Willkommen bei Offroad-Blogs.net. Du bist nicht eingeloggt. Starte jetzt dein eigenes Blog: hier klicken!

Neuer Wochenstart

Montag, 30. April 2007. 10.20 Uhr. Mein UN-Bekannter Marco ist derzeit in Arusha bei einem Seminar. Er hatte mir angeboten, mit ihm zu fahren – wäre super interessant gewesen. Leider klappte es nicht – er flog mit dem Flugzeug und ich konnte nicht weg. Er müsste in diesen Tagen wieder in Bujumbura zurück sein. Am Sonntag traf ich mich auch wieder mit Thomas, der aus seinem New York-Aufenthalt zurück gekommen ist, wo er einige geschäftliche Dinge zu erledigen hatte. Nun ist auch er wieder zurück in Burundi – und etwas erschöpft, wie er selbst sagt. War zusammen mit Lena bei ihm und den Jungs, aßen etwas zu Mittag, das er selbst extra für uns gekocht hatte, und quatschten sehr viel. Ich finde die Unterhaltungen immer sehr interessant, höre ihm gerne zu. Auch er hatte, wie es schien, Spaß daran, uns zu sehen.

 

Nachmittags besuchte ich dann Anitha im Internat, das sich fünf Minuten vom Heim entfernt weiter den Berg hoch befindet. Dorine hatte mich samstags gefragt, ob ich Lust hätte. Ich hatte. Also liefen wir gemeinsam am Sonntag gegen 16 Uhr ins Internat. Ein kleiner Schleichweg, dann kommt eine Straßensperre mit Soldaten. Denn die Straße führt auch zum Wohnsitz des Präsidenten Nkurunziza. Man muss dann angeben, wohin man wolle und weshalb, dann darf man passieren. Als Dorine und ich uns nähern, verstehe ich, dass die Soldaten über uns reden. Als ich einige meiner Sätze aufsage, die ich auf Kirundi kann, sind sie plötzlich etwas stiller und sichtlich erstaunt. Dorine diskutiert dann eine kurze Weile mit ihnen – allerdings so schnell, dass ich nichts verstehen kann. Dann gehen wir weiter – noch etwa 20 Meter, dann sind wir schon am Eingangstor des Internats.

 

Ich sage Dorine, dass nun gleich alle gucken werden und lachen und die Verwunderung groß ist. Sie lacht und sagt, es komme bestimmt nicht so. Was aber anderes erwarten? Im Internat wohnen 180 Mädchen. Männlicher Besuch ist selten, noch dazu von einem Weißen? Zu meinem Erstaunen ist reger Betrieb auf dem Gelände mit Pflastersteinen. Viele Jungs sind da. Es war der Besuchstag im Internat. An einem Tag im Monat ist sozusagen „offene Tür“, an dem auch ohne Erlaubnis Besuch empfangen werden kann. Meine Anwesenheit erregt dennoch etwas Aufmerksamkeit. Aus einem der Fenster, die mit Metalllamellen versehen sind, höre ich Gekicher. Ich schaue hoch und sehe einige Mädchenköpfe, die die Nasen durch die Fensterschlitze stecken. Ich lache, winke – was für große Begeisterung und Geschrei sorgt. Die alte Schwester – das Internat wird katholisch geführt – beobachtete mich von ihrem alten Metallhocker aus und schmunzelte mir entgegen. Als ich passiere, grüße ich auf Kirundi, was sie anscheinend glücklich machte.

 

Unser Gang durch einen freiluftigen Korridor wird begleitet von neugierigen Blicken. Dann sieht uns Anitha und stürmt uns entgegen. Sie freut sich sichtlich, strahlt. Dann schnappen wir uns drei Hocker und setzen uns ein Stück abseits des Wegs in den Schatten eines Baums. Eine Freundin Anithas stößt noch hinzu. Anitha will wieder Englisch sprechen, dem ich gerne nachkomme. Wer unerlaubt das Internatsgelände verlässt, fliegt raus, erfahre ich. Es habe schon solche Fälle gegeben. Besser aber, man versucht es nicht. Denn hier zu sein ist schon ein Privileg. Es ist zwar Sonntag, doch die Mädchen lernen dennoch eifrig, diskutieren über Schulheften – wenn nicht gerade Besuch da ist. Anitha kaut auf ihrem Plastikkuli herum. Hektisch. Wie immer. Ich erkundige mich nach der Internatsbibliothek. Anitha und ihre Freundin lachen. Dabei ist ihnen eher zum Heulen zumute. Geöffnet ist nicht immer. Die Bücher – wenn denn vorhanden – sind in einem miserablen Zustand. Noch dazu aus dem – übertrieben gesagt – vorherigen Jahrhundert. Hier werden die Mädchen auf die Universität vorbereitet. Dorine und ich verabschieden uns von den beiden anderen am Stahltor. Die Sonne scheint noch ziemlich kräftig. Nächsten Sonntag werde Anitha uns im Heim besuchen, sagt sie. Rausgehen könne man eigentlich immer, eben nur mit der entsprechenden Erlaubnis.

 

Abends gehe ich noch schnell zum Lädchen „Belladone“, einen Salat kaufen. Espérance begleitete mich. Wir plaudern. Geboren ist sie in Kigali, also Ruanderin. Ihre Eltern sind beide gestorben, in Ngozi, im Norden Burundis, hat sie aber noch eine Tante. Ins Heim der Fondation kam sie damals (2001) direkt aus einem Flüchtlingslager. Espérance ist ein stolzes, hübsches und intelligentes Mädchen. Große Pläne hat sie. Auch sie will immer Englisch mit mir sprechen, um besser zu lernen. In ihrer Freizeit sieht man sie eigentlich immer mit irgendeinem Schulheft. Ansonsten liest sie die Bibel. Wir unterhalten uns über Schwarz und Weiß. Warum in Europa so viele Menschen die Schwarzen nicht leiden könnten, fragt sie mich. Ich weiß keine Antwort. Weil ich es selbst nicht verstehe. Blickt man diesen Menschen hier in die Augen – wie kann man dann noch sagen: „Ich mag dich wegen deiner Haut nicht?“

 

Es gebe auch Burunder, die die Weißen nicht mögen. Aber nicht viele, sagt Espérance. Wir versuchen, heraus zu finden, weshalb. Ich sage ihr, dass ich es nicht ausstehen könnte, wenn sich die betagten alten Herren in den Diskotheken und Kneipen die jungen Burunderinnen greifen – und diese eben darauf anspringen, weil mit „westlichen“ (oder aber südafrikanischen!) Scheinchen gewedelt wird und sie bitterarm sind. Auch ihr wurde schon Geld angeboten, erzählt sie mir, woraufhin ich wieder plötzlich diesen Hass in mir spüre. Ich will mehr wissen. 14 sei sie gewesen und vor dem Eingang des Heims gestanden. Nicht weit entfernt wohne ein Weißer, der für die UN arbeite. Er wohne dort immer noch, meint sie. Er habe an dem Tag neben ihr angehalten und aus dem Autofenster gefragt, ob sie nicht mal zu ihm kommen wolle. Sie wollte nicht. Daraufhin streckte er ihr Geld entgegen. Wollte sie auch nicht. „Was du willst kein Geld? Bist du sicher?“ Hätte ich es gesehen, hätte ich ihn – glaube ich – aus seinem Auto geprügelt. UN hin oder her. Hätte auch von der südafrikanischen Armee sein können, von der EU oder dem burundischen Ministerium oder ein indischer Geschäftsmann. Espérance erzählt es, als sei es das Normalste der Welt. Keine Spur von Aufregung, Abneigung oder gar Hass. Diese Gelassenheit. Dieser Stolz.

 

Am Samstag war wieder Basketball angesagt. Mädchen aus dem Heim, der 14-jährige Désiré und einige mir schon Bekannte Kids aus dem Viertel tummelten sich gemischt auf dem Platz. Ein schöner Anblick. Und ein witziges Spiel. Wir spielen vier Stunden – von 15 bis etwa 19 Uhr. Dementsprechend erschöpft sind wir alle. Aber das war es wert. Abends ging ich dann – zusammen mit Lena, Julia und Marie – in die „Kiriri-Bar“, wo ich schon mehrere Wochen nicht mehr gewesen bin. Bellarmin begrüßt und gleich zu Beginn und setzt sich zu uns an den Tisch. Wir unterhalten uns. Später lerne ich einen seiner Bekannten kennen, der Elvis heißt. Stolz verkündete er mir, dass er zwei Sätze auf Deutsch könne. Einer davon ist weniger nett und sollte man besser nicht von sich geben. Er lacht. Dass ich mich anstrenge, Kirundi in den Kopf zu pauken, finde er sehr gut. Ich auch. Nur ist es alles andere als einfach. Ich renne in den vergangenen Wochen schon nur durch die Gegend mit Fresszetteln in der Brusttasche meines Hemds, voll gekritzelt mit kirundischen Vokabeln und Sätzen. Aber nur so, wenn ich es immer und immer wieder lese, kann ich es lernen. Während dem Essen, abends beim Bier, wann auch immer.

Schreibe einen Kommentar

Du musst angemeldet sein um ein Kommentar zu schreiben.