Eindrücke am Freitag
Freitag, 20. April 2007. 11.11 Uhr. Es geht mir wieder etwas besser, ich konnte die Eindrücke und Geschichten, die in den vergangenen Tagen auf mich herein brachen, einordnen, quasi verarbeiten und wieder die – für die eigene Gesundheit unbedingt notwendige – Distanz wieder herstellen. Was nicht heißt, dass ich etwa nicht immer noch jeden Abend mit den Kindern und Jugendlichen im Heim rede, mir anhöre, was sie zu sagen haben. Es liegt mir zu viel daran, als dass ich damit aufhören könnte.
In Bujumbura ist es seit einigen Tagen regnerisch und grau. Fast würde man „deutsches Wetter“ sagen, wenn ich nicht wüsste, dass es in der Heimat gerade – ungewöhnlich – warm und sonnig ist. Dennoch: Die Regenfälle sind gut für die Landwirtschaft, bevor die Trockenzeit von Mai bis September ansteht. Außerdem macht es einem bei diesen Temperaturen herzlich wenig aus, auch mal im Regen durch die Straßen zu laufen. Von den Burundern wird man zwar etwas ungläubig angestarrt, weshalb man als Weißer nicht einfach das Auto nimmt, aber das trägt eher zu meiner Belustigung bei. Bei vielen, die man öfter antrifft, habe ich das Gefühl, dass sie einen langsam aber sicher akzeptieren und zwar als einen, der mit ihnen lebt und nicht als Besatzer in ihr Land gekommen ist. So begrüße ich den Jugendlichen am Straßenrand, bei dem ich immer mein Waschmittel und andere Dinge kaufe, mittlerweile regelmäßig mit Handschlag.
Heute Morgen war ich zum ersten Mal beim Frisör. Zuvor hatte mir Lena die Wolle entfernen müssen. „Racoon“ steht auf dem Firmenschild, extra angemerkt, dass Afrikaner und auch Europäer hier her kommen können. Viele der kleinen Frisöre sind nämlich mit dem „westlichen“ Haar schlichtweg überfordert. Ich finde es lustig, wobei bei uns ja auch der ein oder andere seine Probleme mit afrikanischen Krauselhaar haben dürfte. Ich bewundere immer wieder aufs Neue die Kunstwerke, die Afrikaner auf ihren Köpfen herumtragen – zumeist natürlich Frauen. Unsere Kids im Heim – wie alle Schulkinder in der Unterstufe – müssen widerwillig immer ihre schönen Haare abrasieren. Vorschrift von den Schulen. Eine hygienische Maßnahme. In den Ferien lassen sie dann immer ihre Haare stehen, womit sie noch umso hübscher aussehen. Vor allem bei untergehender Sonne – dem, wie ich finde, besten Licht zum Fotografieren. In den abendlichen Sonnenstrahlen bekommen sie fast schon eine goldene Haut, die dunklen Augen leuchten und man ist hin und weg von dem Aussehen dieser Menschen. Ich bedanke mich bei dem jungen Frisör überschwänglich – immerhin hat er eine verdammt gute Arbeit geleistet. Voll zufrieden. Und er strahlt.
Gestern Abend schauten wir uns den Film „Hotel Ruanda“ an. Ich kannte ihn schon, Julia ebenfalls, nur Marie noch nicht. Ich wusste also, was auf uns zukommt – und dennoch kann man sich auf diesen Film nicht vorbereiten. Ich habe auch nur mit geschaut, weil ich mich dazu in der Lage fühlte – was nicht jeden Abend der Fall war und ist. Sich in einem Land zu befinden, in dem eben genau das, was in diesem Film in aller Brutalität und Wahrheit aufgezeigt wird, stattgefunden hat, ist ein sehr merkwürdiges Gefühl. Und zwar war das nicht etwa vor 100 Jahren, sondern vor etwa gerade mal zehn. Dennoch: Sich diesen Film anzuschauen ist in sofern nicht falsch, dass man sich wieder einiger Dinge bewusst wird. Wo man ist, wer um einen herum lebt – und das Schicksal der Kinder, die tagtäglich um uns herum sind. Doch das sind nur 65. Wie viele leben in Burundi, die das selbe Schicksal ereilte, denen es aber heute nicht so gut geht wie denen bei uns im Heim?
„Wann kommt Lena?“ kam es mir heute Morgen erneut entgegen. Wie beinahe jeden Tag in diesen vier Wochen, in denen sie nun in Deutschland ist. Heute früh war es Mutama, unser Torwächter und ein absolut lieber Kerl. „Heute, ja?“ – als ich ihn auf morgen vertrösten muss, schlappt er etwas enttäuscht davon. Aber morgen. Ja, morgen ist es dann endlich wieder so weit. Ich bin gespannt. Emmanuel fragte, ob er mit zum Flughafen kommen könne. Das wird wohl auch so sein – Verena ist einverstanden. Das Wochenende werde ich dann wohl vollständig im Heim verbringen. Anita wird am Sonntag auch wieder vorbei schauen, ließ sie mir ausrichten. Also passt alles.

