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Archiv für den Monat März 2007

Trubel vor dem Ministerbesuch

geschrieben am 14. März 2007 um 13:01 von burundikids

Mittwoch, 14. März 2007. 12 Uhr burundischer Mittag. Arbeit gibt es genug. Ich sitze am Notebook, schreibe Mails und bereite mich etwas auf den Ministerbesuch vor, der das Programm der folgenden Tage bis zur Abreise am Sonntag füllen wird. Volker, Geschäftsführer von Human Help Network (HHN), sitzt mit Verena auf dem Balkon und bespricht noch die einzelnen Programmpunkte und sonstige Dinge. Allesamt scheinen sie aufgeregt zu sein. Auch in unserem Waisenheim laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Die Kids wirbeln wie wild durch die Gegend, machen alles so schön wie möglich. Man möchte den Besuch aus Deutschland natürlich so würdig wie möglich empfangen. Wird schon alles gut gehen. Ich bin gespannt, wie der Kaffee mit dem Minister im Heim schmecken wird.

 

Der Besucher ist übrigens Holger Rupprecht, seit 2004 Minister für Bildung, Jugend und Sport. Mit ihm kommt auch seine Frau und ein ganzer Stab von Mitarbeitern, außerdem noch Nora Weisbrod, die Geschäftsführerin der Aktion Tagwerk e. V. Grund des Besuchs ist das Engagement von Schülern aus Brandenburg, die für die Aktion Tagwerk einen Tag lang die Schule verließen, um zu arbeiten – für den guten Zweck versteht sich. Das Geld kam unter anderem auch der Schule der Fondation Stamm zugute. Jetzt wird der Minister die Schule offiziell einweihen. Der Trubel im Vorhinein ist groß. Ich habe erfahren, dass Herr Rupprecht Handballfan ist. Etwas, das ihn sehr sympathisch macht. Man mag gespannt sein.

 

Ich werde mich heute Nachmittag – trotz des Trubels – auf den Weg ins Straßenkinderheim machen. Es ist Mittwoch und meine Englischstunde steht auf dem Plan. Immer wieder fragen mich die eifrigen Jungs nach Wörterbüchern auf Französisch-Englisch. Gerade hetzt Verena ans Telefon. Die Deutsche Botschaft klingelt. Zurück zu den Büchern. Leider muss ich die Kids immer wieder um Geduld bitten. Was mir sehr leid tut. Denn sie wollen ja. Aber sie können nicht. Weil ihnen die Mittel fehlen. Was ist das für ein Zustand?

 

Viané, der kleine Junge aus unserem Heim, unser Problemkind derzeit, scheint sich etwas zu fangen. Gestern zumindest war er den gesamten Tag guter Laune. Er lachte, spielte mit den anderen und mir. Kein Hauen gegen den eigenen Kopf, keine Aggression gegen andere. Keine Selbstzerstörungswut. Einfach nur ein kleiner Junge, wie er sein sollte. Heute morgen begrüßte er mich auch freundlich, als ich in die Küche schlappte. Er lachte. Und ich freute mich. Dennoch denke ich, sollte sich mal jemand mit ihm unterhalten, der ihm auf die Psyche fühlt. Ich warte daher noch auf den Anruf von Nelly, der UNICEF-Psychologin, die jemanden für uns finden wollte.

 

Einen kleinen Schrecken hatte ich diese Tage auch. Meine Akkus der Kamera luden nicht mehr richtig auf. Kaum hatte ich sie ins Ladegerät gesteckt, seien sie angeblich schon wieder voll. Nicht jetzt! Ohne Kamera kann ich nur die Hälfte der Arbeit verrichten. Aber was heißt „nicht jetzt“, hier wäre jeder Zeitpunkt der falsche, dass meine Kamera versagt. Aber auch das wird gelöst werden. Immer gibt es irgendeinen Weg. Auch für Akkus, die nicht laden wollen.

 

Jean-Jacques Maerel, der Leiter von DanishAid in Burundi, die hier im Süden des Landes Minen räumen und sich um Sprengstoffe und -körper aller Art kümmern, meldete sich ebenfalls. Kontakt hatten wir seit einigen Wochen, ich denke, ich erwähnte es im Tagebuch. Sie haben eine Mitarbeiterin verloren, die eine kleine Tochter zurück ließ. Da die Frau aus Ruanda hierher geflüchtet war, hat sie dementsprechend keinerlei Verwandte hier. Wohin also mit dem Kind? Jean-Jacques hatte sich damals bei mir gemeldet und alles schien geritzt, dass die Kleine in unser Heim kann. Er hatte sich über uns informiert, das Heim angeschaut und und und. Auch Gouverneur und Politiker aus Makamba, im Süden, wo sich das Kind derzeit befindet, waren einverstanden – damals. Doch jetzt sind sie es nicht mehr, haben ihre Meinung geändert. Das Kind ist nun bei einer fremden Familie untergebracht. Diese pochte darauf, das Kind zu bekommen. Weil sie fest damit rechneten, Geld von der Hilfsorganisation zu bekommen. Wäre kein schlechter Deal gewesen: Geld für die Kleine und wenn sie mal ein wenig größer ist, noch eine billige Arbeitskraft dazu. Ich unterstelle nicht, dass jede Familie in Burundi so handelt. Aber die Erfahrungsberichte – auch unserer Kinder – zeigen, dass es mehr als genug der Fall ist. Besonders, wenn es sich um Mädchen handelt. Ich habe mit dieser Sache noch nicht abgeschlossen, Jean-Jacques anscheinend auch nicht. Wir verfolgen die Sache noch weiter. Vielleicht können wir doch noch etwas erreichen. Oder prüfen, ob es dem Mädchen in der Familie wirklich gut geht. Kann ja auch sein. Aber ich glaube nicht daran. Schließlich geht es um Geld.

 

Ein Tag nach der New York-Delegation

geschrieben am 13. März 2007 um 11:43 von burundikids

Dienstag, 13. März 2007. 9 Uhr in Burundi. Ein neuer Tag im kleinen Burundi. Die Sonne scheint wieder einmal sehr stark, schon am frühen Morgen. Die Leute rennen schon geschäftig durch die Gegend, die ganze Straße ist bunt. An der großen Kreuzung, die ich jeden Tag passiere, um vom Heim ins „Chez André“ zu kommen, war heute ein besonders großer Auflauf. Vor allem Frauen mit Kindern. Und Hacken. Manche bearbeiteten den trockenen Boden an einer kleinen, grünen Stelle. Der größte Teil aber lungerte im Schatten herum, stillten Babys oder kauten Grashalme.

 

Gestern Abend ging ich mit Lena in das kleine chinesische Restaurant „Shanghai“, wo Marco Kalbusch mich zusammen mit meiner Mutter und Werner schon einmal hingeführt hatte. Wobei „Restaurant“ eigentlich zu viel gesagt ist. Es ist traditionell chinesisch, ein kleines Wohnhaus mit ach wer weiß wie vielen Personen darin. Draußen herumspringen sieht man nur die Oma, die Mutter – und anscheinend Chefin – und die Tochter. Im vorderen Bereich des Häuschens ist eben das Restaurant, draußen sitzen kann man auch. Das Wohnzimmer ist zugleich kleine Bar mit Fernseher, die Küche wird für Gäste und privat zugleich genutzt. Im hinteren Bereich werden sich dann wohl noch ein, zwei Schlafzimmer finden. Das Essen ist sehr lecker dort und dabei sehr günstig. Leckerer als beim anderen Chinesen gegenüber des Novotels weiter im Stadtinnern. Und dennoch günstiger. Was will ich mehr? Als wir mit dem Essen beinahe fertig sind, klingelt mein Handy und Marco meldet sich. Ob wir noch im Restaurant seien.

 

Er kam noch vorbei. Zusammen mit einer Kollegin namens Nelly, die er zuvor telefonisch angekündigt hatte. Nelly ist Psychologin bei UNICEF. Eine sehr nette junge Frau. Ihr exotisches und hübsches Aussehen hat sie aus ihrer Heimat, den Kapverdischen Inseln. Wir kommen – ich weiß nicht mehr genau weshalb – auf unseren jüngsten Zugang im Heim, Viané, zu sprechen. Er wurde ja von UNICEF-Mitarbeitern zu uns gebracht. Es waren Kollegen von Nelly, sie kennt sie. Sie will sich für uns umhören, ob sie vielleicht professionelle Hilfe und eine psychologische Betreuung für den Kleinen auffinden kann. Ihr selbst sind als UN-Mitarbeiterin die Hände gebunden. Aber sie versprach, sich zu melden.

 

Apropos UNICEF und UN. Gestern Nachmittag war großer Auflauf in unserem Straßenkinderheim „Birashoboka“. Eine Gesandte des UN-Generalsekretärs – also von ganz oben! – für Kinder(rechte) und Kindersoldaten besuchte unser Projekt. Eine Inderin, Pakistanerin – aus der Ecke, mit traditionellem Gewand. Sie wollte mit einigen ausgewählten Kindern reden, ihre Geschichte hören. Das tat sie auch – mit einem Hummelschwarm von Mitarbeitern um sie herum, die übersetzten, telefonierten, Kinder scheuchten und wichtig taten. Nun ja, immerhin sind es ja wichtige Leute – zumindest ein Teil der Leute gestern – also warum das nicht auch zeigen? Die Anzüge saßen perfekt, die Hemden strahlend weiß, Goldrandbrille, Siegelring, glänzende Schuhe. Perfekt. So kann man sich zeigen. Ich spreche kurz mit Alec aus New York. UN direkt aus der Basis. Wie aufregend. Alec ist halb Amerikaner, halb Deutscher. Sprache Deutsch (bemerkenswert gut), Aussehen amerikanisch. Was ich wirklich von ihm halten soll, beziehungsweise von der gesamten Delegation, weiß ich selbst nicht so genau.

 

Sehr hoher Besuch, keine Frage, vielleicht auch wichtig. Allerdings ist es immer so eine Sache, wenn Bürokraten versuchen, Nähe zu denen zu zeigen, für die sie eigentlich im Endeffekt arbeiten. Um die sie sich „kümmern“. Der Anzug darf schon mal nicht schmutzig werden, das ist klar. Alles andere wird individuell entschieden. Vom Trommeln unserer Jungs sind sie allesamt begeistert. Die Leute von BINUB, UNICEF, diverse – nicht zuordenbare – Fotografen und ein Fernsehteam aus Dänemark. Mit zwei der Dänen unterhalte ich mich. Einer davon heißt Per. „Managing Director“ steht auf seiner Visitenkarte. Ein netter Typ. Der zweite Däne spricht sehr gut deutsch. Lebte anscheinend lange in Flensburg, wie er sagte. Dann war da noch ein Amerikaner namens Trevor. Was seine Aufgabe, sein Ziel bei dem Ganzen ist, wird niemandem so wirklich klar. Und weshalb er mit dem Auto der UN kommt, auch nicht. Ich erfahre von ihm nur, dass er in Texas wohnt und im Oktober seine Samstagsshow starten wird, die in den gesamten USA zu sehen sein wird. Er filmt mit einer kleinen Kamera alles, was um ihn herum geschieht. Und er lässt sich filmen. Von den Kids. Fürs Trommeln hat er sich in eines der burundischen Gewänder geworfen. Der Anblick ist heiter bis sehr amüsant. Bei allem Spaß und Herumalbern mit den Jungen verliert er aber nie die Kamera aus dem Auge. Wird er gerade mal nicht gefilmt, springt er sofort wieder ins Bild seiner Kamera. Mit Speer und Schild. Er mag Kinder, sagt er. Dann hüpft er wieder hektisch zwischen den Trommlern hin und her, die ihre Instrumente mittlerweile auf dem Kopf tragen, sehr zum Erstaunen der UN-Gesandten.

 

Serafine und Giselle aus unserem Mädchenheim sind ebenfalls da. Auch sie sollen ihre Geschichte erzählen. Ich will Fotos für die Fondation machen, werde aber von einem der UNICEF-Mitarbeiter zurück gehalten. Bis ich ihm erkläre, was ich hier zu suchen habe, dass ich auch ihn kenne und wir bereits an Weihnachten zusammen hier im „Birashoboka“ am Tisch saßen. Dann schlug seine Miene in helle Freundlichkeit um. Tja. Aha.

 

Zum Abschluss bedankte sich die UN-Gesandte bei allen Anwesenden, insbesondere den Trommlern. Sie prophezeite am Ende ihre kleinen Rede, sie werde die Trommelgruppe nach New York bringen. Für eine Aufführung. Ob das nicht zu hoch gegriffen war? Überlegte Wortwahl oder ein Versprechen, das sie nur vielleicht wahr machen kann? Trevor ist überzeugt: Sie ist keine Frau, die nur redet. Ich bin mir da nicht so sicher. Ebenso wenig wie alle anderen Anwesenden. Außer natürlich die Trommler, die über das ganze Gesicht strahlen. Aber man wird sehen. Für unsere Jungs wäre es natürlich ein wünschenswerter Traum. Ich gönne es ihnen. Absolut keine Frage.

 

Heute, Dienstag, wird Volker Dattke von Human Help Network anreisen. Die Organisation unterstützt auch die Fondation Stamm, neben Projekten in Ruanda, Südafrika und und und. Am Donnerstag folgt dann eine ganze Delegation aus Deutschland, allen voran der Bildungsminister aus Brandenburg. Beschäftigte Tage. Ich versuche, in der Ruhe vor dem Sturm noch einige Dinge abzuarbeiten.

 

Montag in Burundi

geschrieben am 12. März 2007 um 11:03 von burundikids

Sonntag, 11. März 2007. 15.35 Uhr. Endlich komme ich wieder dazu, zu schreiben. Die letzten Tage waren doch recht stressig und mit Programm gefüllt. Letztendlich kann man sagen, dass die „Optik-Woche“ in und außerhalb von den Projekten der Fondation ein Erfolg war. Wie viele Brillen an den Mann oder die Frau gebracht wurden, können wir nicht genau sagen. Es waren jedoch sehr, sehr viele. Verena ist voll und ganz zufrieden. Sogar so zufrieden, dass wir mit dem Gedanken spielen, ja ihn sogar fast schon gefasst haben, diese Optik-Sache zu einem langfristigen Projekt zu machen. Brillenspenden aus Deutschland haben wir erst einmal noch genug. Wenn die Menschen in Deutschland uns weiterhin so tatkräftig unterstützen, könnte das auch durchaus Erfolg haben. Wir würden dafür einen gelernten Optiker einstellen, der die Heime der Fondation mit Sehtests und Brillen versorgt. Wir würden eine Art Kartei anlegen mit festen „Kunden“. Die Schützlinge der Organisation würden die Versorgung natürlich kostenlos bekommen. Aber auch Arme und Bedürftige könnten teilhaben. Hier müssten wir jedoch einen kleinen Beitrag abverlangen, dass nicht alles kostenlos abgegeben wird. Zum einen, um die Eigenkosten – zu einem gewissen Teil – tragen zu können, aber auch – und das ist meiner Meinung nach sehr wichtig – um der „Handaufhalten-Mentalität“ entgegenzuwirken. Leider macht sich das Verhalten breit, beziehungsweise ist längst gegeben, dass die Burunder einfach nur die Hand aufhalten und betteln, sobald sie einen Weißen sehen. Anstatt selbst etwas zu unternehmen. Wieso auch, die „Muzungus“ kommen doch immer und bringen alles? Dem gilt es entgegen zu wirken. In erster Linie, um von dieser falschen und fatalen Einstellung weg zu kommen. Denn wie schon öfter erwähnt: Eigentlich sollte Ziel sein, dass Hilfe von außen überflüssig wird. Irgendwann. Aber dafür müssen die Menschen hier erst einmal verstehen, worum es geht.

 

Ich denke, wenn man etwas nicht ganz umsonst bekommt, wird gefördert, dass man sich etwas verdienen muss. Dinge werden mehr geschätzt, man setzt sich quasi auch mal „auf den eigenen Hosenboden“ und will etwas erreichen. Ehrgeiz ist vielleicht ein Stichwort. Denn wir sind keine Besatzer, die das unterworfene Volk versorgen müssen, sondern wollen dahin gehend helfen, dass die Leute auf eigenen Beinen stehen können und sich versorgen müssen. Manch Kritiker mag nun einwerfen, dass man den Afrikanern den europäischen Stil und Lebensweise überstülpen möchte. Das sollte natürlich nicht sein. Aber zumindest sollte eine Lebensweise das eigene Überleben sichern. Nur in so weit, dass keiner mehr an Hunger sterben muss. Das reicht schon aus. Das hat, meiner Meinung nach, nichts mit „Überstülpen“ einer fremden Lebensweise oder Kultur zu tun.

 

Zurück von irgendwelchen Theorien zur Realität. Am letzten Abend in Burundi ist es uns sogar passiert, dass Leute vor Verenas Haus auf unsere Rückkehr gewartet haben, um von meiner Mutter einen fachgerechten Sehtest zu bekommen. Und natürlich eine Brille. Es war ein Jugendlicher, der seinen kleinen Bruder herbrachte. Würde es nach der Nachfrage gehen, hätte meine Mutter noch Wochen bleiben und arbeiten können. Leider ist das ja aber nicht möglich. Ich bin mir jedoch sicher, dass dieses langfristige Optik-Projekt eine gute Sache wäre. Um der hiesigen Wirtschaft nicht zu schaden – mit „Dumping-Preisen“ – werden wir die Brillenaktion jedoch nicht kommerziell betreiben, sondern lediglich als humanitäre Hilfe anbieten und uns ausschließlich an die wenden, die sich ansonsten keine Sehhilfe leisten können. 58 Prozent der Burunder haben laut UN weniger als einen Dollar pro Tag zur Verfügung. 89 Prozent sogar weniger als zwei Dollar. Eine Brille mit dazugehörigem Augenarztbesuch beispielsweise bedeutet für viele also die Hälfte eines Monatsgehalts – oder sogar ein ganzes? Wer dann tatsächlich noch den Weg zum Optiker wählt, wird nicht zur Mehrheit gehören.

 

Ich sehe gerade, ich habe diese Gedanken schon einmal fest gehalten. Aber doppelt hält besser.

 

Gestern, Samstag, traf Bernd Weisbrod bei uns ein, ein freier Fotograf, derzeit im Auftrag für Human Help Network (HHN) unterwegs, um die Projekte der Fondation Stamm fotografieren, aber insbesondere den Besuch des Brandenburgischen Bildungsministers ab Donnerstag zu begleiten. HHN und Aktion Tagwerk – bei der Tausende Schüler in mehreren Bundesländern an einem Tag für ein Projekt in Entwicklungsländern arbeiten – unterstützen unter anderem auch unsere Fondation. Soweit ich gelesen habe, schon seit 2002. Bernd ist ein netter, ruhiger Mann, der mit viel Lebenserfahrung erzählen kann. Ursprünglich sollte seine Tochter Nora, die Geschäftsführerin von Aktion Tagwerk e. V., mit anreisen. Aus geschäftlichen Gründen kommt sich jedoch erst am Donnerstag mit der Delegation aus Brandenburg nach. Bereits am Dienstag wird Volker Dattke von HHN bei uns eintreffen. Viel gibt es zu tun, vor allem vorzubereiten für Verena, viel zu besprechen, viel zu erledigen.

 

Bernd erzählte, dass auch er mein Tagebuch mit großem und regelmäßigem Interesse verfolge. Ich bin erstaunt, freue mich aber natürlich darüber. Dass mein Tagebuch solche Kreise ziehen würde, hätte ich mir niemals träumen lassen. Was anfangs als „Fenster“ für die Freunde, Ver- und Bekannten zu Hause angedacht war, wird heute schon in mehreren Ländern gelesen, von Deutschland über Österreich bis hin nach Südafrika. Selbst der Minister aus Brandenburg, auf den wir uns hier alle freuen, weiß davon und liest. Ebenso wie der Deutsche Botschafter in Burundi, Thomas Mangartz, den ich schon kennen lernen durfte.

 

Freitag Abend traf ich wieder Flo in der „Kiriri-Bar“. Als es dort aber leer wurde, führte er mich, Julia und Marie in eine Bar ganz in der Nähe, um die Ecke des „Sun Safari Hotels“, in dem wir einmal Fußball schauen waren. Die Bar dort ist um einiges größer als die in Kiriri. Mehr Tische – im Garten –, mehr Leute und lautere Musik. Eine Mischung aus Club im Freien und Biergarten. Die Atmosphäre ist drinnen sehr entspannt und gut, auch wenn draußen bei unserer Ankunft gerade eine rege Diskussion zwischen mehreren Burundern in Handgreiflichkeiten umzuschwenken schien. Ein Taxifahrer, der die beiden Hauptstreithähne zu kennen schien, schaffte es jedoch zu schlichten. Vor der Bar war die gesamte Straße verstopft – mit Taxis und Privtautos. Flo wohnt hier um die Ecke, wie er uns auf dem Nachhauseweg zeigt. Wie die Bar hieß, weiß ich leider nicht mehr. Der Name war zu exotisch, als dass ich ihn mir hätte merken können. Vielleicht das nächste Mal.

 

Werner und meine Mutter sind wieder zu Hause. Wohlbehalten, wie ein Anruf bestätigte. Viel gebe es erst einmal zu verarbeiten, wie meine Mutter meinte. Verständlich. Dann wird sie wieder der unvermeidliche Alltag einfangen. Auch Werner wird wieder in sein mehr oder weniger geregeltes Leben eintauchen. Sein Besuch weckte wieder alte Erinnerungen an unsere gemeinsame Arbeit in der Redaktion des „Wochenblatts“. Es gab einige Situationen, in denen wir herumalberten und beide nicht mehr aufhören konnten zu lachen. Wie in der Redaktion hin und wieder. Mir fehlt die Arbeit in einer festen Redaktion. Vor allem in diesem ganz speziellen Büro. Das kann ich sagen. Natürlich ist es nicht das einzige, was fehlt. Die Gedanken an die Freunde daheim sind immer präsent. Als in einer Mail von daheim letzt stand, dass vielleicht schon wieder die ersten Touren mit dem Fahrrad nach dem – nicht wirklich einsetzenden – Winter möglich seien, wurde mir plötzlich wieder bewusst, dass ich aus einem Alltag, aus einem Leben daheim heraus getreten bin. Zumindest für eine gewisse Zeit. Winter. Jahreszeiten. So etwas gibt es hier gar nicht. Entweder es regnet oft oder nicht. Aber warm ist es immer. „Überwintern“. Ein Fremdwort.

 

Was ich aus der Heimat erhaschen kann, an Infos aller Art, sauge ich förmlich auf. Meist eben per Internet, der einzigen Möglichkeit. Was in der Heimat Karlsruhe passiert, was die Freunde durchmachen und erleben. Wie und was sich verändert. Ich freue mich immer über kleine Nachrichten, die mich von zu Hause erreichen. Sie helfen mir – vielleicht – Ende des Jahres nach unserer Rückkehr nach Deutschland wieder in das Leben dort hinein zu finden, Fuß zu fassen, nicht völlig in ein Loch zu fallen. Was allerdings meine eigene Zukunft anbelangt, beruflich, steht noch in den Sternen. Ich werde mein Jahr hier in Burundi durchziehen und dann erst einmal nach Hause gehen. Verarbeiten, Nacharbeiten, neu orientieren. Vielleicht auch den gegangenen Weg beibehalten. Wer weiß, wo ich landen werde? Was ich machen werde?

 

Wie haben einen neuen Jungen im Heim. Viané, schätzungsweise sechs oder sieben Jahre alt. UNICEF-Mitarbeiter haben ihn weinend auf der Straße gefunden und zu uns gebracht. Angeblich habe er gesagt, er wohne zwar auf der Straße, habe aber noch einen großen Bruder. Irgendwo. Der Junge hat eine starke psychische Störung. Im ersten Moment lacht er und tobt mit Gleichaltrigen herum. Eine Minute später sitzt er apathisch alleine in einer Ecke, wimmert, weint und schreit laut. Beruhigen lässt er sich meist nur, wenn man ihn in einen ruhigen Raum zu sich nimmt und ihm eine Beschäftigung gibt – beispielsweise irgendetwas schreiben oder malen. Doch es verstreicht nie viel Zeit bis zum nächsten Anfall. Entsprechende Situationen im Heim lassen uns vermuten, dass der Junge ein Drogenproblem hatte oder hat. Klebstoff. Viané hat außerdem eine sehr große Zerstörungswut – ausschließlich gegen sich selbst. Er schlägt sich selbst mit den Fäusten oder irgendwelchen greifbaren Gegenständen. Wenn er abhauen möchte, das Tor aber verschlossen ist, schlägt er mit dem Kopf dagegen. Letzt abends waren einige der größeren Jungs mit aller Kraft damit beschäftigt, dem Kleinen einen Strick aus der Hand zu nehmen, den er sich um den Hals gelegt hatte. Die Kinder, Betreuer und wir sind ratlos. Professionelle Hilfe braucht der Junge. Professionelle Hilfe eines Psychiaters in Burundi?!

 

Weitere Erlebnisse in der “Optik-Woche”

geschrieben am 7. März 2007 um 14:00 von burundikids

Dienstag, 6. März 2007. 10 Uhr in Burundi. Wieder liegen ereignisreiche Tage hinter uns. Am Freitag Abend nach Ankunft von unserer Landfahrt saßen meine Mutter, Werner, Verena und ich im „Chez André“ zusammen. Müdigkeit war uns allen ins Gesicht geschrieben. Nach einem Bier verabschiede ich mich und mache mich auf den Weg hoch ins Heim. Auf halber Strecke rufe ich Lena an, wo die anderen seien und was sie machen – sie waren in der „Kiriri-Bar“. Eigentlich wollte ich nur kurz vorbei schauen. Julias Eltern kamen mir am Eingang schon entgegen, sie hatten sich bereits auf den Nachhauseweg gemacht. Kaum stehe ich in der Bar, klingelt mein Telefon. Es ist Marco von den UN. Wo ich denn sei und ob ich noch Lust auf ein gemeinsames Bierchen hätte. Ergo blieb ich noch ein Weilchen in der „Kiriri-Bar“. Wir quatschten ein Weilchen, dann verabredeten wir uns noch für Sonntag zum Essen und schließlich fuhr uns Marco nach Hause.

 

Am Samstag nahm ich mir Zeit, einige Mails zu beantworten und Dinge abzuarbeiten, die in den vergangenen Tagen liegen geblieben waren. Verena und meine Mutter besuchten nochmals das Straßenkinderheim und brachten passende Brillen, die vergangenes Mal ausgetestet wurden. Nachmittags trafen wir uns alle im Heim. Die Mädchen führten Tänze nach burundischer Tradition, die Jungs zu HipHop auf. Ein kleines Fest auf der Terrasse des Kinderheims. Strahlende Gesichter. Vor allem als ein kleines Mädchen, das zu den neuesten und jüngsten Bewohnern unseres Heims zählt, anfing, zum HipHop zu tanzen.

 

Am Abend traf sich die gesamte Mannschaft im „Chez André“ bei Verena. Burundisches Essen stand auf dem Plan – zum Abschied von Barbara und Thomas, den Eltern von Julia. Auf dem Tisch fanden sich zuerst frittierte Bananen, dann Hähnchen in einer Tomatensauce und dazu Kochbananen in Gemüse – Tomaten, Auberginen, Zwiebeln, Pili Pili und Lenga Lenga (ein grünes, spinatartiges Blattgemüse). Gegen 22 Uhr machten Lena, Marie, Werner und ich uns auf den Weg in die „Kiriri-Bar“. Ich dachte eigentlich an ein Bier zum Abschluss des Tages.

 

Müde war ich. Doch dann kam der Vorschlag, nach der Bar noch ins „Havanna“, eine der Diskotheken in Bujumbura zu gehen. Ich grüble erst. Außer uns war kaum jemand noch in der Bar. Auf einmal kamen drei, vier sehr merkwürdige Gestalten und positionierten sich um den Billardtisch. Einer von ihnen hatte Lena schon auf dem Weg zur Toilette vollgequatscht. Sie verstand jedoch kein Wort von dem, was er faselte, also ging sie einfach zurück zu unserem Tisch. Billard spielten gerade noch Marie und Lena – kommentiert von den komischen Gestalten. Noch während der Partie signalisierte der eine der Typen, dass er gerne danach spielen würde. Das konnte er dann auch, gegen Werner. Das erste Spiel gewann der andere, das zweite mit etwas Glück Werner. Demnach war alles ausgeglichen, jeder hätte zufrieden sein müssen. Doch anscheinend waren es die anderen nicht. Der junge Mann, der gegen Werner spielte, versuchte die ganze Zeit, ein Gespräch mit mir zu beginnen. Oder sagen wir besser: Er stellte mir ununterbrochen Fragen. Wo, wer, was und mit wem. Ich fühlte mich, als wolle er mich ausquetschen. „Freiwilliger bin ich“, das war alles, was er wissen sollte. Nichts weiter.

 

Die ganze Truppe dieser Männer sah aus, als hätten sie Geld. Goldringe, Kettchen, schicke Hosen und Hemden und Schuhe. Und Uhren. Alles etwas suspekt. Dann wollen wir gehen. In dem Moment fragt Werner und mich einer der Typen – der muskulöseste – ob wir denn ein Problem hätten. Wir schauen uns an und versuchen, ihn zu beschwichtigen. Keiner hier habe ein Problem, wie er denn darauf komme. Was dann folgt, hat keiner so wirklich verstanden. Die Type quasselt nonstop von seiner Mutter, die in Belgien gestorben sei, dass er oft dort war, er sei aber Burunder und außerdem arm. Und das wiederholte er – ich weiß nicht wie oft. Jedenfalls bis wir endgültig sagten, dass wir nun gehen müssten. Natürlich ließ er es sich nicht nehmen, uns zum Ausgang zu begleiten. Um uns dann anzubieten, uns irgendwo hin zu fahren. Mit seinem alten VW-Golf, ohne Nummernschild und ohne Rücklicht. Wir lehnen dankend ab und laufen – sehr zu seinem Unverständnis.

 

Ich wollte eigentlich nach dem Bierchen in der Bar nach Hause. Doch jetzt, wo diese merkwürdigen Gestalten um uns herum schwirrten, hielt ich es für besser, dass wir zusammen bleiben und ich mit ins „Havanna“ gehe. Keine schlechte Idee, denn auf dem Fußmarsch die Straße hinunter fuhr derselbe Golf drei Mal an uns vorbei, bis er schließlich anhielt und sagte, er nehme uns mit. Wir redeten uns heraus und meinten, wir seien eh gleich da, wir wollten nur ins „Chez André“. Danach zog er ab. Und wie das Glück so will, kam auch gleich ein Taxi angerauscht, das noch frei war. Das war auch gut so, denn noch weiter in die Innenstadt sollte man im Dunkeln nicht mehr zu Fuß gehen – schon gar nicht als „Muzungu“. Wir werden also direkt vors „Havanna“ chauffiert.

 

Im Innern stellt es sich eher als langweilig heraus. Ich wusste sofort wieder, weshalb ich hier erst zwei Mal in vier Monaten war. Wir stehen an einer kleinen Mauer, über der die zwei Dächer von Bar und Tanzfläche eine kleine Lücke haben. Natürliche Klimaanlage. Vor allem: Luft! Auf dem Barhocker vor mir schläft ein Jugendlicher. Die Flasche Primus steht vor ihm, halb leer. Er liegt mit verschränkten Armen auf dem Tisch, den Kopf darin versenkt. Als der Schrank von Türsteher vorbei kommt, fackelt er nicht lange und „begleitet“ ihn hinaus. Als der Junge Anstalten macht, nicht mehr laufen zu wollen – oder zu können? –, nimmt der Türsteher ihn kurzerhand auf die Schulter. An einem anderen Tisch flucht ein Mann im Anzug lauthals und schimpft mit zwei jungen Damen. Um was es geht, weiß ich nicht. Ist er der Vater? Der Bruder? Der Zuhälter?

 

Ganz interessant und lustig wird es dann doch noch, als ich Valentin kennen lerne, ein Freund unseres burundischen Kumpels und Geldwechslers Colin. Valentin ist beinahe zwei Meter groß und muskulös. Er wuchs in Washington D.C. auf, da sein Vater als Diplomat arbeitete. Jetzt ist er wieder seit einigen Jahren in Burundi und studiert. Eine sympathische und nette Type. Wir unterhalten uns lange. Da Fotografieren seine Leidenschaft ist, haben wir auch gleich ein Gesprächsthema gefunden. Journalismus interessiert ihn – ein schweres Los in der jungen burundischen Demokratie. Aber Valentin macht es Spaß. Sein Lachen ist ansteckend. Als wir uns in der späten Nacht verabschieden, fährt er uns spontan nach Hause. Wir waren schon am Diskutieren mit einem Taxifahrer, da winkte uns Valentin ins Auto.

 

Am Sonntagmittag führte ich meine Mutter in den Hexenkessel Bujumburas – den Markt. Nicht etwa aus sadistischen Absichten, sie wollte einmal das Leben und Treiben dort am eigenen Leib erfahren. Kaum waren wir im Innern angelangt, begrüßte uns Claude. Claude ist ein Junge, ich schätze mal in meinem Alter, den ich schon einmal auf dem Markt kennen gelernt hatte und der mir damals geholfen hatte, Knöpfe zu finden. Dieses Mal stellte er sich als Marktführer zur Verfügung und zeigte meiner Mutter alle Ecken und Nischen, die unterschiedlichen Verkaufsstände mit Obst, Gemüse, Schmuck, Schuhen, Stoffen und allem möglichen. Für mich nichts Neues mehr, für meine Mutter jedoch ein Erlebnis.

 

Am Nachmittag standen dann Sehtests im Waisenheim auf dem Programm. Alle Kids waren anwesend, das Interesse groß. Wer auf dem Stuhl saß und die Testbrille aufhatte, schmunzelte über beide Ohren. Die unzähligen Zuschauer mussten immer wieder aus der Sichtlinie zur Sehtesttafel zurück gewiesen werden. Zwar hatten wir im Vorhinein eine Liste mit 15 Jungen und Mädchen, die sich zum Sehtest angemeldet hatten und die meinten, eine Brille zu benötigen. Doch natürlich wollten im Anschluss weitere Kids ebenfalls ihre Sehkraft testen. Teils, weil es wirklich notwendig war, teils auch einfach aus Interesse und Spaß. Als es jedoch dunkel wurde, mussten wir auch hier zum Ende kommen. Die entsprechenden Brillen wurden dann im „Chez André“ ausgewählt, beziehungsweise müssen – falls nicht passend vorhanden – aus Deutschland nachgeschickt werden.

 

Lena hatte am Sonntag gesundheitliche Probleme. Mit Fieber lag sie im Bett und wollte nur schlafen und ihre Ruhe. Der Verdacht auf Malaria kam natürlich sofort auf, ein entsprechender Test fiel jedoch negativ aus. Es war eine Magen-Darm-Verstimmung, wie sie zurzeit in Bujumbura herumgeht. Von einigen Leuten höre ich, dass sie das gleiche haben. Wir besorgen Lena die entsprechenden Medikamente, sodass es ihr auch gleich wieder besser ging.

 

Julias Eltern befanden sich bereits seit dem Nachmittag wieder auf dem Heimweg nach Deutschland. Tränen flossen, der Abschied fiel schwer. Mit vielen neuen Erfahrungen kommen sie nach Hause, zu erzählen gibt es mehr als genug.

 

Am Sonntag Abend trafen wir – Mutter, Werner und ich – mit Marco aus Leopoldshafen, dem Nachbarort meiner Heimat Eggenstein. Er lud uns in das chinesische Restaurant „Shanghai“ ein, nicht weit vom „Chez André“ und seiner Wohnung entfernt. Das Essen: sehr lecker und sehr günstig. Und scharf – wie ich es liebe. In unserer WG im Heim dürfen Lena und ich nicht scharf kochen, da Julia und Marie das nicht so sehr vertragen, beziehungsweise erst gar nicht essen können. Es war also die Gelegenheit schlechthin für mich, meiner Leidenschaft für scharfes Essen nachzugehen. Der Abend verläuft interessant und lustig – wie die beiden bisherigen Male mit Marco auch.

 

Der Montag sollte dann wieder ein Abenteuer für sich werden. Im Viertel Kanyosha betreibt die Fondation Stamm eine kleine Schule. Kanyosha ist ebenfalls ein sehr, sehr armes Viertel. Dort wollten wir nun hin, um Sehtests zu machen und Brillen zu verteilen. Wir erfahren, dass bereits seit 5 Uhr morgens unzählige Menschen auf das Gelände strömten und dort auf uns warteten. Unglaubliches Gedränge, als wir dort eintreffen. Beinahe unvorstellbar. Durch die Menge drücken wir uns hindurch und bringen die Brillenkartons in ein kleines, sehr kleines Häuschen, das aus einem Raum und einer Abstellkammer besteht, von der aus noch eine kleine Schlafkammer abgeht. Auf den Tischen breiten wir die Brillen aus, tosender Lärm, draußen drücken sich Kinder, Frauen, Alte und auch viele, die einfach nur sehen wollen, was sich hier abspielt.

 

Es ist heiß in dem kleinen Raum, Strom gibt es gerade nicht, also müssen wir die Holzläden der Fenster öffnen, um etwas zu sehen. Die Tür bleibt offen stehen – noch. Am liebsten wären alle, die draußen warteten, gleichzeitig in den Raum gestürmt. Ein Mitarbeiter der Fondation fungiert als Türsteher und hält die Massen mit nicht endenden und lautstarken Diskussionen im Zaum. Nach einer Weile muss ein Tisch als Absperrung vor die Tür positioniert werden, um das Gedränge abzuhalten. Drinnen stehen dennoch zu viele um den Stuhl herum, auf dem sich der jeweilige „Kunde“ befindet. Sehtests werden so schnell wie möglich, aber dennoch auch so genau wie möglich durchgeführt. Trotz Geschrei und Gedrängel von außen. Als letzte Maßnahme muss die Eingangstüre geschlossen werden – mit Verriegelung. An den Gittern der Fenster stehen weiterhin unzählige Menschen und drücken sich die Nasen platt. Jeder will zuerst. Sofort. Denn jeden hat es nach eigener Aussage am schlimmsten mit der Sehschwäche getroffen. Teilweise kamen die Leute von Kilometer weit hier her.

 

Nach einer Weile muss ich ins Freie, ich halte die Hitze nicht mehr aus. Außerdem wollte ich ein paar andere Motive für Fotos finden. Ich muss mich mit Mühe und Not durch die Masse vor der Tür quetschen. So etwas habe ich noch nie erlebt – außer auf Musikkonzerten. Nicht aber bei Menschenmassen, die sich gegenseitig drücken, schlagen und schubsen, nur um eine Brille zu bekommen. Ein Zeichen von großer Armut. Beinahe nicht zu glauben. Doch verständlich, wenn man bedenkt, dass der Kauf einer Brille viele teuer zu stehen kommt: nicht selten die Hälfte eines Monatsgehalts. In Zahlen: 20.000 FB. Etwa 18 Euro.

 

Bis es schon stockdunkel geworden ist, bleiben wir in Kanyosha und testen Brillen. Doch dann muss Ende sein. Wir drängeln uns durch die Massen ins Auto. Den Karton mit den restlichen Brillen lassen wir eingeschlossen in dem Häuschen – als Vorsichtsmaßnahme, dass er uns auf dem Weg nach draußen nicht aus der Hand gerissen wird. Noch immer sind Massen von Menschen auf dem Gelände. Der Nachhauseweg ist nachdenklich. Im Gepäck haben wir unzählige Rezepte für Brillen, die uns noch in die Hand gedrückt wurden. Ein Haufen Arbeit, der noch ansteht. Doch ich denke nicht, dass meine Mutter das noch schaffen würde. Dafür wäre wohl etwas mehr Zeit als nur zwei Wochen notwendig. Verena meinte jedoch, dass es eine sehr gute Idee wäre, diese „Optik-Woche“ zu einem längerfristigen Projekt zu machen. Brillenspenden haben wir erst einmal genügend – und wenn die Bereitschaft, alte Brillen weiterhin nach Burundi abzugeben, weiterhin so groß ist, dann ist das durchaus auch möglich. Einen im Optikerhandwerk ausgebildeten Mitarbeiter könnte man schnell finden und für die Fondation einstellen. Denkbar wäre dann ein kleines Projekt, in dem in einem kleinen Lädchen Brillen für günstigere Preise an Arme und Bedürftige abgegeben werden – und zwar nur an die, um nicht der hiesigen Wirtschaft zu schaden. Dennoch: Ein kleiner Beitrag, wenn auch gering gehalten, muss entrichtet werden. Ansonsten wird einmal mehr das moralisch falsche Verhalten gefördert, sofort die Hand aufzuhalten, wenn man einen „Muzungu“ sieht. Es scheint, als würde dieser Projektgedanke auch umgesetzt und Erfolg haben.

 

Am Abend dann der krasse Gegensatz zur Armut – wie man ihn in Burundi oft findet. Wir waren eingeladen zum Abendessen bei Andreas Schmidt, einem Mitarbeiter der EU in Burundi, seiner Frau Sibylle – mit der wir die Tour nach Kayanza unternommen hatten – und Tochter Anja. Ein reichlich gedeckter Tisch, nichts fehlte. Alles vom Feinsten, so viel man wollte. Interessante Gespräche. Dazu eine Aussicht von der Terrasse auf das Lichtermeer der Stadt. Traumhaft. Wenn man nur nicht wüsste, wie es den meisten Menschen dort unten in dieser Stadt ergeht. Übrigens: Das Haus der Schmidts liegt nur unweit von unserem Waisenheim entfernt. Ein Stück weit die Rue Rwagasore noch den Berg hinauf, um eine Kurve, wo einen eine Straßensperre erwartet. Es ist nämlich der Weg zum Präsidentenhaus. Besser: zur Präsidentenvilla.

 

Nahe ging es uns allen. Meine Mutter sprach es mir gegenüber jedoch aus. Es machte ihr zu schaffen, diesen Gegensatz der Gesellschaften in Bujumbura am eigenen Leib zu erleben. Tagsüber das nackte Elend. Dann nur kurz das Gesicht waschen und plötzlich findet man sich im reichsten Viertel der Stadt ohne jeglichen Mangel wieder. Wir haben es schon öfter erlebt in den vier Monaten, in denen wir nun hier sind. Für jemanden, der leider nur zwei Wochen Zeit in Burundi verbringen kann, stelle ich es mir jedoch ziemlich hart vor.

 

Am Dienstag führte uns Thomas aus Östringen aus. Kollege Dave war ebenfalls mit von der Partie. Mit einem Geländewagen fuhren wir an den Stadtrand zum Fluss Ruzizi. Dorthin, wo die Krokodile und Nilpferde leben. Hippos sahen wir zuhauf, die Krokos hielten sich etwas bedeckter. Nur eines sahen wir kurz aus dem Wasser lugen. Allein aber schon die Autofahrt, besser Safari, durch den Park, mitten durch den Busch, war ein Erlebnis. Durch das Gebüsch ging es über Sand und Wassertümpel direkt ans Ruzizi-Delta und den Tanganyikasee. Natur pur, nur die Fischer mit ihren kleinen Holzbooten lassen hier Menschendasein vermuten. Danach gab es noch einen Kaffee mit Thomas und seinen Jungs in deren Haus. Badisches Geplauder. Mitten im Herzen Afrikas.

 

Landfahrt nach Muyinga

geschrieben am 3. März 2007 um 14:32 von burundikids

Freitag, 2. März 2007. 19.40 Uhr in Burundi. Vor etwa zwei Stunden sind wir in Bujumbura angekommen. Eine schöne, aufregende und auch nahe gehende zweitägige Landfahrt nach Muyinga, im Osten Burundis, liegen hinter uns. Die Fahrt begann am Donnerstag um 9 Uhr. Chauffeur Ali, Verena, meine Mutter und Werner holten uns mit einem neuen Mietwagen (Toyota Landcruiser) im Heim ab. Dort stiegen Julia, ihre Eltern und ich zu. Holprig ging es die Piste hinunter bis zur Hauptstraße, dann am Viertel Kamenge vorbei, hindurch durch eine Polizeikontrolle, hinauf in die grünen Berge, die die Hauptstadt umgeben.

 

Die Landschaft ist mittlerweile nichts Neues mehr – aber dennoch immer wieder faszinierend. Die unglaubliche Vielfalt dieser Vegetation in Burundi ist traumhaft. Alles ist grün, ganze Wälder von Bananenstauden erstrecken sich über die Berge. Manchmal ist es beinahe unmöglich zu begreifen, dass in diesem fruchtbaren Land eine Hungersnot herrschen soll. Die im Übrigen gerade erst „anläuft“, die schlimmsten Monate stehen noch bevor. Und zwar bis zur nächsten Erntezeit im Juni.

 

Wir fahren durch die Provinzen Muramvya, Kayanza – wo wir kurz unsere Ziegelei besichtigen – und Ngozi, bis wir schließlich nach etwa drei Stunden in unserem Ziel eintreffen: Das Straßen- und Waisenkinderheim in der östlichen Provinz Muyinga. Der Empfang der Kinder und von Heimleiter Emmanuel ist sehr herzlich. Leider halten wir uns jedoch nur wenige Minuten im Heim auf – das Tagesprogramm ist recht straff. Erstes Ziel: Eine der Kommunen auf dem Land, in denen die Fondation Stamm ein Schulspeisungsprojekt betreibt. 600 Kinder gehen dort zur Schule und bekommen dank der Spendengelder und Organisation der Fondation eine warme Mahlzeit. Hungersnöte haben nämlich die traurige und logische Folge, dass viele Kinder nicht mehr zur Schule gehen können. Knurrende Mägen und kilometerlange Fußmärsche, dazu noch stundenlanger Unterricht lassen sich nicht vereinbaren. Dank der Schulspeisung läuft der Schulbetrieb jedoch weiter.

 

Es ist sehr heiß, die Sonne steht im Zenit und scheint mit voller Kraft. Den Kindern macht das recht wenig aus. Als sie die Kameras von Werner und mir sehen, gibt es kein Halten mehr. Wir können uns nicht einen Meter bewegen, ohne dass sich eine riesige Traube von Kindern mit uns schiebt. Schreiende, rufende und wild gestikulierende Kinder. „Fotora! Fotora!“ Es ist nicht leicht, das Wesentliche – die Schulspeisung – zu fotografieren. Ständig drängen sich große Kulleraugen und ausgestreckte Daumen vor die Linse.

 

Eine Kuhherde trampelt durch das Gelände vorbei. Im Hintergrund sehe ich eine große Hausruine. Sie ist bereits wieder Teil der Natur geworden, das Gras hat sie überwuchert. Vor mir stehen unzählige Kinder. Auf der Piste ein paar Hundert Meter entfernt wirbelt ein Lastwagen des World Food Programme Staubwolken auf. Der Anblick dieser Lkw mit den blauen Planen ruft mir immer wieder ins Gedächtnis, wo ich mich befinde. In einem Land, in dem Menschen Hunger leiden. An Hunger sterben. Und die Kids vor mir sind unmittelbar Betroffene. Und dennoch lachen sie, schreien, freuen sich, wenn sie auf dem Foto zu sehen sind. Sie zählen auch noch zu den Glücklicheren. Schließlich haben sie zu Essen. Zumindest ein Mal am Tag.

 

Nach einer Weile, nachdem das Notwendige besprochen und die benötigten Fotos geschossen sind, machen wir uns auf den weiteren Weg. Winkend und ohrenbetäubend verabschieden uns die Kinder. Strahlend weiße Zähne, dunkle Augen, hübsche Gesichter. Es geht ihnen gut, versuche ich mir einzureden. Sie haben zu Essen.

 

Was uns dann erwartet, ist Natur in ihrer schönsten Vielfalt – alt, schön und unberührt. Wir halten an einer kleinen, krummen Holzschranke. Dem Eingangstor zum „Ruvubu-Nationalpark“ im Osten Burundis, nahe der tansanischen Grenze. Ein Gebiet, das von Menschen bislang unbewohnt geblieben ist. Nur Wald, Tiere, Gras und Flüsse. Ein Paradies. Der Eintritt kostet uns 3.000 FB pro Person (1 €  = 1.300 FB). Der Guide steigt zu und wir biegen gleich nach der Schranke nach links in den Busch ein. Das Gras, das eher an Schilf erinnert, steht zwei Meter hoch. Mindestens. Links, rechts und in der Mitte zwischen den Reifenspuren ebenfalls. Wir müssen die Fenster schließen, andernfalls hätten wir die halbe Vegetation mit samt aller kleinen Tierchen im Auto. Natürlich merke ich das erst, als ich mir die ersten Grashalme aus den Haaren ziehen muss. Ali, unser Fahrer, bleibt hart und lässt die Scheibe unten.

 

Was sich um uns herum befindet, ist waschechter Busch. Natur, wie man sie auf der Welt nur noch selten sehen und erleben kann. Gezwitscher der unterschiedlichsten Vogelarten ist auszumachen. In unser Auto verirrt sich eine kleine Libelle. Kaum hat sie den Weg aus Alis Fenster gefunden, löst sie ein gelber Schmetterling ab. Es kommt einem vor, als wollten sie „Guten Tag“ sagen, ihre Schönheit zeigen. Oder sich verwundert anschauen, wer hier gerade durch ihr Territorium fährt. Lästig sind die kleinen Bremsen, denen es auch nicht entgangen ist, dass sich etwas zum Beißen durch den Busch bewegt.

 

Auf einer kleinen Lichtung sehen wir Antilopen, die jedoch blitzschnell das Weite suchen. Das hohe Schilf ist zu Ende, wir halten auf einer kleinen Lichtung mit Knöchel hohem, saftig grünem Gras. Die Aussicht ist von hier aus schon herrlich, aber sie sollte noch besser werden. Der Hügel ist ziemlich steil und steinig, den wir hinunter wandern. Nach ein paar Hundert Metern bleiben wir stehen und können das Panorama, das sich uns bietet, kaum fassen. Der Ruvubu-Fluss schlängelt sich braun und träge durch den grünen Teppich. Um ihn herum: Urwald. Eine große Fläche ist noch überschwemmt. Der Ruvubu verläuft zwar wieder in seinen natürlichen Bahnen, doch das sumpfige Gebiet zeugt noch von den starken Regenfällen, die ihn haben übertreten lassen. Krokodile und Nilpferde sehen wir leider keine. Dafür müsste man bis zur Dämmerung bleiben, was jedoch (noch) nicht ganz ratsam ist, wenn man noch zurück fahren muss. Camping sei jedoch im Nationalpark erlaubt, versichert und Sabiti, unser Parkführer.

 

Die Geräusche erinnern an richtigen Urwald – wie man ihn bislang nur aus Dokumentationen kannte. Wie viele Vogelarten hier leben, weiß niemand wirklich. Zwischen den Felsen, die alle paar Meter aus dem Boden ragen, finden sich auch unzählige Termitenhügel. Darum herum Sträucher und kleine Bäumchen, Blumen und Gras. Beim Aufstieg zurück zum Auto hält mich der Guide zurück und zeigt auf etwas vor mir. Zuerst erkenne ich überhaupt nichts, doch dann bewegt sich ein kleines, schwarzes Tier und verrät mir dadurch seine Präsenz. Es ist eine Spinne, schwarz-orange gemustert, schlank, aber in etwa so lang wie eine Handfläche. An einem seidenen Faden kraxelt sie gerade von einem Busch zum nächsten. Als sie merkt, dass wir sie beobachten, bleibt sie starr hängen. Nur der Wind schaukelt sie hin und her.

 

Wieder auf der Lichtung angekommen, sehen wir einen kleinen Tümpel. Die Wasserstelle der Büffel, die im Ruvubu-Park leben. Ein paar Meter weiter ist das hohe Gras platt gelegen. Der Büffel hat es sich anscheinend im Schatten des Baums gemütlich gemacht, nachdem er rundherum die weichen und wohlschmeckenden Grasspitzen abgefressen hatte. Wir fahren weiter, zur nächsten Aussichtsstelle. Einige Quadratmeter scheinen hier abgebrannt zu sein. Die Erde ist grau, die Pflanzen schwarz oder dürr. Die Bäume jedoch bieten ein Bild aus Tod und Leben zugleich. Ihr Stamm ist schwarz verkohlt, an den Astspitzen jedoch blühen faustgroße, weiße Blüten. Wir schauen hinüber zum anderen Hügel, wo Rauch aus kleinen Hüttchen aufsteigt. Das ist Tansania. Wir stehen mitten im Busch direkt an der Grenze zu Tansania.

 

Wir fahren die Piste durch das meterhohe Gras zurück, an der Holzschranke nach links. Wir sehen Sümpfe mit viel Papyruspflanzen, überqueren den Ruvubu. Vor der Brücke ist ein grünes Tarnzelt aufgeschlagen, einige junge Soldaten tummeln sich in bunten T-Shirts herum. Während des Bürgerkriegs war der Nationalpark Kampfgebiet. Die damalige Rebellengruppe, die heute die Regierung führt, hatte dort Hoheitsgebiet. Heute sind immer noch Soldaten im Park. Wegen eventueller Überfälle und Kriminalität – die es an solchen abgelegenen Orten immer und überall geben kann. Die Jungs winken uns lächelnd zu. Wahrscheinlich kommt es nicht allzu oft vor, dass sich hier ein „Muzung“ blicken lässt. Noch dazu in ganzer Wagen voll.

 

Wir halten. Am Hang dieses Hügels hat man einen schönen Blick in ein Tal, in dem drei grün bedeckte Hügel zusammentreffen. Wir halten Ausschau nach Affen, die sich an dieser Stelle oftmals umherbewegen, sehen jedoch keine. Trotz Fernglas. Aber dafür wieder eine Natur zum Schwärmen. Der Weg dorthin ging wieder durch meterhohes Gras. Dieses Mal zu Fuß. Ein schönes, kleines Abenteuer. Auf dem Rückweg halten wir an und nehmen uns Papyruspflanzen mit. Der Guide meinte, das sei kein Problem.

 

Nach einem Stück biegen wir links von der Piste ab, ein Weg führt direkt in einen kleinen Wald. Dann fahren wir auf eine große Lichtung – vor uns ein Haus. Ein Hotel. Zumindest war es das mal. Heute ist es nur noch ein Haus mit Schlafplätzen. Kein Wasser, kein Strom, kein Essen. Aber dafür umso schöner. Mitten in der Natur. Näher an Pflanzen und Tieren kann man bei Gott nicht sein. Der ältere Mann, der hier alleine lebt und sich um das Haus kümmert, zeigt uns alles mit Stolz. Wenn wir die Zeit finden, wollen wir hier irgendwann noch übernachten. Pures Abenteuer. Ich bin mir sicher, dass jeder Naturfreund hier seine Erfüllung erfährt. Auch für gestresste Manager oder Abenteurer absolut das Richtige. Und für alle anderen auch. An manchen Bäumen sehen wir große, runde Tierbauten. Ich halte es erst für ein Vogelnest, der Guide klärt mich jedoch auf, dass das Termiten seien.

 

Ein paar Schritte vom Haus entfernt steht mitten im Wald ein kleiner Holzverschlag. Der Guide zeigt uns die Bienenstöcke, die hier nach burundischer Tradition aus Holzgerüst und Bananenblättern gebaut werden. Auf einem quer liegenden, morschen Ast beobachte ich Ameisen, die fleißig ihrer Arbeit nachgehen. Sie sind so groß wie ein Fingernagel. Ich machen einen großen Schritt darüber und fotografiere die erste burundische Sonnenblume, die ich sehe.

 

Dann wird es für uns Zeit, den Heimweg anzutreten. Bald wird es dunkel. Auf dem Rückweg stoppen wir abrupt. Affen! In den Bäumen vor uns und auch über uns. Kleine, braune Affen. Sie haben sich natürlich aufgrund des Motorengeräuschs aus dem Staub gemacht. Aber nur so weit wie nötig, schließlich sind sie mindestens genauso neugierig wie wir. Sie in den Bäumen, wie auf der Piste. Einige Minuten starren wir uns gegenseitig an, ich bekomme sogar einen vor die Zoom-Linse. Dann machen wir uns aber endgültig und zufrieden auf den Heimweg.

 

In Muyinga Stadt angekommen, halten wir wieder kurz im Kinderheim. Die Jungen sitzen um eine Kerze herum und lernen aus einem Schulbuch. Strom gibt es in diesem Haus – wie in noch vielen in Muyinga – keinen. Das Heim der Fondation wird jedoch in den kommenden Wochen ein anderes Haus anmieten. Ein größeres, schöneres und vor allem mit Strom. Die Verhandlungen mit dem Vermieter sind abgeschlossen und zu unseren Gunsten ausgefallen. Als es bereits stockdunkel ist melden wir uns in der katholischen Herberge an, in der wir auch schon bei unserem vergangenen Besuch übernachtet hatten. Etwa hundert Meter weiter befindet sich das kleine Bistro, das von Ordensschwestern geführt wird, sehr günstig und sehr, sehr lecker ist. Dort essen wir auch zu Abend, zusammen mit unseren einheimischen Mitarbeitern aus dem Heim. Es ist kalt. Der Tag war ereignisreich und erschöpfend, das Primus tut seinen Rest. Zufrieden und müde fallen wir schließlich in unsere Betten. Um 8 Uhr morgens geht es schließlich weiter.

 

Als ich fertig gewaschen und angezogen aus der Herberge gehen will, hängt an der Glasscheibe der Eingangstür eine Gottesanbeterin. Welch Ironie! Sie schaut mich an, mit leicht geneigtem Kopf. Vorsichtig öffne ich die Tür und beobachte sie auch von der anderen Seite. Nach und nach treffen dann alle im Hof ein, auch Ali ist mit dem Wagen eingetroffen. Er hatte in einer muslimischen Herberge übernachtet. Zusammen laufen wir dann wieder zum Bistro der Schwestern, wo wir uns auf der Terrasse Omelette mit Brötchen, frische Kuhmilch und Kaffee schmecken lassen. Im Anschluss fahren wir im Kinderheim vorbei. Emmanuel, der Heimleiter, steigt zu. Dann geht es wieder ab auf die Piste – zum Pygmäenvolk der Batwa.

 

Es hat gerade stark geregnet, ein Wind weht uns um die Ohren, es ist sehr kalt. Immerhin befinden wir uns in 1.700 Metern Höhe. Die rote Sandpiste ist dennoch gut befahrbar. Wir rauschen an Männern vorbei, die mit riesigen Kohlesäcken beladene Fahrräder schieben. Und Frauen in bunten Gewändern, die alles mögliche auf dem Kopf balancieren. Die Landschaft ist hier sehr felsig – und nicht weniger beeindruckend. Dann erreichen wir die kleine Siedlung der Batwa, einem eigenen Volksstamm in Burundi, wo die Fondation Stamm eine kleine Schule betreibt. Es ist ein Holzbau mit Planen des UNHCR überzogen.

 

Der jetzige Besuch bei den Batwa ist völlig anders als noch vor vier Monaten. Zum einen waren die Pflanzen auf den Plantagen, die die Fondation finanziert, damals noch knöchel- oder kniehoch. Jetzt sind die Bananenstauden ausgewachsen, wir stehen in einer schönen, großen Plantage mit Pflanzen, die uns überragen. Auf der einen Seite aber offenbart sich uns das nackte Elend dieser Bevölkerungsschicht. Beim vergangenen Besuch war es heiß. Dieses Mal war es kalt, es regnete mit starkem Wind. Die Kinder zittern am ganzen Leib, viele sind nur mit drei zusammen gebundenen Stofffetzen bekleidet. Es macht keinen Spaß, diese Bilder mit der Kamera festzuhalten. Doch leider ist das der Job. Nur so funktioniert die Arbeit.

 

Die Älteren jammern, zeigen auf ihre mageren Bäuche. Die Kinder weinen, verstecken sich hinter den Tüchern der Mutter, sitzen auf dem nackten Boden und zittern vor Kälte. Ich sehe einen kleinen Jungen, der etwas abseits sitzt. Ich erkenne erst bei genauerem Hinsehen, dass er blind ist. Wir haben nicht viel Kleidungsstücke zum Verteilen dabei. Aber das, was wir dabei haben, wird bei großen Geschrei und Gedränge verteilt, ja, uns aus der Hand gerissen. Eine gewisse Aggression unter den Batwa macht sich bemerkbar. Manche reißen sich zwei Kleidungsstücke unter den Nagel, andere bekommen gar nichts. Wir hoffen, sie arrangieren sich untereinander. Ein Baby ist am ganzen Körper mit einem Hautausschlag übersät. Ich mache ein Foto, dass wir es einem Arzt in Bujumbura zeigen können.

 

Dann essen die Kinder. Auch die Schüler in ihren kurzen, braunen Uniformen frieren. Mit zitternden Händen stecken sie sich den Maisbrei mit Bohnen in die Münder. Sie sitzen auf der Erde. Trotz allem, was mich sehr verwundert, geht es beim Essen sehr diszipliniert zu. Stille. Nur das Getratsche der Mütter von draußen, außerhalb der Zeltplane, ist zu hören. Wir müssen hier mehr tun. Eine große Ladung Kleidung muss her. Es gibt nichts Schlimmeres in diesem Augenblick, als einem Kind in die Augen zu sehen, das nur mit Lumpen bekleidet (wenn man noch bekleidet sagen kann) ist, vor Kälte am ganzen Körper zittert und einen dabei mit großen, von Tränen verkrusteten Augen ansieht. Machtlosigkeit. Hilflosigkeit. Man steht wie angewurzelt da und weiß nicht, was man tun soll. Wo anfangen?

 

Wir fahren wieder zurück in die Stadt Muyinga in unser Kinderheim. Für dort hatten wir einige Unterhosen und Zahnbürsten versprochen, die wir nun verteilten. Dazu bekommt jedes Kind ein süßes Brötchen. Eine Sonnenbrillenspende, die uns in einem Paket vor einigen Tagen erreichte, wird ebenfalls verteilt. Dann wird es für uns Zeit, den Heimweg anzutreten. Die Sperre um Bujumbura, die vor 17 Uhr passiert werden muss, existiert nach wie vor. Ali gibt Gas und wir schaffen es noch rechtzeitig, das Örtchen Bugarama, wo sich die Sperre befindet, zu passieren. Auf dem Weg den Berg hinunter kaufen wir noch einiges an Gemüse ein. An der Stelle, wo wir es immer tun, wenn wir von einer Landfahrt zurück kehren. Pflicht ist auch der gebratene Mais, den man hier angeboten bekommt. Wir schauen eine Weile dem wilden Treiben zu, den Händlern, die neben den vorbei fahrenden Autos, Lkw und Bustaxis her rennen und ihre Ware anpreisen und den Soldaten, die wort- und regungslos mit Kalaschnikow um die Schulter baumelnd uns beobachten. Dann sind wir noch vor der Dämmerung wieder in unserer Heimat: Bujumbura, auch Buja genannt.