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Archiv für den Monat April 2007

Gedenktag in Burundi

geschrieben am 6. April 2007 um 13:16 von burundikids

Freitag, 6. April 2007. 12 Uhr. Genau Mittag und Feiertag in Burundi. Nicht etwa wegen „Karfreitag“, sondern weil genau heute vor 13 Jahren (wieder einmal) Burundis Präsident durch Fremdeinwirkung ums Leben kam. Daher also eher Gedenktag als „Feier“tag. Am 6. April 1994 kam nicht nur der burundische, sondern im selben Flugzeug von Tansania kommend auch der ruandische Präsident ums Leben. Abgeschossen von einem Geschoss, über dessen Herkunft noch heute Regierungen, Gerichte und Wahrheitskommissionen rätseln, diskutieren und bis aufs Äußerste streiten – wie zuletzt, als Ruandas Präsident Kagame alle Franzosen des Landes verwies, weil in Frankreich ein Richter Haftbefehl gegen ihn erlassen hatte, der ihn als Todesschütze – zumindest Veranlasser – anklagt. Denn was 1994 in Ruanda passierte, das brauche ich jetzt nicht mehr weiter erläutern.

 

Jedenfalls ist auf Bujumburas Straßen recht wenig los. Nicht ausgestorben, doch wesentlich ruhiger als sonst. Heute Vormittag gab mir Verena – aufgrund des heutigen bedeutenden Tags – eine kleine Exkursion in die neuere Geschichte Burundis. Sehr, sehr interessant. Vor allem gemischt mit ihren persönlichen Erlebnissen und ihrer privaten Geschichte. Ich muss schon sagen: Eine mutige Frau – und Benoit, ein mutiger Mann, der sich bis heute trotz allem niemals unterkriegen lässt. Respekt, beiden. Manchmal bin ich überwältigt. Ich bin mir sicher, andere hätten schon längst – mehrmals! – das Land verlassen. Für immer. Haben bestimmt auch genug. Jedenfalls interessierte mich diese Geschichte schon immer brennend. Mit den vielen Regierungsstürzen, Putschen, Massakern und Verstrickungen ist es allerdings kein leichter Tobak. Man muss es mehrmals lesen und/oder sich erzählen lassen, um irgendwann einmal durchblicken zu können. Anhand der privaten Geschichten Verenas, die in die Erzählungen einfließen, kann ich jedoch besser zuordnen. Und vor allem verstehen. Wie ein Mosaik setzt sich alles zusammen, nach und nach entstehen die Zusammenhänge, die ich besser und besser nachvollziehen kann.

 

Heute Vormittag arbeite ich noch ein wenig. Warte darauf, dass mich Marco anruft und Bescheid gibt, wann es Richtung Kongo los geht. Ich freue mich drauf und bin gespannt, ob es auf der anderen Seeseite so viel anders ist. Anscheinend sind die Kongolesen ja ein ganz anderes Völkchen. Lauter, fröhlicher – was das Feiern und Tanzen anbelangt –, aber wohl auch brutaler. „In Burundi wird man vergiftet, im Kongo erschlagen“, habe ich mal gehört. Na. Dann hoffen wir mal das Beste. Was mir Marco schon erzählte, ist, dass in der ländlichen Umgebung der Stadt Uvira – wohin wir heute fahren – die Frauen bei ihrem Gang auf den Markt ihre Vergewaltigung zeitlich schon mit einplanen. Ebenso den anschließenden Gang zur UN, wo sie ihr „Notkit“ bekommen, um Geschlechtskrankheiten vorzusorgen. Kann so etwas wahr sein? Eine Vergewaltigung als normales Tagesgeschäft, als abzuhakender Punkt auf der Erledigungsliste? Eine andere, für mich (noch) unvorstellbare Welt.

 

Gestern Abend ging ich noch mit Marie und ihren Eltern in der „Kiriri-Bar“ etwas trinken. Viel war nicht los, an der Bar saßen einige unserer Kumpels und machten Späße. Lauthals diskutiert wurde auch, aber das braucht man bei den Burundern nicht mehr dazu sagen. Auf einmal treten zwei Soldaten in die Bar und schauen sie um. Hinter ihnen folgt ein kleiner, dicklicher, grauhaariger Mann, im Schlepptau einen weiteren Mann und zwei große, wohl genährte Frauen. Richte „afrikanische Mamas“ in traditionellen Gewändern. Die Stimmung in der kleinen Gruppe ist gut, alle grinsen. Unsere Jungs an der Bar rufen „Bon soir, Monsieur le Président!“ Später erfahre ich, dass das Domitien Ndayizeye (bei der Schreibweise bin ich mir nun nicht sicher) ist, der frühere Präsident einer Übergangsregierung – der, vor dem jetzigen Präsidenten Nkurunziza. Er war vor einigen Wochen aus dem Gefängnis entlassen worden, zusammen mit einigen seiner Mitarbeiter und kritischen Journalisten. Dort saß er ein, weil man ihm einen angeblichen Putschversuch anlastete. Als er frei kam, war der Jubel in der Stadt jedoch laut und ausgelassen, die Menschen fuhren hupend durch die Straßen der Hauptstadt. Putschversuch. Wahrscheinlich, so viele Meinungen, hat er einfach nicht ins jetzige System gepasst. Eigentlich wollte er wieder seinem Beruf nachgehen – Elektriker. Jetzt, nachdem er gefangen genommen worden war, überlege er sich jedoch, doch wieder in die Politik zu gehen, erzählte mir Verena.

 

Gerade rief Marco an. Um 14 Uhr geht es los. Er wird mich „Chez André“ abholen, dann fahren wir Richtung Norden und über die Grenze in den Kongo. Dann werde ich in diesem sagenumwobenen Land sein, in dem ich bislang höchstens mal mit dem Finger auf der Landkarte war und von dem man schon so vieles gelesen hat. Im früheren Reich des fettleibigen Mobutu. Ich bin gespannt…

 

Kongo

geschrieben am 5. April 2007 um 17:15 von burundikids

Änderungen in der Planung. Ich werde schon morgen, Freitag, in den Kongo fahren - zusammen mit Marco. Am Samstag werde ich dann zurück sein - pünktlich zur Ankunft von Vorstand Martina, Fotografin Ursula und dem Rest der Besuchertruppe. Einträge folgen…

 

Fußball im Herzen Afrikas

geschrieben am um 09:12 von burundikids

Mittwoch, 4. April 2007. 19.40 Uhr. Verena staunte gerade, als sie mich ins Restaurant kommen sah und ich sagte: „Ich muss noch ein bisschen was tun.“ „Was tun? Dachte, du kommst auf ein Bier vorbei…“ – danach und gleich, gerne. Jetzt musste ich jedoch erst noch ein wenig etwas abarbeiten, was heute Mittag liegen blieb. Ich hatte den Mädels aus dem Heim versprochen, auch mal mit ihnen Basketball spielen zu gehen. Nur mit den Mädchen. Das tat ich heute Nachmittag, gegen 15 Uhr. Dabei waren Espérance (17 Jahre), Languide (16 Jahre), Dorine (14), Amida (13), Florette und Evelyne (jeweils zwölf), Salma und Pamela (14). Großes Gelächter – bei den Mädels, mir und den umstehenden Zuschauern, natürlich hauptsächlich Jungs und Männer. Dass jedoch Mädchen Basketball spielen, ist nichts besonders Ungewöhnliches. Auf dem Platz im Viertel Mutanga Süd, wohin auch ich immer gehe, spiele des Öfteren Mädels.

Ich ließ Espérance, die Älteste, die Mannschaften machen. Ich bekam Florette, Evelyne und Pamela zugeteilt, waren also zu viert. Gegen den Rest – fünf. Fair war es immer noch nicht, aber das spielte ja auch keine Rolle. Ich hielt mich aktiv zurück, ließ die Mädels machen. Nur ab und zu machte ich eben den Spaß mit, die Körbe für meine Mannschaft trafen aber hauptsächlich Pamela und Florette. Natürlich stolz über beide Ohren. Salma kicherte die meiste Zeit. Alle scheinen sie gut drauf gewesen zu sein. Ist ja auch klar, es war ein kleiner Ausflug aus dem Heim.

Im Heim angekommen, war ich richtig platt. Die Kids auch. Allesamt. Und schon kamen andere auf mich zu und sagte, dass sie das nächste Mal auch mitspielen wollten. Flora, Epiphanie, Ephemie und Diane. Also gut, sagte ich. In den kommenden Tagen. Sehr gerne. Ich bin für jeden Spaß zu haben. Das Bild war am späten Nachmittag wieder eines fürs Bilderbuch. Unsere beiden Mütter, Flora und Diane, saßen mit ihren Kleinen auf unserer Terrasse. Im Hintergrund färbte die untergehende Sonne den gesamten Himmel orange. Ein tolles Bild, optimales Licht zum Fotografieren. Die dunkle Haut wirkt in diesem Licht beinahe golden. Richtig edel. Auf jeden Fall schön. Ich bin sowieso der Meinung, dass es hier unzählig viele schöne Menschen gibt. Unsere Kids sowieso.

Maries Eltern sind derzeit gut angekommen. Heute brachte Marie sie schon zum Markt. Aufgrund ihres Berufs kann sich Brigitte, Maries Mutter, um die kleinen Verletzten kümmern. Vor allem Ornella, die eine Wunde am rechten großen Zeh hat, die schon seit – ja, Monaten behandelt und einfach nicht besser wird. Und dann noch die kleine Claudine mit ihren schlimmen Wunden an den Beinen. Die Wunden sind übel, eitern und treten immer wieder auf. Es wurde schon alles mit ihr versucht. Die Psyche spielt bei ihr mit. Maries Mutter meint aber, das kann nicht alles sein. Abwarten, was ihre Art der Behandlung bringt.

Donnerstag, 5. April 2007. 8.56 Uhr. Gestern Abend war ich bei Verena. Ich war abends noch mal ins Büro gegangen, weil vom Mittag einiges liegen geblieben war. Danach trank ich mit Verena und Benoit ein Bier. Wir unterhielten uns lange – Verena und ich über ihren Tag in Gitega und das Treffen mit dem dortigen Gouverneur, Benoit und ich wegen einer Geschichte, die ich für kommende Woche vorbereiten muss. Es war ein netter Abend – wenn auch hauptsächlich „Geschäftliches“ Thema der Gespräche war. Ich habe es genossen.

Als ich ins Heim zurück kam, so gegen 21.30 Uhr, schauten die Kids fern. Chelsea spielte gegen Valencia in der Fußball Champions-League. Wie es der Geräuschpegel beim Ausgleich der Engländer zum eins zu eins verriet, standen unsere Jungs und Mädels hinter Chelsea. Am Abend zuvor hatte Bayern gegen den AC aus Mailand gespielt. Hier waren die Meinungen gespalten. Die Hälfte freute sich über die Tore der Italiener, die andere Hälfte jubelte beide Male beim Ausgleich (Endergebnis: zwei zu zwei) für die Bayern. Auf jeden Fall ist Fußball schauen in dieser kleinen Gesellschaft mehr als lustig. Die Mädels fiebern beinahe mehr mit als die Jungs. Gestern saß ich hinter Dorine (14), die unruhig auf dem Stuhl hin und her rutschte und sich am liebsten die Haare gerauft hätte – wenn sie nicht zu kurz dafür wären.

Simba, unser Hund, spielte derweil mit den beiden jungen Ziegen. Wie ein Ziegenbock stemmt er sich mit dem Kopf gegen sie. Dann jagt er sie über das gesamte Gelände. Languide (16) trägt Kleinkind Colise (1 ½) auf den Rücken gebunden durch die Gegend. Die Kleine weint. Dann streichle ich sie ein wenig und wenige Minuten ist sie entschwunden ins Reich der Träume. Noch ein Mal öffnet sie kurz die Augen – vielleicht um abzuklären, ob ich noch da bin –, dann schläft sie aber tief und fest ein. Der Fußball ist aus, alle gehen allmählich schlafen. Ich rauche eine letzte Zigarette und schaue mir den burundischen Sternenhimmel an. Immer wieder unglaublich.

 

Von Südafrika nach Burundi

geschrieben am 3. April 2007 um 10:45 von burundikids

An dieser Stelle möchte ich nochmals auf meinen neuen - mittlerweile guten - Bekannten Paul aus Südafrika aufmerksam machen. Am kommenden Montag, 9. April, wird er sich mit seiner Frau Maria auf den abenteuerlichen Weg machen, Afrika zu erkunden - von Südafrika aus bis nach Burundi. Er wird uns besuchen, weil er von uns begeistert ist. Und das begeistert wiederum mich. Seine Tour kann übrigens (fast live) im Internet verfolgt werden:

http://paul.lebay.co.za

Bis wir dann in Bujumbura aufeinander treffen werden. Ich freue mich darauf!

 

Ein frischer Morgen

geschrieben am um 09:45 von burundikids

Dienstag, 3. April 2007. 8.25 Uhr. Das nenne ich eine Leibgarde! Gerade auf meinem Weg hinunter zu Verena ins Büro raste wieder eine Kolonne Autos an mir vorbei. Wer darin saß, weiß ich nicht, auf jeden Fall einer der wichtigeren Burunder. Voraus zwei goldfarbene Geländewagen, dann ein weißer, hinten nach ein Pick Up mit Polizisten und Kalaschnikows. Was der eine der Polizisten jedoch mit einer Panzerfaust sollte, ist mir schleierhaft. Mich würde mal interessieren, wie viel Schaden es tatsächlich verursachen würde, wenn einer dieser jungen (unerfahrenen?) Polizisten so ein Ding abfeuert. Wahrscheinlich würden drei Gebäude einstürzen, das eigentliche Ziel dabei aber verfehlt. Na ja. Ich hoffe, dieses Szenario bleibt mir erspart. Mir und den anderen Menschen hier, die sich unzählig auf der Straße tummeln.

 

Die Viertelstunde auf dem Weg hinunter zur Arbeit ist eigentlich immer ein Erlebnis. Viele Leute sind unterwegs, Arbeiter mit Körben oder anderem Material auf dem Kopf, Frauen, Studenten, Schüler. Natürlich auch unzählige Polizisten, heute standen neun allein an der großen Kreuzung. Man wird viel gegrüßt und grüßt natürlich zurück, manche schauen grimmig und unausgeschlafen, andere sind schon richtig im Redefluss und diskutieren – wie es ja in Burundi Volkssport zu sein scheint. Ich winke immer dem Wachdienst vor dem Lädchen „Belladone“, die es grinsend erwidern. Viele Autos rauschen an einem vorbei. Militärfahrzeuge, klapprige Privatautos oder die Luxusausführungen mit Kennzeichen „CD“ – Corps Diplomatique, die Angehörigen irgendwelcher offizieller Vertretungen. Und natürlich die vielen Taxis – Pkw und Kleinbusse, vollgestopft mit Menschen. Den Jungen mit seinem kleinen Straßenstand begrüße ich seit einiger Zeit per Handschlag. Seine Kumpels, die mit ihren Fahrradtaxis meist um ihn herum sitzen, haben sich daran gewöhnt. Das erstaunte „Eh!“ vom Anfang hat sich verflogen. Es wird nur noch gegrinst.

 

Es ist bewölkt heute, von der Sonne eigentlich nichts zu sehen. Der Blick auf die Stadt jedoch ist dennoch überwältigend, irgendwo scheint die Sonne nämlich eine Lücke in der Wolkendecke gefunden zu haben. Alles ist grau, nur die ohnehin schon hellen Gebäude der Innenstadt werden angestrahlt und leuchten golden. Es ist recht kühl heute Morgen – für die Verhältnisse in Bujumbura. Etwa so, wie in einem deutschen Hochsommer, wenn es eigentlich ein sehr heißer Tag wird, es jedoch die ganze Nacht geregnet hatte. Angenehm.

 

Gestern bekam ich eine Mail, die weniger erfreulich war, ja sogar schockierend. Ich hatte vergangenen Freitag an Jean-Jacques geschrieben, der Leiter der dänischen Organisation, die im Süden Burundis, in Makamba, Minen räumt. Ich erkundigte mich, ob es Neuigkeiten von dem Mädchen gebe, dessen Mutter bei der Organisation gearbeitet hatte und die vor einiger Zeit gestorben war. Jean-Jacques wollte das Mädchen ja zu uns bringen und hatte dafür sogar schon die Zusage des örtlichen Gouverneurs, die dafür erforderlich ist. Plötzlich erhob jedoch eine Familie in Makamba Anspruch, das Mädchen aufzunehmen – der Gouverneur stand plötzlich hinter den Leuten. Die Familie – so Jean-Jacques – war darauf aus, Geld von der Hilfsorganisation zu bekommen, weil sie ja das eineinhalb- oder zweijährige Mädchen aufgenommen hat. Ob der Gouverneur auch die Scheine roch? Jedenfalls kehrte Jean-Jacques von einigen Tagen Nairobi zurück nach Burundi und ihn erreichte eine sehr schlechte Nachricht: Das Mädchen sei tot, getötet anscheinend von dieser Familie. „Alles zwar nur Hörensagen“, er habe keine Beweise. Doch nachgehen wolle er der Sache dennoch. Es wäre ein Drama. Vorstellbar ist das durchaus, denn nachdem die Familie das erhoffte Geld nicht bekommen hatte, wurde das Kind natürlich zu einer Belastung. Als Arbeitskraft verkaufen ging nicht, dafür war das Mädchen natürlich noch zu klein. Also…

 

Ich leitete die Nachricht gleich an meinen Bekannten bei den UN weiter, der bei der Agentur für „Human Rights“ arbeitet. Vielleicht zeigen sie ja Interesse an dem Fall. Ich finde es einfach nur schockierend. Und ich bin mehr als nur gespannt, ob und was sich aus dieser Sache noch ergibt. Vielleicht stellt sich die Nachricht ja als falsch heraus – nichts anderes wäre wünschenswert. Das Problem ist immer nur, bei einem solchen Vorfall vorwärts zu kommen, etwas zu erreichen. Wenn nämlich jeder den anderen deckt und keiner etwas sagt, dann ist das ein Problem. Ein unlösbares. Aber abwarten. Nichts ist unmöglich. Auch nicht oder schon gar nicht in Burundi.

 

Wochenende vorbei

geschrieben am 2. April 2007 um 16:27 von burundikids

Montag, 2. April 2007. 15.17 Uhr. Am Sonntag wurde wieder viel gelacht bei den Kids. Ich organisierte einen Miniausflug zum Basketballplatz. Das halbe Heim hat sich dort getummelt. Groß und Klein, Mädels und Jungs. Dann spielten wir auch Basketball – Mädchen gegen Jungs, ich spielte bei den Mädchen mit, um die Chancen etwas auszugleichen. Klappte auch ganz gut, wie gewannen zwei von drei Spielen. Die Sonne brannte unwahrscheinlich, sogar noch am späten Nachmittag, wenn es normalerweise etwas abkühlt. Regen ist immer noch Mangelware, obwohl es eigentlich die regenreichste Zeit sein soll.

 

Wir schwitzten also ordentlich beim Spiel. Dorine (14), Florette (zwölf) und Amida (13) waren in meinem Team und wir bezwangen mit großem Spaß Emmanuel (15), Fulgence (17), Thérence (16) und Arsènne (zwölf). Fulgence war es etwas unangenehm, gegen Mädchen zu spielen, das merkte ich. Kann ich jedoch nachvollziehen. Wenn ich an die Zeit denke, in der ich noch Handball spielte, mochte ich gemischte Turniere auch nie besonders. Man weiß eben nie so recht, wo man hinfassen soll – und die Mädels gehen ohne Gnade in den Zweikampf. Es ist nicht leicht. Doch die anderen meisterten das mit Bravour. Die Mädels platzten vor Stolz, die Jungs – mehrfach – besiegt zu haben, die Jungs hatten einfach Spaß. Und Florette war stolz wie Oskar, mit mir gespielt zu haben. Händchenhaltend hüpft sie neben mir her, bis wir wieder im Heim sind.

 

Der Anblick war wirklich unglaublich – schätzungsweise 30 Kids auf dem Gelände, wo sich die Basketballkörbe befinden. Allesamt hatten sie Spaß, großes Geschrei. Die Prüfungen in der Schule sind vorbei, jetzt sind Ferien. Ich denke, es tut den Kindern ganz gut, wenn sie auch mal aus dem Heim raus kommen. Außer nur auf dem Weg zur Schule und zurück. Oft haben sie die Gelegenheit nicht dazu. Die Größeren, klar. Aber auch die nicht immer. Und die Kleinen sowieso nicht. Strahlende Gesichter überall. Richtig klasse war das. Und ich muss sagen, der Zusammenhalt ist wirklich schon fast der einer Familie. Das merkt man besonders, wenn Außenstehende dazu kommen. Eine interessante Entwicklung und Beobachtung. Und schön außerdem auch.

 

Lustig fand ich den erstaunten Blick von Evelyne (zwölf Jahre), als ich Wasser trank. Die Kinder hatten drei kleine, gelbe Kanister mit, aus denen sie immer trinken. Als ich auch einen Schluck aus dem Kanister nahm, schaute mich Evelyne völlig überwältigt an, lachte und teilte es gleich lautstark den anderen mit. „Yooohhh!“ – der allgemein verbreitete Ausdruck für großes Erstaunen. Ich muss lachen. Anscheinend ist es für sie etwas Besonderes, wenn ich aus dem gleichen Behältnis trinke, wie die Kinder. Aber wieso auch nicht?

 

Als schließlich alle erschöpft waren, machte sich der Pulk von Kindern mit mir in der Mitte auf den 50 Meter langen Heimweg. An meinen Armen hingen – wie immer – mindestens vier. Die Torwächter und andere Leute am Straßenrand kriegen sich meistens nicht mehr ein, so witzig muss das aussehen. Florette, die bei Gott nicht auf den Mund gefallen ist, schimpft dann immer mit den Burundern. Was sie sagt, verstehe ich nicht. Aber es wird darauf hinaus laufen, dass sie nicht so blöd glotzen sollen. Ich muss lachen. Sie dann auch. Im Heim angekommen, sind alle glücklich – und platt. Es bleibt ruhig.

 

Am Samstag hatte ich mittags Andreas Schmidt, der bei der EU arbeitet und den ich vor einiger Zeit kennen gelernt habe, noch einen Besuch abgestattet. Er wollte eine CD mit einigen Bildern von mir haben. Im Gegenzug gab er mir einen kurzen Film, etwa 20 Minuten, die „Gustave“ zeigen sollen. Das Krokodil, das hier alle ehrfürchtig nur „Monstre du Lac“ nennen, das „Monster aus dem See“. Die Längenangaben zu Gustave variieren sehr stark. Zwischen sechs und zwölf Metern habe ich schon alles gehört. Ich glaube, mit jedem Bier kommt ein Meter dazu. Und die meisten, die ihn gesehen haben wollen, können sich wohl nicht mehr so genau daran erinnern. Jedenfalls ist die Geschichte und der Mythos um Gustave recht witzig. Erinnert ein wenig an Nessie von Loch Ness. Sollten hier in Burundi einmal Touristen sein, könnte man Gustaves Geschichte durchaus vermarkten. T-Shirts, Schlüsselanhänger und so. Klappt doch in Schottland auch.

 

Den Film werde ich mir heute Abend mal anschauen. Ich bin gespannt. Er stammt von einem Franzosen, der ihn einmal fangen wollte. Anscheinend hatte er einen riesigen Käfig bauen lassen, um Gustave einzufangen. Um die Burunder vor Gustave zu schützen oder umgekehrt, das sei mal dahin gestellt. Auf jeden Fall bekam er Gustave anscheinend nur zwei Mal kurz zu Gesicht. Ich werde es ja heute Abend sehen. Fest steht nur, dass das Krokodil nach wie vor im Tanganyikasee unterwegs ist. Wie lange, wie groß, das weiß wohl keiner so genau. Den Gesprächen über das Tier zu lauschen ist aber immer ein Erlebnis. Eine Übertreibung übertrifft die andere. Und anscheinend haben die Burunder wirklich Angst vor Gustave. Übrigens kommt der Name des Tiers von einem Franzosen – den er vor vielen Jahren angeblich mal gefressen haben soll.

 

Am Nachmittag stellte ich mich dann kurz auf die Terrasse. Die Sonne tauchte alles in ein schönes, orangenes Licht. Und Tausende Libellen kreisten hektisch in der Luft. Ein Spektakel, das man hier ab und an sieht, ich in Deutschland jedoch nie beobachten konnte. Dieses Land ist wirklich faszinierend. In vielen Facetten. Wenn, ja wenn…

 

Heute Mittag, Montag, war ich kurz in Kamenge, in unserem Mütterheim. Freute mich richtig, die jungen Damen und die Kleinen zu sehen. Wie ich schön öfter erwähnte, bin ich sehr gerne dort. Leider fehlt mir oft die Zeit, öfter dorthin zu gehen. Es liegt außerdem am Stadtrand, zu Fuß und „mal eben schnell“ kommt man dort nicht hin. Dennoch: Es war mal wieder schön, die Mädels zu sehen. Und auch der Kindergarten war in Betrieb. Die 40 Kids dort, die aus dem umliegenden Viertel kommen, sind einfach der Knüller. Und laut. Sobald sie einen sehen, singen sie, klatschen – und schreien. Ich bin jedes Mal überwältigt, wie sehr sie sich freuen können. Natürlich auch hier: mindestens drei an jedem Arm. Besonders meine Haare an den Armen finden sie interessant. Alles sind so hübsche Kinder. Manchmal ist das unfassbar. Die Kulleraugen, die Zöpfchen, die strahlend weißen Zähne.

 

Morgen werden Maries Eltern anreisen. Am kommenden Wochenende wird dann auch Julia wieder aus Muyinga zurück kehren. Und Vorstand Martina wird mit weiterem Besuch über Ostern hier eintreffen. Dann gibt es wieder einiges zu tun. Und der Spaß wird – wie gewöhnlich – auch nicht zu kurz kommen. Freue mich auf den Besuch.

 

Ach, eines habe ich vergessen. Wieder mal ein Moment, in dem ich sehr nachdenklich wurde. Es war am Sonntag, ich war gerade fertig mit dem Frühstück. Da klopfte es an der Küchentür und Raoule, zehn Jahre, streckte seine Nase hindurch. „Yambu, Philippo!“ sagt er leise, dann bitte ich ihn herein. Ohne diese Aufforderung betritt er nämlich keinen Raum. Eine Höflichkeit, die dieser Junge an den Tag legt, das ist unfassbar. Jedenfalls begrüßte er mich mit Handschlag – so wie das alle unsere Kinder machen und eigentlich in ganz Burundi üblich ist. Er wollte Karten mit mir spielen. Also setzten wir uns gemeinsam hin. Ich hatte zwar Arbeit, aber das war es mir wert. Er lachte, seine Augen strahlten. Und anscheinend war er glücklich. Da ist mir seine Geschichte wieder durch den Kopf. Kindersoldat soll er gewesen sein. Aus einem Rebellenlager haben sie ihn herausgeholt, bevor er zu uns ins Heim kam. Er, der kleine Raoule, der gerade mir gegenüber auf dem Stuhl sitzt, mit dem etwas zu großen Pulli, den kurzen, roten Hosen und dem Kinderlachen. In seinen Händen Spielkarten. Und keine Kalaschnikow mehr. Wie ich schon des öfteren erwähnte, die Differenz zwischen dem, was man weiß und dem, was man sieht, könnte hier in Burundi nicht größer sein. Und, was ich auch schon erwähnte, manchmal gerät man in Versuchung, das zu vergessen. Und dann gibt es Situationen, in denen einem schlagartig und knallhart bewusst wird, wo man sich eigentlich befindet.