Das Ende der Ferien und viele Gespräche
Montag, 16. April 2007. 10 Uhr. Immer noch strömen viele Gedanken durch meinen Kopf. Ich habe das Gefühl, es werden immer mehr, anstatt dass sich eine Lösung oder ein Ende abzeichnet. Die Eindrücke häufen sich in den vergangenen Tagen. Ob ich dafür offener bin zurzeit oder ob sie einfach häufiger sind, das kann ich nicht beurteilen. Die Sonne scheint heute wieder kräftig, gestern auch schon, nachdem es am Samstag den ganzen Tag grau in grau gewesen ist und fast nur geregnet hat.
Am Freitag Abend hatte ich ein sehr interessantes Treffen mit Männern des burundischen Gesundheitsministeriums. Ich brauchte einige Informationen von ihnen, natürlich ließen sie die Gelegenheit nicht aus, auch mich einige Dinge zu fragen. Ich glaube, sie überschätzten mich ein wenig. Dennoch schien ihnen zuzusagen, was ich von mir gab. Ehrlich gesagt, gab ich mir auch Mühe. Wieso auch nicht. Ich bin zwar nur ein kleiner Freiwilliger, aber dennoch mache ich mir Gedanken und bilde mir zumindest ein, die Lage hier ein wenig verstehen zu können – also kann ich auch eine Einschätzung geben. Am Ende der Gespräche waren beide Seiten zufrieden, sie versicherten mir, mit mir in Kontakt bleiben zu wollen. Wieder neue Kontakte, von denen man nie weiß, inwiefern sie noch nützlich sein könnten. Immerhin bauen wir ja in unserem Schul- und Ausbildungszentrum auch eine medizinische Station mit Labor. Und auch in Hinsicht auf die Partnerschaft mit Baden-Württemberg, die eine Kooperation mit einem Krankenhaus in der nördlichen Provinz Kayanza beinhaltet. Viele, viele Dinge gehen mir durch den Kopf. Ich muss sie sortieren, teilweise Erkennen und dann eventuell richtig umsetzen oder an die richtigen Leute heran tragen.
Als ich am Samstag von der Arbeit nach Hause ging, sah ich ein handfestes Gerangel zwischen Mitarbeitern einer Sicherheitsfirma. Sie stehen mit ihrem gelben Pick Up immer vor dem kleinen Lädchen „Belladone“, an dem ich jeden Tag vorbei komme. Sie grüßen immer freundlich. Dieses Mal bemerkten sie mich aber nicht, weil fünf oder sechs Männer in Uniform damit beschäftigt waren, zwei ihrer Kollegen auseinander zu halten. Worum es ging, konnte ich nicht erkennen. Auf jeden Fall ging es lautstark zu. Mir fiel gleich eine Geschichte ein, die ich in den Nachrichten gelesen hatte. Über diese Sicherheitsfirmen. Keine unbeschriebenen Blätter. In dem Artikel erzählte ein Straßenjunge von seiner Misshandlung in einer Nacht durch solche Sicherheitsbeamten privater Firmen. Er hatte auf dem „Platz der Unabhängigkeit“ übernachtet – wie es viele Straßenjungen tun.
Eine Sicherheitsfirma hatte die Aufsicht für ein Gebäude, das in der Nähe dieses Platzes steht. Jedenfalls kamen die Sicherheitsbeamten plötzlich zu ihm und beschuldigten ihn des Diebstahls, was er natürlich abstritt. Daraufhin haben sie ihn verprügelt – mit ihren Schlagstöcken. Und zwar dermaßen, dass er heute als Krüppel leben muss, mit kaputten Beinen. Einen Rollstuhl kann er nicht bezahlen. Und „wer bezahlt schon für einen Straßenjungen?“ Nach der Tortur hätten sie ihn vor einem Krankenhaus abgeladen. Immerhin. Aber wer behandelt ohne Bezahlung? Straßenkinder würden sofort als Diebe und Abschaum abgestempelt. In vielen Fällen mag das mit dem Klauen zutreffen. Aber man muss sich des Hintergrunds bewusst sein. Warum leben diese Kinder auf der Straße?
Die Ferien sind mit dem heutigen Tage vorbei, die Kids schlendern wieder mit ihren braunen und blau-weißen Uniformen zur Schule. Die letzten Ferientage nutzte ich, mich intensiv mit Anita zu unterhalten. Wir hatten viel Gelegenheit, alleine zu sprechen und auch zusammen mit anderen, beispielsweise Epiphanie. Anita wat früher im Heim, bis sie die Chance hatte, aufs Internat zu gehen. Sie hat schon damals verstanden, dass es weiter gehen muss, dass das Leben im Heim nur ein Sprungbrett ist, das es zu nutzen gilt. Sie lernt sehr viel, ist ein sehr intelligenter Mensch und darüber hinaus eine sehr starke Persönlichkeit. Dabei ist sie gerade mal 16 Jahre alt. Ich habe großen Respekt vor ihr. Das sagte ich ihr auch. Im Heim, wenn sie ab und an zu Besuch kommt, ist sie wie eine große Schwester, Organisator, Hausaufgabenhilfe, Arbeitstier. Beinahe unheimlich.
Am Samstag fragte ich sie abends, was sie tagsüber so gemacht habe. Gelesen, gekocht, Englischaufgaben. Und geweint. Warum, wollte sie mir dann aber doch nicht sagen. Ich fragte auch nicht weiter. Es ist mir klar, dass ein so starker Mensch auch seine Phasen hat, in denen er schwach wird, weinen muss, weil ihn alles zu erdrücken scheint. Gestern Abend war sie wieder sehr nachdenklich. Im Internat gefalle es ihr nicht wirklich. Aber die zwei Jahre, die noch vor ihr liegen, werde sie durchziehen. Sie muss. Und sie will auch auf eine Art. Weil sie weiß, worauf es ankommt. Es fiel mir bei ihr, das gebe ich zu, schwer, die übliche – in Burundi sowieso – Distanz zu wahren. Ich habe so großen Respekt vor ihr, würde sie am liebsten (noch mehr) unterstützen. Aber mehr als sagen kann ich es ihr nicht. Ich denke, sie hat verstanden. Es fiel mir sehr schwer (immer noch), ihre Geschichte nicht zu sehr an mich heran zu lassen. Es ist eine Gefahr, sich zu sehr auf so etwas einzulassen. Emotional und mit dem Kopf. Diese Abgrenzung ist aber alles andere als leicht. Doch zum eigenen Schutz ist es besser. Leichter gesagt, als getan.
Im katholisch geführten Internat gefalle es ihr nicht wirklich. Vier Mal die Woche ist der Kirchenbesuch obligatorisch. Ein Mal zusätzlich dann freiwillig. Das liege Anita nicht. In der Zeit würde sie lieber etwas lesen, lernen. Ich kann sie verstehen. Noch zwei Jahre. Ich wünsche ihr, dass sie durchhält.
Mit Epiphanie habe ich mich ebenfalls unterhalten. Auf der einen Seite ist es – finde ich – wichtig, sich in die Köpfe der Kids hinein zu denken. Zu wissen, wie sie fühlen, was sie denken, was sie wollen, wovon sie träumen. Das macht die Arbeit effektiver. Auf der anderen Seite zehrt es sehr an einem selbst. Epiphanie ist 15 Jahre alt. Sie hat Eltern beider Ethnien, der Vater ist Hutu, die Mutter Tutsi. Als sich der Vater der Rebellengruppe (FNL) anschloss, bereute er, mit einer Tutsi verheiratet zu sein und beschloss, seine Söhne zu Guerilla-Kriegern auszubilden. Epiphanie wollte er an einen Freund verheiraten. Ich denke mal, um die „Schande“, ein Tutsimädchen zu sein, zu kompensieren. Die Mutter war natürlich nicht einverstanden und versteckte sie. Der Vater aber fand sie und ließ sie, um sie zur Heirat zu zwingen, von seinem Freund vergewaltigen. Daraufhin erfuhr die Mutter von unserem Heim und brachte sie zu uns. Die „Hochzeit“ ist nun abgewandt, Epiphanie kann wieder zur Schule. Aber sie ist ein sehr oft trauriges Mädchen, ich sehe sie meistens nachdenklich, den Kopf in beide Hände gestützt. Den Tränen nahe.
Von so einem Schicksal den notwendigen Abstand zu halten, ist alles andere als leicht. Vor allem, wenn man ihr gegenüber steht, sie einem in die Augen schaut und lächelnd fragt, wie es einem geht. Es gibt Situationen, in denen man das Gefühl hat, man wird von irgendetwas in einem selbst zerrissen. Machtlosigkeit. Aber was bringt es, in Tränen auszubrechen? Nichts. Weder einem selbst, noch dem, dem man eigentlich helfen will, für den man etwas tun will und auf eine bestimmte Art und Weise auch tut. Doch was sie erlebt hat, ist passiert. Rückgängig machen kann das keiner. Sie kann nur versuchen, so gut wie möglich damit klar zu kommen. Und wir können ihr dabei helfen. Auf der einen Seite mit psychologischer Hilfe, auf der anderen Seite damit, ihr Schutz zu bieten, Schulbildung – und Austauschmöglichkeiten. Doch, wie schon gesagt, ich muss – besonders in diesen Tagen – aufpassen, mich nicht zu verzetteln, mich zu sehr auf diese Dinge einzulassen.
Espérance (17 Jahre) kommt in letzter Zeit immer zu mir und will, dass ich Englisch mit ihr spreche. Gleiches Problem wie bei Anita: Sprechen und verstehen ist Seltenheit in der Schule. Ich gebe mir Mühe. Oft ist es auch lustig. Man mach viele Späße. Sie ist Anita sehr ähnlich – ein stolzes Mädchen, selbstbewusst, zielstrebig. Ich bin mir so gut wie sicher, dass aus ihr ebenfalls etwas wird. Sie hat begriffen, worum es geht. Allgemein bin ich der Meinung, dass unter den Mädchen im Heim dieses Bewusstsein stärker ausgeprägt ist als bei den Jungs – Ausnahmen bestätigen die Regel. Da gibt es Thierry, Emmanuel, Jimmy. Sie wissen, worauf es ankommt, lernen viel und legen sich ins Zeug. Bei vielen anderen aber steht nur Fußball und Rap im Vordergrund. Auf der anderen Seite denke ich mir: Wieso sollte die burundische Jugend anders sein als die in Deutschland? Ein Blick in deutsche Schulen zeigt doch sehr oft auch kein anderes Bild. Auch hier: Ausnahmen bestätigen die Regel. Doch ist es wichtig, gerade jetzt, in diesem Land, in dieser Situation, dass sich möglichst viele bewusst sind, was hier los ist. Auf diese Generation kommt es an. Sie müssen ihr Land nach den vielen Jahren der Krise aufbauen, noch dazu in diesem Land etwas werden und es zu etwas bringen. Wobei das eine das andere ja mit sich bringt, so oder andersherum.
Die Menschen zu Hause können – wie mir viele Nachrichten und liebe Worte immer wieder zeigen – vieles nachvollziehen, verstehen und mitfühlen. Doch nicht in vollem Umfang, nicht in vollem Maße. Das liegt in der Natur der Sache. Es gibt Dinge, die muss man erlebt haben, um mit ihnen richtig umgehen zu können. Jeder muss das auch nicht können und auch nicht wollen. Der mentale Zuspruch, die Unterstützung mit Kommentaren, mit Anteilnahme und auch viel, viel Unterstützung machen es uns hier oftmals leichter. Nicht leicht, aber leichter. Das ist wichtig, für mich sehr, sehr wichtig. Ich schöpfe daraus neue Kraft, mit manchen Dingen besser umgehen zu können. Allerdings muss auch ich Verständnis aufbringen, wenn ich manchmal nicht richtig oder vollständig verstanden werde.
Dennoch. Ich wiederhole mich zwar, doch das ist nicht verkehrt. Ich bin froh, hier zu sein, das alles erleben zu können. Weil es mich formt und prägt. In vielerlei Hinsicht. Es weckt einen Ehrgeiz in mir, der mir manchmal sogar selbst fast schon unheimlich erscheint. Meine Arbeit wird mit diesem Jahr in Burundi mit Sicherheit nicht zu ende sein. Zu viel ist in meinem Kopf, als dass ich damit abschließen, ja vergessen könnte. Ich habe hier eine kleine, große Familie gefunden, die einen Platz im Herzen hat. Ich sehe es als ganz klare Bereicherung. Dazu zählen nicht nur die Kids, dazu zählen auch Verena, Benoit, die Mitarbeiter der Fondation, viele, viele Menschen, die ich in diesem Jahr kennen lernen durfte, Martina und die Menschen von burundikids e. V. und die unzähligen, die mit so großem Interesse unsere Arbeit verfolgen und ihren wichtigen Beitrag dazu leisten.

