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Vor dem Wochenende

Freitag, 30. März 2007. 11.08 Uhr. Wir hatten ein ausgewogenes Frühstück. Es ist Maries Geburtstag, 20 Jahre ist sie nun und kein Teenie mehr. Gestern war ich noch auf der Suche nach einem Geschenk. Als ich schließlich fündig wurde, war noch ein bisschen Zeit, Basketball spielen zu gehen. Ich hatte es eh vor, aber Vénuste (zwölf Jahre) und Raoule (zehn Jahre) waren schneller und fragten mich, ob ich mit ihnen spiele. Gestern war irgendwas mit den Kids, sie waren besonders anhänglich. Marie hatte das vormittags schon gesagt, als sie im „Chez André“ vorbei gekommen war. Den ganzen Morgen sei sie zu nichts gekommen, weil ständig ein anderes Kind etwas von ihr wollte.

 

Nachmittags ging es mir dann auch nicht anders. Kann ich das haben? Hier für dich! Philipp, schau mal! Philipp hier, Philipp da. Irgendwie lustig. Besonders anhänglich. Jedenfalls ging ich dann mit den beiden Jungs los. Die beiden Evelynes (neun und zwölf Jahre), Florette (zwölf Jahre) und Ornella (zwölf Jahre) wollten dann auch mit. Also rauschte eine ganze Truppe zum Basketballplatz. Dort war ein Korb belegt, wo ältere Jungs spielten, der andere war noch frei. Ich gab den Kids den Ball und ließ sie auf den Korb werfen – großes Theater und Gelächter. Aber sichtlich Spaß.

 

Dann kam ein Junge – ich schätze, er war 14 oder ähnlich – gekleidet in den coolsten Basketballklamotten und ein absolutes Großmaul. Ich kann mir vorstellen, dass er in seiner Klasse den Boss markiert, weil er größer ist als die anderen. Und fett. Vielleicht hat er auch einen reichen Vater und lässt das raushängen. Solche Typen kennt man ja auch in Deutschland. Jedenfalls schnappte er sich den Ball und dribbelte in der Gegend herum, als wolle er allen sein tolles Können zeigen. Florette schaute ihn nur mit ihrem bösesten Blick an, was sie im Übrigen mehr als gut kann. Dann schimpfte sie irgendwas auf Kirundi, von dem ich nur die Unfreundlichkeit heraushören konnte. Der Dicke scherte sich nicht darum. Dann wirft er auf den Korb, der Ball springt zu mir und ich gebe ihn Raoule, dass er ebenfalls werfen kann. Als der Ball wieder runter kommt, macht der dicke Junge Anstalten, ihn sich wieder krallen zu wollen. Aber ich bin schneller. Ornella wirft. Selbiges Spiel, bis alle „meine“ Kids einen Korb geworfen haben, dann prallt der Ball dummerweise in die Richtung den Dicken ab. Er dribbelt wieder eine halbe Ewigkeit durch die Gegend, bis ich ihn auf halb Kirundi, halb Französisch und auch halb freundlich darauf hinweise, dass er jetzt gefälligst den Ball an die Kleinen geben soll. Er tut es. Ohne Widerrede. Doch als Vénustes Wurf vorbei geht, will sich der Dicke den Ball erneut schnappen. Mittlerweile habe ich die Schnauze voll, springe ebenfalls nach dem Ball hoch und der Dicke prallt ein wenig ab. Dann hat er es endlich kapiert. Und die Kids lachen wieder. Auch Florette.

 

Nach einer Weile kam Fulgence. Kaum war er da, kam ein Jugendlicher – ich kannte ihn bislang nicht – und fragte, ob man ein Spiel machen könne. Fulgence und ich willigen ein. Unsere Kleenen nehmen am Spielfeldrand Platz, wir spielen vier gegen vier. Fulgence, ich und sechs Jungs aus dem Viertel. Ein schnelles, gutes und anstrengende Spiel. Machte Spaß. Den einen hatte ich am Abend zuvor schon mal gesehen. Ferdinand heißt er und war bei dem Basketballteam dabei, das bei Flutlicht trainierte. „Mutanga United“ nennt sich das Team. Mutanga ist das Viertel, in dem sich der Basketballplatz befindet. Und da es Mutanga Süd und Mutanga Nord gibt, heißt das Team eben „United“.

 

Dann taucht plötzlich Bellarmin (ich hatte ihn bislang immer fälschlicherweise Bellarmand geschrieben) auf. Ihn hatte ich seit bestimmt ein, zwei Monaten nicht mehr gesehen. „Du bist am Leben?“ war meine Frage, worauf er zu lachen beginnt. In Uganda und Ruanda sei er gewesen. Was er dort gemacht habe, will er noch erzählen. In einer ruhigeren Minute. Die Begrüßung ist herzlich, wie freuen uns beide über das erneute Treffen. Bellarmin ist ein sehr intelligenter, sauberer Kumpel. Er wohnt nicht weit vom Basketballplatz – und ergo auch nicht weit von unserem Heim. Mit ihm plaudern macht immer Spaß. Außerdem ist er lustig. Ich stelle ihm unsere Kids vor, die er gleich freundlich begrüßt und mit ihnen ein wenig auf Kirundi plaudert. Finde es gut, wenn sie auch ein bisschen Leute kennen lernen und Kontakt zur „Außenwelt“ haben, da es ja ansonsten ein ziemlich behütetes Leben im Heim ist. Anscheinend macht es den Kids Spaß. Vor allem Florette steht mit großen Augen daneben. Wir  müssen dann das Feld räumen, da die Flutlichter wieder angehen und ein Team sich warm zu laufen beginnt. Dieses Mal aber Frauen. Ornella und die kleine Evelyne sind anscheinend so begeistert, dass sie sich in die Reihe einfügen, die sich von der Grund- bis zur Mittellinie und zurück warm läuft. Ich muss lachen.

 

Ich verabrede mich mit Bellarmin auf 20 Uhr in der „Kiriri-Bar“, dann sammle ich die Kinder ein und mache mich auf den Rückweg. Es ist mittlerweile dunkel geworden. Auf dem Nachhauseweg wieder dasselbe: Anhänglichkeit ohne Grenzen. Links nahm mich Raoule an der Hand, rechts die „große“ Evelyne. Am linken Arm hing außerdem Florette, am rechten Ornella. So schon sich also die Traube durch die Straße. Die Burunder, die an uns vorbei laufen, gucken allesamt komisch und amüsiert. Was ich allerdings sehr gut nachvollziehen kann. Dann kommt ein Auto und wir müssen zur Seite, wodurch sich das Menschenknäuel um mich herum ein bisschen lichtet. Vénuste, unser immer aktiver Lausbub, rennt voraus. An meinen Händen sind nun nur noch Florette und Evelyne. Nach uns kommen Fulgence und die beiden Mädels Espérance (17 Jahre) und Dorine (14 Jahre), die mit ihren Schulheften später nachgekommen waren. Die beiden sieht man oft lernen. Sie scheinen eifrig zu sein.

 

Zurück im Heim bedanke ich mich bei den Kids für das Spiel, worauf sie lachen und zurück danken. Sie sind wirklich allesamt zum Liebhaben. Als ich ins Haus komme, begrüßt mich schon die nächste: Doriane (neun Jahre), unser kleiner aufgeweckter Kasper. „Philippo, yambu!“ sagt sie immer, will einschlagen oder gleich gedrückt werden. Dann klaut sie mir den Basketball und rennt damit durch den Gang, worauf sie gleich einen Anschiss von Flora bekommt, die ihr mit Baby Christardo entgegen kommt. „Buhoro!“ – „Langsam!“ Marie ist in der Küche, am Tisch sitzen Gaston und Kiki, unsere beiden Kleinsten im Heim (mit Ausnahme Christardos und Colise`, die kleine Tochter von Diane, die im Zimmer mit Flora wohnt). Full House, sozusagen. Ich gehe duschen, Marie kocht. Und zwar eine scharfe Tomatensoße, die brennt. Der Cayenne-Pfeffer ist ihr ein wenig aus der Hand gerutscht. Ich freue mich, denn endlich darf und kann ich mal scharf essen. Marie freut es weniger. Zum Glück war sie es, der das passiert ist. Mich hätte man des Vorsatzes beschuldigt.

 

Kurz nach 20 Uhr machen wir uns dann auf in die Bar. Eigentlich sollte es mal wieder nur ein kurzes Bierchen werden. Pustekuchen. Aber dieses Mal richtig. In der Bar war nur ein Tisch besetzt. Der Rest: leer, verlassen. Es ist Monatsende, alles wartet auf neue Gehälter, nur wenige können sich noch ein Bier leisten. Am runden Tisch sitzen Colin, Laundry, Jean-Paul (der sehr, sehr unsympathisch ist – und meistens besoffen), Christian (Kiki genannt), dann noch einer, den ich zwar kannte, seinen Namen aber leider nicht parat habe – er war aber beim Basketballspiel dabei, als ich mit Flo in der Französischen Schule war –, ein weiterer Bekannter aus der Bar mit seiner Freundin und dann noch ein Mädchen, das ich bislang noch nicht gesehen hatte. Die Runde ist lustig, es wird eifrig diskutiert (wie immer bei den Burundern, ohne geht nicht!) und gelacht. Kiki will wieder Deutsch mit mir sprechen. Und ich muss sagen, er lernt sehr, sehr schnell. Man merkt, dass er Sprachen studiert hat. Er formuliert schon eigene Sätze, die bis auf die Aussprache manchmal schon perfekt sind. Und das, obwohl ich ihm bislang nur ein paar Worte beigebracht habe, die er wissen wollte. Unglaublich. Kurz darauf kommt noch Danny, ein absolut sympathischer Kerl. Er lacht immer und ist ansonsten sehr zurückhaltend.

 

Im Laufe des Abends kommt noch Alain, den wir neu kennen lernen. Es ist der ältere Bruder von Kiki und der Besitzer des „Petit Bassam“, einer Strandbar in Bujumbura. Wie wir ungläubig und lachend feststellen, habe ich schon Kontakt zu ihrem jüngeren Bruder gehabt, der in Schweden studiert. Sein Name ist Stide, ich hatte ihn einmal angeschrieben, als ich an touristischen Infos zu Burundi interessiert war. Durch eine Website, die noch im Aufbau war, bin ich auf ihn aufmerksam geworden. Damals antwortete er mir per Mail, dass er in Schweden studiere und lebe, seine „Partner“ aber in Bujumbura seien und mir gerne Auskünfte geben würden. Sie würden sich sehr gut auskennen und einer davon, Alain, sei außerdem der Manager des „Petit Bassam“. Dass Alain, Christian (Kiki) und Stide jedoch Brüder – und nicht nur „Partner“ – sind, das kam erst gestern Abend raus. Unglaublich, wie klein die Welt doch ist.

 

Irgendwann kriegen die Jungs spitz, dass Marie um Mitternacht Geburtstag hat. Ein Abgang unsererseits war demnach vorher nicht mehr möglich. Es wird uns ein Bier bestellt, das wir trinken müssen. Burundische Freundlichkeit, sagen sie. Keine Chance der Gegenwehr, es wird bestellt. Bezahlen müssen wir natürlich nichts. Das übernimmt Alain für uns. Er hat ja auch bestellt. Um Punkt Mitternacht stehen alle auf und fangen an, Marie ein Geburtstagsständchen zu trillern. Speziell. Wer kann schon von sich sagen, so seinen 20. Geburtstag – geschweige denn, irgendeinen – gefeiert zu haben? Beim Gratulieren bestehen natürlich alle auf ihre obligatorischen Küsschen. Rechts, links, rechts. So ist es nun mal üblich. Alain sagt, wir sollen doch morgen, also Freitag, ins „Petit Bassam“ kommen. Wir willigen ein. Marie wird am Nachmittag schon hingehen, zusammen mit Bellarmin. Er passt nämlich immer auf sie auf und vertreibt lästige Burunder, die sich Marie unaufgefordert annähern wollen. Ich werde am späten Nachmittag oder Abend nachkommen, eine Kleinigkeit dort essen. Bin mal gespannt. Vor allem, ob Alain seine Drohung vom gestrigen Abend wahr macht: Den Geburtstag von Marie mit einer Party feiern zu wollen. Wäre ja lustig. Ich glaube aber nicht daran. Aber bei den Burundern weiß man ja nie.

 

Verena kam gerade vom Schulgrundstück zurück. Der Bau gehe voran, meinte sie. Das zweite Gebäude sei gut im Fortschritt. Über Ostern wird burundikids-Vorstand Martina kommen und sich selbst davon überzeugen. Ich denke, sie wird zufrieden sein. Die Farbe sei etwas missglückt, sagt Verena. Die Arbeiter hätten falsch gemischt. Demnach muss das noch mal nachbearbeitet werden. Kein Problem. In der hiesigen burundischen Presse ist die Schule mittlerweile auch Thema. Vor allem wegen dem Ministerbesuch. Das gab dem Bekanntheitsgrad der Fondation Stamm einen kräftigen Schub. Eine Zeitung vergibt auch immer „Gewinner- und Verlierermedaillen der Woche“. Die Fondation hat nun auch eine – die positive – bekommen. Ich denke, es ist mehr als wichtig, auch im eigenen Land an Bekanntheit zu gewinnen. Nicht nur in Deutschland. Beides sollte nicht unbeachtet bleiben. Im Gegenteil.

 

Es ist in diesen Tagen extrem heiß. Regen fällt sehr wenig. Auf dem Land sind die Menschen vielerorts auf die Versorgung mit Lebensmittel durch das WFP angewiesen. Die Preise für Bohnen, Kartoffeln und Co. steigen permanent und ziemlich hoch. Viele können sich das nicht mehr leisten. Und manchmal ist etwas sogar gar nicht mehr zu bekommen. Wir merken es auch bei den Einkäufen für die Heime. Die Ausgaben für die Verpflegung der Kinder ist gestiegen. Und noch sind es drei Monate bis zur nächsten Erntezeit. Auf dem Land regnet es anscheinend ein wenig. Hier in Bujumbura fast überhaupt nicht. Dabei sei März und April eigentlich die regenreichste Zeit, wie mir Verena gerade sagte. Alles spielt verrückt. Die Hitze bleibt auch nachts.

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