Viele Gedanken…
Freitag, 13. April 2007. 13 Uhr. Ein von vielen Menschen gefürchtetes Datum. In Burundi ein regnerischer Tag. Seit morgens ist alles grau und bewölkt. Gegen Mittag setzte dann der Regen ein, der sich die ganze Zeit schon androhte. Die gesamte Nacht hat es gedonnert und geblitzt – allerdings weiter weg, in den Bergen. Ohne Regen.
Es ist einiges an Arbeit liegen geblieben, während die Frauentruppe zu Besuch war. Hinzu kommt nun das, was wir besprochen haben und angehen wollen. Ich bin bereits dabei, die ersten Dinge abzuhaken. Gestern Mittag besuchte ich Bénédicte von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) in ihrem Büro. Ich wollte einige Kontakte von ihr, die sie mir auch gab. Eine sehr nette, junge Frau. Abends arrangierte Benoit noch ein Interview für mich. Um 20 Uhr. Gegen 21.30 Uhr bin ich dann nach Hause ins Heim und war ziemlich erschöpft. Von Mittwoch auf Donnerstag Nacht hatte ich nicht besonders viel geschlafen. Es war der letzte Abend der Frauen in Burundi, sodass wir ziemlich lange gemütlich beisammen saßen, die letzten Dinge besprachen, Erlebnisse austauschten und auch ziemlich viel Spaß hatten. Vor allem Marion bewies ihr Talent als Sängerin und Kabarettistin. Bei einigen ihrer Erzählungen hatten alle am Tisch tränen vor Lachen in den Augen. Sie ist die Organisatorin der Gala „Sommernachtsfrauen“ (www.sommernachtsfrauen.de), die am 8. Juni im Kölner Maritim-Hotel zugunsten burundikids veranstaltet wird. Ich wäre gerne dabei, so wie vergangenes Jahr. Dieses Mal muss ich mich leider mit einem Mitschnitt begnügen. Verena wird allerdings zu dieser Zeit in Deutschland sein und auf der Gala ein Interview geben. Ich denke, für die Leute, die unterstützen wollen, ist es eine sehr interessante Begegnung, mit der Frau zu sprechen, die hier alle Fäden in der Hand hält und täglich für so und so viele Kinder sorgen muss.
Außerdem konnte Martina die burundische Botschafterin in Berlin als Schirmherrin für die Gala gewinnen – eine wirklich tolle Sache. Sie hatten zusammen im Flugzeug gesessen auf dem Weg nach Bujumbura. Dort hatte die Botschafterin – eine sehr nette, aufgeschlossene und interessierte Frau – die Frauen angesprochen. So kam es auch zu einem Treffen hier im „Chez André“ und dem anschließenden Besuch in unserer Schule und dem Heim für junge Mütter. Anscheinend war die Botschafterin so angetan und gerührt, dass sie sich sofort bereit erklärte, auch zur Gala zu kommen und noch dazu ihren Namen dafür zur Verfügung zu stellen. Wie ich finde, ein ganz klarer Erfolg.
An dem Abend unterhielt ich mich auch mit Gabi Hahn, einer Lehrerin aus dem Örtchen Kall, von der Schule, die mit unserer eine Partnerschaft eingegangen ist. Brötchenverkauf, Spendensammeln aller Art und Aktionen stellen die Schüler und Lehrer dort auf die Beine – was ich sehr begeisternd finde. Sogar ein kleiner Bäcker in Kall gibt immer mittwochs ein extra „Burundi-Brot“ heraus – ansonsten liefert er die Backwaren, die die Schüler für die burundikids verkaufen. Es ging mir beim Gespräch mit Gabi darum, was man den Schülern auf irgendeine Art zurück geben könnte. Wie man die Partnerschaft intensivieren kann, wie man motivieren kann. Ich denke, das Gespräch wird noch Früchte tragen.
Helena, die Tochter einer guten Freundin Marions, sagte, sie würde am liebsten noch bleiben. Allen Frauen ging es so. Die Zeit ging auch – wie immer – viel zu schnell vorbei. Ich denke, sie konnten dennoch sehr viele Eindrücke mit nach Hause nehmen und hoffe auch darauf, dass sie diese weiter transportieren und vermitteln. Bei allen, ausnahmslos, hatte ich aber das Gefühl, dass es ihr Interesse für Burundi erst recht noch zusätzlich angefeuert hat.
Im Laufe der Woche hatte ich die Gelegenheit, mit einigen burundischen Ärzten – oder Deutschen, die in burundischen Kliniken arbeiten – zu sprechen und auch die Krankenhäuser zu besichtigen. Was sich mir da zeigte, lässt einen ein Mal mehr grübeln. Die Zustände sind einfach miserabel. Alleine auf diesem Gebiet gibt es so vieles, was man tun könnte. Was man tun müsste. Aber wo anfangen? Die Intensivstation des Universitätskrankenhauses roch unangenehm. Die Menschen lagen in den Betten nur mit einfachen Duschvorhängen voneinander getrennt. Daneben standen Angehörige, die sich um die Kranken kümmerten. Wie es eben hier üblich – und erforderlich – ist. Die Hoffnungslosigkeit wird bei einem Interview mit dem Krankenhausdirektor deutlich.
Am Mittwoch konnte ich wieder meine Jungs im Straßenkinderheim besuchen und Englischunterricht geben. Martina hatte von einer lieben Spenderin einige Bücher und Aufgabenhefte mitgebracht. Den Jungs konnte ich endlich auch ihre lang versprochenen Wörterbücher Englisch-Französisch aushändigen. Strahlende Gesichter. Ein kleiner Fortschritt im Lernen. Es macht einfach glücklich und lässt sich nur schwer beschreiben, was in einem selbst vorgeht in einer solchen Situation. Auch mit Anita und Ephemie (16 Jahre) lerne ich mit den neuen Materialien Englisch. Anita lernt und fragt nebenbei auch immer noch deutsche Vokabeln und Sätze, die sie in einer Geschwindigkeit lernt und korrekt aussprechen kann, dass es mir die Sprache verschlägt. Sie scheint Talent dafür zu haben.
Eine kuriose Situation erlebte ich beim Englischlernen mit Ephemie. Ich hatte ihr aus dem Aufgabenheft einige Seiten kopiert, die sie innerhalb eines Tages verschlang und größtenteils auch richtig lösen konnte. Bei einer Aufgabe war ein Brief lückenhaft gedruckt. Es waren an manchen Stellen Wörter ausgelassen und in Bildern dargestellt, sodass man das richtige Wort finden und hineinschreiben sollte. Was ist „ice-cream?“ fragt sie mich. Tja. Und auch „popcorn“ musste ich mit einigen Schwierigkeiten erklären. Wir saßen bis nach Mitternacht zu dritt zusammen, bis zum Schluss nur noch Vokabeln in unseren Köpfen kreisten und wir uns auf den nächsten Tag verabredeten.
Lena
Lena wird nächsten Freitag wieder nach Burundi fliegen. Vier Wochen war sie nun zu Hause in Deutschland. Pause machen, eine Auszeit nehmen, neue Energie tanken. Anfang März hatte sie gesundheitliche Probleme – körperlich –, worauf sie Medikamente bekam. Die waren recht stark, sodass sich mit der Zeit eine Veränderung bei ihr bemerkbar machte. Und zwar psychisch. Vieles machte ihr zu schaffen, sie begann zu zweifeln, ob sie hier überhaupt gebraucht werde und ihre Arbeit Sinn mache. Ich merkte, dass etwas im Kopf bei ihr nicht mehr stimmte. Ausgelöst von den Nebenwirkungen der Medikamente, so denken wir alle.
Das Beispiel zeigt, dass es eben doch nicht ganz ohne ist, sich auf ein solches Land mit einer solchen Situation einzulassen. Lena entschied ziemlich schnell, dass sie nach Hause wolle. Nicht für den Rest des Jahrs, quasi ein Abbruch, sondern nur zur Erholung. Also buchten wir ein Ticket, in dem der Rückflug gleich inbegriffen war: 20. April. Sie hatte kaum die Entscheidung gefällt, schon ging es ihr wesentlich besser. Sie konnte wieder lächeln, sprach anders über die Situation hier, konnte vernünftige Überlegungen anstellen. Einfach eine Auszeit, um abzuschalten, runter zu kommen, aufzutanken, um dann mit neuer Energie wieder hier her zu kommen.
Ich habe diese Info lange zurück gehalten. Doch nun will ich sie mitteilen. Nicht etwa, um zu unterstreichen, was für tolle Leute wir doch sind, die so etwas Schwieriges hier auf uns nehmen. Sondern einfach nur, um aufzuzeigen, dass es fürwahr nicht immer ganz leicht ist, was man sieht, hört und erlebt. Dass es Dinge gibt, an denen man manchmal zu nagen hat, über die man sich den Kopf zerbricht, ohne zu einer Lösung zu kommen. Und dass das oft Dinge sind, die sich auch nur schwer verarbeiten lassen. Ich glaube, dass wir diese Gedanken auch noch eine ganze Weile in Deutschland mit uns tragen werden. Man kehrt körperlich innerhalb zweier Tage zurück in eine vollkommen andere Welt. Doch der Kopf ist bei Gott nicht so schnell. Das Fell hier in Burundi wird dicker und dichter. Ein Schutzmechanismus. Aber bei Weitem ist das Fell nicht undurchlässig. Selbst bei Verena, die seit 35 Jahren in Burundi lebt und wirklich jedes Elend kennt, habe ich manchmal das Gefühl, dass es Dinge gibt, über die sie sich den Kopf zerbricht, die ihr schlichtweg zu schaffen machen. Ein jeder hat seine eigene Art, damit umzugehen. Manchmal erfolgreich, manchmal eben weniger. Auch oder besonders wir vier Freiwilligen.
Gestern erfuhr ich, dass der kleine Raoule (zehn Jahre) aus dem Heim will. Mir fiel auf, dass er in den vergangenen Tagen ruhiger wurde, beinahe einen gelangweilten Eindruck machte. Heimleiterin Clothilde versuchte, ihn zu überzeugen, dass er besser bleiben und weiterhin zur Schule gehen solle. Er wollte es direkt von Verena hören. Kommt in ihm der Junge heraus, der in einem Rebellenlager lebte? Der Freiheiten gewohnt war, ein vollkommen anderes Leben als er jetzt hat? Was geht in ihm vor? Raoule hatte sich im Heim bestens entwickelt. Ein fröhliches Kind, so hatte es den Anschein. Aber hier kommt genau dasselbe Thema zum Vorschein: Kann man das Gesehene, Erlebte, Prägende einfach so vergessen? Ich hoffe, es ist nur eine kurze Phase. Und er kommt am Sonntag Morgen wieder zu mir und fragt mich mit leuchtenden Augen, ob ich mit ihm Karten spiele.


gerade zurück aus Burundi, und ich wäre so gerne geblieben, tauche ich ab in dein Tagebuch und fühle mich ganz nah. vor ein paar Stunden noch in Burundi, jetzt unausgeschlafen an meinem Schreibtisch in Köln. irgendwie merkwürdig einfach so in diese oder diese Welt zu hüpfen…
Auch ich bin wieder einmal mehr überwältigt von den klaren Worten und Gedanken, an denen wir Tagebuchleser teilhaben dürfen. Die Arbeit vor Ort ist eben auch eine Herzensangelegenheit, die nicht spurlos an einem vorüberzieht.
Alles Erlebte will verarbeitet werden und gerade dann ist es wichtig, rechtzeitig zu erkennen, wann es besser ist, auf die Bremse zu treten. Gesunde Distanz schaffen, eine Auszeit nehmen, auftanken, um wieder mit vollem Einsatz dabei sein zu wollen – das zeigt Größe und verdient Respekt, liebe Lena