Sonntag, 8. April 2007. 17 Uhr. Ostersonntag. Zwei ereignisreiche, spannende und interessante Tage habe ich hinter mir gelassen. Ich war in dem Land, von dem ich schon so vieles gehört und gelesen habe. Meist nichts Gutes. Meist negative Schlagzeilen. Gewalt, Armut, Krieg. Kongo. Mein Freund Marco bot mir an, mich dort einigen Kollegen vorzustellen, die bei der Monuc arbeiten, der Truppe der Vereinten Nationen, die dort stationiert sind. Was ich in den beiden Tagen aufschnappen konnte, war jedoch mehr als zwei interessante Menschen.
Zuerst dachte ich, die Deutschen seien die Weltmeister in der Bürokratie. Weit gefehlt. Ich glaube, die Kongolesen haben sie erfunden. Aus der Not heraus, versteht sich. Gegen 14.30 Uhr packe ich meinen kleinen Rucksack, Notizblock und Kamera in den Kofferraum des kleinen grünen Jeeps. Wir fahren bei einer Kollegin vorbei, die zusteigt, dann geht es los. Zuerst in Richtung Stadtviertel Gatumba, wo sich unsere Schule befindet, dann weiter bis zur Grenze zwischen Burundi und dem Kongo. Die Straße ist gut geteert und schnell befahrbar. Links und rechts Sumpfgebiet, viel Papyrus wächst dort. Am Straßenrand reges Treiben, viele Menschen, die Lasten mit ihren Fahrrädern oder auf dem Kopf transportieren. Unsere Route führt direkt auf die hohen, grünen Berge des Kongo zu. Das Panorama könnte schöner nicht sein. Die Sonne gibt volle Kraft, ohne runtergekurbelte Scheibe ist es kaum erträglich. Die Musik aus dem Radio gibt den Rhythmus vor.
Dann treffen wir an einem burundischen Grenzposten ein. Mit dem Reisepass in der Hand gehen wir in ein kleines, herunter gekommenes Büro. An der Wand ganz oben thront Präsident Nkurunziza, golden umrahmt. „Präsident der Republik Burundi und Oberbefehlshaber der Streitkräfte“. Er schaut ernst. Ausnahmsweise mal im Anzug. Nicht in der Sportjacke. Vor mir sitzt der Grenzbeamte in Hemd und Anzugshose. Er grinst und schaut gleichzeitig erwartungsvoll. Die ersten beiden Knöpfe hat er offen gelassen. Ohnehin gibt er sich sehr leger. „Ihr fahrt in den Kongo?“ Zu jedem der Pässe gibt er einen Kommentar ab. Er bestätigt damit meinen Eindruck, dass bei den Burundern nichts ohne Diskussion abläuft. Sei es, wenn sie etwas kaufen, Taxi fahren, eine Rechnung im Restaurant vorgelegt bekommen – oder eben Pässe von Weißen sichten. „Aha. Mhm. Oh, Sie sind deutsch? Warum sind die Deutschen so selten geworden?“ Ich lache, er steigt ein. Dann zückt er ein Buch mit karierten DIN A4-Blättern und beginnt, in die vorgezeichnete Tabelle zu kritzeln. „Z-I-S-E-R“. Mein Beruf? Freiwilliger. Wo es denn genau hingehen soll und wie lange. Ich gebe jede Auskunft, die er haben will. Nächster.
Nach etwa zehn Minuten ist die Sache geritzt, wir haben einen kleinen Stempel im Pass, der uns die Ausreise bescheinigt. Kaum sind wir wieder im Auto und wollen passieren, ruft ein anderer Grenzbeamte etwas in der Landessprache. Der andere an der Schranke schiebt den Balken wieder zurück in seine Verankerung. Wir bräuchten noch ein Blatt Papier für das Auto, weil es zollfrei nach Burundi gebracht wurde, wie die weiße Schrift auf rotem Grund des Nummernschilds verrät. 12.000 FB Gebühr. Dann freie Fahrt. Zuvor müssen wir den Jeep noch zurück setzen, weil der Chinese im Cockpit des großen, grünen Lkw wild gestikuliert, dass er durch wolle. Er kommt gerade vom Kongo. Auf der langen, offenen Ladefläche sind Gasflaschen notdürftig verschnürt. Es klappert als er den Posten passiert. Der Chinese grinst. Ich halte mir die Ohren zu. Schließlich passieren wir die Schranke, fahren über eine Metallbrücke – und befinden uns auf dem folgenden Kilometer in Niemandsland.
Eigentlich ist die sandige und mit Steinen übersäte Piste kongolesisches Gebiet. Den Sinn und Zweck der zwei großen Container am Straßenrand kann ich nicht erfahren. Da man aber bereits den burundischen Grenzposten passiert hat, den kongolesischen jedoch noch nicht, steckt man quasi in einer Wüste, in der sich keiner zuständig fühlt. Links und rechts: Sumpf. Wie ich später erfahre, ist Christian, einer der Monuc-Mitarbeiter, die ich kennen lernen sollte, dort einmal stecken geblieben. Da er ziemlich spät dran war, wurden auf beiden Seiten die Grenzen dich gemacht. Weder auf burundischer, noch auf kongolesischer Seite war mehr Durchgang. Er rief damals die Security der Monuc, die ihn dann in den Kongo begleiten mussten und auf das Auto aufpassen. Denn er selbst durfte durch die Grenze, das Auto jedoch nicht – aus welchen Gründen auch immer. Jedenfalls ist es Fakt, dass ein Auto, das in diesem Streifen über Nacht steht, dort mit Sicherheit nicht lange an einem Stück bleibt.
Wir kommen an den kongolesischen Grenzposten. Man spricht hier Suaheli, kein Wort Kirundi ist mehr zu hören. Es ist reger Betrieb, einige Menschen sitzen im Schatten zweier großer Bäume. Etwas weiter ab vom Schuss sehe ich eine kleine Hütte, vor der es sich Soldaten gemütlich gemacht haben. Wir gehen in ein kleines Zimmerchen, in dem vier Grenzbeamte sitzen. Drei Männer, eine dicke Frau. Das Fenster am Ende des winzigen Raums ist offen für den Durchzug. Auch hier die obersten Hemdknöpfe offen. Aber dennoch schick. „Aha. Deutsch. Wo soll es hin gehen?“ Derselbe Fragenkatalog wie auf burundischer Seite. „Heiß ist es bei uns, nicht wahr?“ grinst er mich an, wobei ich das Gefühl habe, dass er mehr schwitzt als ich. Dann blättert er meinen Pass durch. Drei Mal. Zwischendurch schaut er noch aus dem Fenster, macht Witze mit einem seiner Kollegen. Parallel zu uns fertig die Grenzbeamtin andere durch ein Gitterfenster ab. „30 Dollar fürs Visum.“ Die grünen Scheine – die gegen das einheimische Geld aussehen wie Monopolywährung, verschwinden in seiner Hosentasche. „Visum gültig für sieben Tage“. Dass das genau so viel kostet, wie wenn man nur zwei Tage bleibt, ist ihm recht egal. Dann zückt auch er das Buch mit den karierten Blättern und der Tabelle. Er ist jedoch langsamer und noch diskussionsfreudiger als sein burundischer Kollege. Ein Witzbold, wie es scheint.
Dann verschwindet er wenige Minuten im Zimmer, auf dessen Tür „Chef de Poste“ steht. Als er zurück kommt, drückt er uns grinsend die Pässe in die Hand und wünscht uns einen schönen Aufenthalt. Wir verabschieden uns per Handschlag, gehen zur Tür hinaus, wo schon ein anderer Grenzbeamter auf uns wartet. „Hier hinein, bitte“. Das blau gestrichene Zimmer ist von derselben Größe wie das erste, nur sitzen hier nur zwei. „Wo soll es denn hingehen?“ „Aha, deutsch“. Blättern im Pass, ein Din A4-Buch mit karierten Blättern. „Z-I-S-E-R“. In diesem zweiten Zimmer wird bestätigt, dass man im ersten sein kongolesisches Visum abgeholt – und bezahlt – hat. Gebühr fürs Auto: 15.000 FB. Plus Versicherung fürs Auto: 50 Dollar, was jedoch auch anders gelöst werden kann. Dann dürfen wir auch hier wieder unsere Pässe nehmen und das Zimmer verlassen. „Hier herein, bitte“, sagt der dritte und zeigt auf einen kleinen Pavillon. Impfausweise sind sein Interesse. Zu dumm, dass ich meinen vergessen habe. Wir versuchen, nicht auf den älteren Mann einzugehen und marschieren zügig aufs Auto zu. Als wir einsteigen, brennt draußen eine Diskussion. Ein anderer kommt ans Fenster und fragt, wo das Problem liege. Wir behaupten, der andere wolle bloß Geld und wir wollten nun endlich fahren. Die muskulöse Type an der Schranke weiß nicht so recht, was er tun soll. „Aufmachen“, befiehlt der Beamte am Autofenster, „Nein, Ausweise“, schreit der Alte. Die Schranke ist halb offen und gerade als ein weiterer Ruf von hinten kommt, will der Muskelprotz sie wieder zuschieben. Wir sind jedoch schon fast durch, geben noch mehr Gas, sodass er letztendlich Durchfahrt gewährt. Illegal im Kongo? Ich habe wieder dazu gelernt. Immer, wirklich immer in Afrika den Impfausweis mitnehmen. Es erspart einem Stress. Und viel Geld. Vielleicht sogar einen Tag.
Endlich im Kongo. Auf den ersten Blick sieht es aus, wie in einem armen burundischen Dorf auch. Lehmhütten, viele Kinder, Menschen, die im Schatten sitzen. Die Piste ist ein Mal mehr unglaublich. Steine, Sand, Hügel, dass ich mir mehrmals den Kopf an der Autodecke anstoße. Wer sich den Scherz erlaubt hat, nach etwas Hundert Metern ein Schild „Attention! Speed Bumps!“ aufzustellen, weiß ich nicht. Von den Bremshügeln war nichts mehr zu sehen. Die ganze Straße ist ein einziges Verkehrshemmnis. „Muzungu!“ dringt es durch die Scheibe. Hinter uns eine Staubwolke. Ich fühle mich, als würde ich im Sitz festkleben.
Nach wenigen Kilometern, wir sind noch nicht einmal in der Innenstadt, sind wir schon da. Links von uns erstreckt sich der Tanganyikasee in einem astreinen Blau. Die burundischen und die kongolesischen Hügel liegen sich gegenüber. Grün und überragend. Der Wächter öffnet ein mit Bambus verziertes Tor und grinst. Wir sind bei unseren Freunden und Kollegen angekommen. Ich spüre schon, dass hier ein anderer Wind weht. Ich bin zwar nicht weit von Burundi entfernt, dennoch scheint es mir wie eine andere Welt. Vielleicht nur eine Momentaufnahme, aber der Geruch ist anders, die Luft, die Stimmung, hier in Uvira, einem kongolesischen Nest mit 60.000 Einwohnern in der Region Süd-Kivu, ganz im Osten des riesigen Kongo. Wir parken direkt vor dem Eingang des kleinen, weißen und gemütlichen Gebäudes. Christian ist der Erste – nach dem Torwächter –, der uns begrüßt. Er ist 32 und kommt aus Köln. Dann treffen wir auf Thierry, der aus dem Elsass stammt. „FBI“ steht auf seinem Shirt, grinsend und in perfektem Deutsch begrüßt er mich. Eine sympathische Erscheinung. Vom ersten Moment an.
Wir legen unser Zeug ab und marschieren direkt durch auf die Terrasse hinterm Haus. Von hier aus blickt man direkt auf den See, der nach 30 Metern beginnt. Eine Bambushecke grenzt das sandige Grundstück ein. Wir trinken kalte Cola, dann lerne ich noch Patient kennen, ein kongolesischer Mitarbeiter und Freund Thierrys. Musik schallt aus einem Notebook, am Strand sind Fischer zu Gange und Kinder baden nackt. Einige Frauen transportieren in großen Gefäßen auf dem Kopf Kies ab. Links von unserem Haus befindet sich ein kleiner Posten der Monuc, die Wachtürme überragen alles.
Wir halten uns nicht lange auf, da fahren wir schon weiter in die Stadtmitte. Ein Fußballspiel steht an zwischen Soldaten der Monuc – im Süd-Kivu ausschließlich Pakistani – und der kongolesischen Armee. Die Hauptstraße von Uvira ist ein Teerteppich, der an manchen Stellen gerade mal zwei oder drei Meter breit ist. Viele Motorräder sind unterwegs, Fußgänger und Radfahrer. Sehr eng, ich bewundere Thierrys Fahrkünste – und seine schnelle Reaktion. Was ich sehe, ist Armut. Die Aufschriften und selbst gemalten Werbezüge, die beschreiben, was man im jeweiligen Häuschen finden kann, sehen noch recht neu aus. Alles andere jedoch nicht. Verwittert? Alt? Krieg? Alles zusammen. Nicht unbedingt der Ort, an dem man sich wohl fühlen kann. Thierry hupt. Nach einer Weile biegen wir nach rechts ab und fahren den Hügel, an dessen Fuß Uvira liegt, hinauf. Nach einigen Hundert Metern sind wir da. Eine Menschenmasse umzingelt das Fußballfeld, das mich eher an Beach-Volleyball erinnert. Kaum werden wir gesehen, kommt ein pakistanischer Soldat auf uns zu, schüttelt jede Hand und begleitet uns zur Tribüne. Er scheint so etwas wie ein Kommandant zu sein, zumindest tun alle anderen Soldaten der UN das, was er sagt. Und eskortieren auch zwei, drei „normale“ Soldaten, jeder von ihnen ein Maschinengewehr in der Hand. Die Stimmung ist hier eine andere. Man fühlt sich beinahe wie in einem Kriegsgebiet. Zumindest wie in einem Krisengebiet.
Unter einer Zeltplane sitzen weitere Pakistani. Alle mit der hellblauen Schildkappe der Vereinten Nationen, pakistanischer Tarnuniform, auf deren Ärmeln die Zeichen der UN und die grün-weiße Flagge mit dem weißen Halbmond mit Stern von Pakistan genäht sind. Weitere stehen um das Spielfeld herum verteilt. Neben ihren kongolesischen Kollegen. Oder Gegnern? Ich glaube, es ist irgendetwas dazwischen. Die Kongolesen tragen olivgrüne Uniformen. Rote Abzeichen auf Schultern und Ärmel. Die Barette sind ebenfalls rot. Sie tragen Kalaschnikows. Ihr Blicke sind alles andere als einladend. Ich denke an die burundischen Polizisten und Soldaten, die auch durchaus mal grinsend grüßen. Das scheint mir hier ausgeschlossen. Es fällt mir schwer, mich auf das Spiel zu konzentrieren, während dessen sich 22 Mann in der glühenden Hitze abmühen. Dennoch folge ich der Truppe, an deren Spitze der pakistanische Kommandant voranschreitet. Wir müssen auf der Ehrentribüne Platz nehmen, ansonsten seien die Pakistani beleidigt, wird mir gesagt. Dort finden sich Kongolesen, aber mehr pakistanisches Militär. Ein Pakistani in traditionellem weißen Gewand, kurzem Vollbart und Käppchen streckt mir ein Holztablett entgegen, auf dem ein weißes Deckchen ausgebreitet ist und auf dem er kalte Getränke serviert. Er ist eine sympathische Erscheinung. Das kalte Wasser mit Fruchtsaft schmeckt und tut gut auf der staubigen Kehle.
Rechts vor mir sitzt ein – wie es scheint – hochrangiger kongolesischer Militär. An seinem roten Barett ist ein goldener Löwe als Abzeichen angeheftet. Er ist in das Spiel vertieft, jedoch ganz ruhig, ganz im Gegensatz zu seinem Landsmann neben ihm. Links neben ihm nimmt der bärige UN-Kommandant mit Sonnenbrille Platz. Ein merkwürdiges Bild. Zu leise hört man den Spielkommentator. Ein dicker Kongolese, der an einem kleinen Tischchen mit einem Mikrofon vor sich sitzt und versucht, die Geschehnisse auf dem Feld in Worte zu fassen. Wirkliches Interesse scheint er aber keines zu finden. Auf der kleinen Mauer links und rechts neben der Tribüne sitzen unzählige pakistanische Soldaten in Uniform und blauem Käppi. Jeder zweite schwingt in seiner Hand ein kleines Fähnchen seines Heimatlands. Gegenüber der Tribüne, auf der anderen Seite des Spielfelds, steht die Anzeigetafel, auf der mit Kreide der Spielstand mit „0:1“ angegeben ist. Darüber wehen die pakistanische und die Flagge der UN. Wo ist die kongolesische? Schaut man über die Flaggen hinweg, sieht man Bujumbura auf der anderen Seite des Sees. Die weiße Universität thront auf dem Hügel.
Wenige Minuten später erhöhen die Kongolesen auf zwei zu null durch Elfmeter. Lautstarker Applaus. Faires Spiel. Doch, so ist es mein Eindruck, von der Einigkeit, Friedlichkeit und dem Miteinander, das man mit diesem gemischten Fußballspiel signalisieren möchte, ist außerhalb des Spielfelds nicht viel zu spüren. Die bewachenden Soldaten von UN und Kongo stehen – in respektablem Abstand – nebeneinander und sprechen kein Wort. Besatzer oder Friedenstruppe? Was denkt der Kongolese mit der Kalaschnikow neben dem Pakistani mit einem anderen Maschinengewehr? Alle schauen irgendwie ernst drein. Beinahe bekommt man das Gefühl, die Jungs würden sofort ohne nur einen Moment zu zögern aufeinander schießen, wenn sie den entsprechenden Befehl von ihrer Seite bekommen würden. Es ist eine völlig neue Erfahrung, so etwas zu sehen.
Für mich persönlich furchteinflößend: die Kongolesen. Ihre Gesichtsausdrücke haben irgendwie etwas Erbarmungsloses. Etwas Kaltes, Gnadenloses, Brutales. Man wird mir sagen, dass man im Kongo – auch vom Militär – für Dollars alles haben kann. Alles. Und zwar ohne Ausnahme. Wenn ich die Soldaten sehe, glaube ich das aufs Wort. In der einen Hand den Schlagstock, in der anderen die Kalaschnikow. Dazu ein Blick, wie man ihn aus Filmen und sensationsträchtigen Reportagen kennt: Der Wilde, der Warlord, der im tiefen, unkontrollierbaren Busch sein Unwesen treibt, Kinder entführt, kleine Jungs zum Kämpfen zwingt oder ihnen Enthauptung durch die Machete androht, Mädchen vergewaltigt – alles hemmungslos, weil er schlicht und einfach nichts zu verlieren hat. Gar nichts. Straßenkinder gibt es in Uvira übrigens seltener. Bevor ein Kind nämlich dort landet, kommt es zu den Rebellen in den Busch. So einfach ist das.
Nach dem Spiel gibt es eine Art kleine Siegerehrung, die Kongolesen bekommen jeder ein kleines Päckchen mit arabischer Aufschrift. Der pakistanische Kommandant wirkt wie ein Riese zwischen den Sportlern. Danach geht es in ein Separée, wo eine Tafel gedeckt ist mit Pommes und Keksen, wie sie das Militär seinen Soldaten verabreicht. Der Bereich ist mit Stellwänden und Stoffen sichtgeschützt. Was sich vor mir abspielt, habe ich so noch nicht gesehen. Die kongolesischen Soldaten stürzen sich über die silbernen Platten und Schalen, wie eine wilde Meute. Es dauert nicht lange, da sieht der lange Tisch abgegrast aus, wie nach einer Heuschreckenplage. Ein Soldat nimmt vier oder fünf Kekse auf einmal in die Hand, so wie sie angerichtet waren, und stopft sie sich in den Mund, als wäre es ein Big Mac bei Mc Donald’s. In der anderen Hand hält er Pommes. Die kongolesische Armee bekommt nicht jeden Tag etwas zu essen. Dass das so ist, hätte man mir bei dem Szenario nicht extra dazusagen brauchen. Ich bin fassungslos. Draußen schreien Kinder, die immer wieder mit Bambusstöcken weggetrieben werden.
Ein pakistanischer Soldat möchte gerne ein Foto mit uns haben. Sein Kamerad hantiert etwas ungeschickt mit dem kleinen Fotoapparat bis es letztendlich doch noch blitzt. Dann noch ein anderer Soldat. Und noch einer und noch einer. Aus Spaß frage ich, wie viele hier stationiert seien, wenn das so weiter ginge, dass ich zeitlich planen könne. 850. Na dann. Ich finde es jedoch lustig. Allerdings weiß ich nicht, was an uns so interessant sein soll. Stelle ich mir jedoch vor, ich wäre in dieser Ecke der Welt stationiert, ich würde mich genauso über jede noch so kleine Abwechslung und „Attraktion“ freuen. Schließlich möchte ich ebenfalls ein paar Fotos von den Militärs schießen. Mehr als bereitwillig stehen sie stramm. Lächeln ist aber nicht angesagt. Ich glaube auch, dass sie nicht besonders viel zum Lachen haben.
Wir werden wieder zum Auto gebracht. Patient fährt mit, der 28-jährige Kongolese und Freund Thierrys. Gemeinsam fahren wir wieder zurück ins traute Heim am See. Dort sollte ich dann etwas geboten bekommen, was ich mir niemals hätte träumen lassen und über das ich nur noch den Kopf schütteln konnte. Da Thierry Elsässer ist, wurde selbstredend im kleinen Flammkuchenofen am See frischer Flammkuchen gebacken. Dazu gab es DAB – „Dortmunder Actien-Brauerei“-Bier. Und als ob das noch nicht genug wäre, schallt aus den Boxen bayrische Volksmusik – weil Thierry die so liebt. Als dann später am Abend noch ein paar pakistanische Soldaten – in zivil – eintreffen, die Thierry anscheinend gut kennt, und noch nach pakistanischer Art zubereiteten Reis mit Hühnchen vorbei brachten, war die Sache perfekt. Ich stehe also am Tanganyikasee, mitten in Afrika, in einem kleinen Örtchen im Kongo, in der Hand elsässischen Flammkuchen und eine Dose DAB-Bier, Musik aus Bayern in den Ohren und pakistanischen Reisgeruch in der Nase. Gesprochen wird an dem Abend aufgrund des Multi-Kulti-Besuchs übrigens deutsch, französisch, englisch, pakistanisch und elsässisch – oder am besten alles zusammen.
Jedenfalls ein sehr, sehr lustiger, aber auch interessanter Abend. Die Gespräche sind interessant, ich höre viel zu, stelle aber auch viele Fragen. Es interessiert mich einfach zu vieles und ich möchte nichts auslassen. Lange unterhalte ich mich mit Christian, dem Kölner, der hier in Uvira für die Monuc arbeitet. Sein Job ist es, mit den Rebellen im Busch zu verhandeln. Mit eben diesen gnadenlosen Warlords, schießwütigen Kindersoldaten und so mancher tickender Zeitbombe. Elf Monate sei er schon da. Und ich merke ihm an, dass die Arbeit zehrt – was er mir auch bestätigt. Schätzungsweise 10.000 dieser Rebellen tummeln sich im unkontrollierbaren Gebiet des Kongo alleine in dieser Region. Wenn sie die Muse hätten, könnten sie die offizielle kongolesische Armee ohne größere Anstrengung über den Haufen rennen. Hutu, Tutsi, Maji Maji und wer weiß ich noch – viele Grüppchen, alle unterschiedliche Interessen. Oder gar keine. Und das ist nicht selten das Problem. Wohin? Wo es keine Forderungen gibt, kann man auch nicht verhandeln. Nicht selten wird es wohl auch für Christian brenzlig, wenn er in den Busch zu Gesprächen muss. Eskortiert wird er anscheinen immer vom pakistanischen UN-Militär – Vorschrift. Doch was will eine Eskorte von 20 UN-Helmen anrichten, wenn mehrere Hundert sie einkesseln? Anscheinend arbeitet Christian gut, der Draht zu den Rebellen ist gut, sie lassen ihn an sich heran und sind bereit mit ihm zu sprechen. Allerdings sei so ein Vertrauen keinerlei Vertrauen und keine Garantie. In dieser Sicherheit sollte man sich besser nie wägen. Wenn du ihnen heute nicht mehr passt, dann ist es vorbei. Und zwar einfach so. Vor allem seien die Kindersoldaten ein großes Risiko. Die schießen nämlich zuerst und denken dann nach. So spart man sich schon nervige Diskussionen. Aber mal ganz ehrlich: Wen interessiert es? Als die deutsche Bundeswehr die Wahlen mit absichern sollte, war der Kongo plötzlich großes Thema. Und davor? Und jetzt?
Das DAB mach müde. Lange unterhalte ich mich, die Gespräche sind einfach fesselnd. Ich habe großen Respekt vor diesen Männern – und Frauen –, die hier ihre gute Arbeit leisten. Sie sind diejenigen, die die Drecksarbeit erledigen. Die Pläne umsetzen, die sich andere im maßgeschneiderten Anzug in New York ausgedacht haben. Und diese Leute vor Ort tun es mit einer gewissen Leidenschaft, mit Einsatz. Meinen Respekt, das muss ich ganz ehrlich zum Ausdruck bringen. Tat ich ihnen gegenüber auch. Aber das war ihnen unangenehm und machte sie verlegen.
Ich schlafe auf einem Feldbett. Recht bequem, ich schlafe schnell und gut. Moskitos sind in dieser Nacht kein Problem, den gesamten Abend über hatte ein recht kräftiger Wind geweht. Es kam mir nicht so vor, als hätte ich lange geschlafen, doch ich bin fit. Nach dem Frühstück – das im Übrigen recht luxuriöse ausfällt – stand eine kleine Bootstour an. Zuvor noch ein wenig waschen und Zähne putzen. Wir hatten glücklicherweise noch zwei Flaschen Wasser dabei – im Haus gab es nämlich keines. Die Leitungen gibt es, nur fließt nichts durch. Vielleicht ein, zwei Mal die Woche. Draußen vor der Terrasse stehen große Eimer unter einem frei stehenden Wasserhahn, der tröpfchenweise Wasser ausspuckte. Mit dem Wasser duschen die Jungs. Meine Dusche fällt an diesem Morgen aus, lediglich putze ich mir die Zähne mit Wasser aus der Flasche. Dann noch ein Nescafé.
Eine Badehose hatte ich nicht dabei – es reizt mich ohnehin nie sonderlich, schwimmen zu gehen. Noch nicht einmal hier im Tanganyikasee, obwohl es paradiesisch ist. Wir paddeln mit Thierrys kleinem Holzboot auf den See hinaus. „Monique“ heißt es, auf der anderen Längsseite steht „Alsace“. Das Wasser schimmert erst türkis, dann dunkelblau. Als die anderen im Wasser sind und tauchen, sieht man sie immer noch ganz klar. Im Hintergrund die riesigen, imposanten, grünen Kongoberge. Es ist unbeschreiblich, man fühlt sich wie in einem Paradies. Zumindest für einen Moment, bis man am Strandabschnitt weiter weg den Stacheldraht der UN erblickt und den Soldaten auf dem Wachtürmchen.
Ein Mal kentern wir fast, als einer zurück ins Boot will. Alle springen aus dem Boot, nur der Kongolese und ich schaufeln so schnell wir können das Wasser hinaus. Geht das Boot unter, ist „Monique“ Geschichte. Der See ist sehr lange vom Strand ab noch recht flach, dann geht es jedoch schlagartig in die Tiefe. Der Tanganyikasee soll schließlich der zweittiefste der Welt sein – nach einem in Russland, dessen Namen mir gerade nicht einfallen will. Die Bootstour jedoch ist Entspannung pur. Die Sonne brennt, ich hatte mich zum Glück vorher gut eingecremt. Nach etwa einer Stunde paddeln wir zurück ans Ufer, wo schon die Kinder um uns herum schwimmen. Dann helfen sie uns, „Monique“ zehn Meter weiter auf das Gelände von Thierrys Haus zu schieben.
Nach einem schnellen, aber leckeren Mittagessen auf der Terrasse mit „Meerblick“ und einem anschließenden Kaffee machen wir uns langsam aber sicher auf den Rückweg. Thierry kommt mit, er wollte über das Wochenende in Bujumbura ein bisschen Zeit verbringen. Mit uns fährt auch Eric, ein elsässischer Freund von Thierry, der ihn für einige Wochen Urlaub im Kongo besucht. Auch mit ihm hatte ich tolle Gespräche. Wir tauschen Adressen aus, schließlich ist die Strecke zwischen Karlsruhe und dem Elsass nicht die Welt. Wenn man es fertig gebracht hat, sich im Kongo über den Weg zu laufen, dann sollte man auch die wenigen Kilometer in Süddeutschland auf die Reihe bekommen.
Auf der Fahrt zurück bin ich halbwegs inkognito. Ich setze mir eine blaue Mütze der UN auf, dazu Sonnebrille und ernster Gesichtsausdruck. Außerdem sitze ich auf der Rückbank eines Monuc-Autos. Genug Gründe, mich am kongolesischen Posten ohne weitere Fragen aus- und am burundischen einfahren zu lassen.
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