede mehr halten zu müssen. Er dankte Verena von ganzem Herzen und – mit Erlaubnis von Benoit, der schmunzelte – umarmte sie auch. Verena zeigte sich erleichtert, dass alles so reibungslos klappte, bedankte sich ebenfalls bei den Besuchern und versicherte, dass es für die Fondation ein großer Fortschritt sein. Benoit schloss sich dem Ganzen an und fügte hinzu, dass es sehr selten vorkomme, dass ein Minister einen Verein besuche. Zum Abschluss richtete noch Referatsleiter Kruse ein paar Worte an Verena und Benoit, dann bekamen die beiden ein paar Geschenke aus Brandenburg. „Die normalerweise nur Minister bekommen“, versichert und lacht Rupprecht. Eine Ehre für Verena. Alles bestens. Alle zufrieden. Ein Erfolg, das kann man so stehen lassen.
Gegen 23 Uhr löst sich die Runde allmählich auf. Ich plaudere noch kurz mit dem Ehepaar Rupprecht und Herrn Kruse. Mit Hanno tausche ich noch Kontaktdaten aus. Dann nehmen wir Abschied und hoffen beiderseits auf weiteren Kontakt. Auch Nora, Bernd und Volker sind müde und verabschieden sich in Richtung Bett. Marie und ich gehen auf dem Heimweg noch kurz in der „Kiriri-Bar“ vorbei und trinken mit den Jungs ein Bierchen. Christian, einer von ihnen, ist besonders gut gelaunt und scherzt nur. Er will auf die Schnelle einen Deutschkurs von mir. Was auch klappt, er versteht sehr schnell und spricht es auch gut aus. Dann wird es aber auch für Marie und mich Zeit, ins Bett zu gehen. Also machen wir uns auf den Heimweg.
Heute, Sonntag, verabschieden sich Nora, Bernd und Volker. Am Vormittag waren sie noch mit dem Minister unser Heim für junge Mütter besuchen, am Strand und ein wenig von der Stadt besichtigen. Dann ging es ab zum Flughafen Richtung Heimat. Und hier in Bujumbura kehrt auch für uns allmählich wieder der Alltag ein. Arbeit steht an, die in den vergangenen Tagen liegen blieb und sich jetzt auf den Schreibtischen stapelt.

