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Ein regnerischer Mittwoch

Mittwoch, 25. April 2007. 14 Uhr. „Vénuste arawaye!“ kam heute Morgen der kleine Vianney zu mir in die Küche. Vénuste sei krank. Dass sich Vianney, der noch bis vor Kurzem selbstzerstörerische Neigungen hatte und sichtlich psychische Probleme, so um andere kümmert – in diesem Fall um seinen guten Freund – ist ein toller Fortschritt. Das fiel mir sofort auf, als er den Satz zu Ende gesprochen hatte. Mit seinen dunklen Augen schaute er mich erwartungsvoll an. Ich ging mit ihm hinüber zum Haus der Jungen. Der ansonsten schon früh morgens so aktive Vénuste lag unter seinem Moskitonetz im Bett. Ich fragte ihn, was ihm fehle. „Sawa“, sagt er. Es ginge ihm gut. Fieber hatte er keines, nur ein wenig Bauchschmerzen. Das sei alles. Nicht so schlimm, meinte er. Ich mache ihm dennoch einen Tee, den er trinken sollte. Brav wie er ist, tat er das auch.

 

Heimleiter Emmanuel begleitete mich dann hinunter zum „Chez André“. Auf dem Weg dorthin unterhalten wir uns – soweit mir möglich – auf Kirundi, gemischt natürlich mit Französisch, wenn ich nicht mehr weiter wusste. Er wollte mir dann noch alle möglichen Worte auf Suaheli beibringen, ich sagte ihm aber, dass das zu viel würde. Jetzt müsste ich erst einmal Kirundi ein wenig lernen, dann kann gerne Suaheli kommen. Aber nicht gleichzeitig, ich habe eh schon meine Probleme. Aber es klappt ganz gut mit dem Lernen. Ich bin regelmäßig abends nach der Arbeit ein wenig mit den Kids zusammen, die sich angewöhnt haben, mich Vokabeln und Sätze abzufragen. Wenn ich dann was weiß und richtig sage, ist die Begeisterung groß – „Yoohhh!“. Zur Begrüßung und zum Abschied reden sie sowieso nur noch Kirundi mit mir. Das ist schon zur Gewohnheit geworden. Und es macht Spaß. Ich kann mir zwar nicht erklären wieso, aber zurzeit fällt es mir sehr leicht, die fremde Sprache zu behalten. Natürlich beschränkt sich das Ganze (noch) auf einzelne Sätze, ohne einen wirklichen grammatischen Hintergrund. Aber peu à peu, dann wird das schon. Genug „Lehrer“ habe ich ja im Heim. Und zwar teilweise Lehrer ohne Gnade.

 

Emmanuel ist auf dem Weg die Straße hinunter erstaunt, wie viele Leute ich kenne. Dass mir Burundi gefalle, freut ihn sichtlich. Beim „Yambu, patron!“ des Jungen mit seinem Straßenstand, bei dem ich immer einkaufe, muss auch ich schmunzeln. Emmanuel ist auf dem Weg zum Markt, indagara kaufen, die kleinen Fischchen, die Koch Samuel immer in die Sauce zu den Bohnen tut. Für die Kids ein Leibgericht – was ich nicht unbedingt haben muss. Ich mache mich an die Arbeit.

 

Gestern Abend unterhielt ich mich mit Epiphanie. Sie strahlt immer, wenn ich zu ihr komme. Ständig trägt sie ein Schulheft mit sich herum und lernt viel. Bedauerlicherweise lernt sie aber nicht gut. Es falle ihr nicht leicht, sich zu konzentrieren, sagt Lehrer Christoph, aber auch sie selbst. Ich denke, das liegt ganz klar an ihrer tragischen Vergangenheit. Ich zwinge sie jetzt immer, französisch mit ihr zu sprechen. Das ist unsere kleine Abmachung: Ich versuche mich in Kirundi, sie darf nur französisch mit mir reden. Mit Espérance, Spitzname „Sousou“, verhält es sich bei den Sprachen ähnlich – nur bei ihr ist es englisch.

 

Zurzeit werden wir mit Gemälden der Kinder überhäuft. Blumen, Flugzeuge, Autos, burundische Landschaften und kleine Geschichten mit Menschen sind die Themen. Darauf findet sich immer der Name des entsprechenden Kindes – und der von uns. Entweder Lena, Marie, Julia oder Philipp. Und auch mal alle zusammen. Als „Familie“ wurden wir auch schon betitelt. Mit viel Herzchen und Verehrung. Gemalt mit Buntstiften aller Art. Es geht einem das Herz auf, wenn so ein kleiner Steppke zu einem kommt und stolz sein neuestes Werk präsentiert. Sagt man dann noch höflich „urakoze“ (danke), laufen sie wieder strahlend davon und spielen mit ihren Kameraden. Der Abschied ist dabei stets in unseren Köpfen. Zwar ist es noch eine Weile hin, doch verfliegt die Zeit viel zu schnell. Wir wollen nicht daran denken, hier weg zu müssen. Doch manchmal lässt es sich nicht vermeiden.

 

Neu eingeführt haben wir die häufigere Vergabe von Obst. Was natürlich sehr gut ankommt. Uns ist jedoch wichtig, dass die Kids ausgewogen essen können, ein gesunderes Immunsystem bekommen, dass sie nicht mehr so oft anfällig für Krankheiten sind. Zwar muss man dabei vorsichtig sein und die Kinder nicht zu sehr verwöhnen – denn wer weiß, wie ihr Leben nach den Heim sein wird. Aber wenigstens eine „gesunde Kindheit“ kann man ihnen ermöglichen. Wenn alles im Rahmen bleibt. Den Leuten auf dem Markt fallen beinahe die Augen heraus, wenn wir mehrere Kilo Maracuja einkaufen. Ganz abgesehen davon wohl das Geschäft ihres Lebens. Sieben Kilo Maracuja für etwa 5.000 FB. Nicht mal fünf Euro. Lena erzählte, in Deutschland habe sie mal auf die Preise geachtet: eine (!) Maracuja für 49 Cent. Muss man dazu noch etwas sagen?

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