29. Mai. Lange war Funkstille – was nicht etwa bedeutet, dass sich nichts getan hat. Im Gegenteil. Ich habe im Moment Probleme, mich an alles zu erinnern und festzuhalten.
Gestern und heute war ich den gesamten Tag in den Projekten unterwegs. Genauer gesagt, im Mutter-Kind-Heim „Centre Nyubahiriza“. Die Mädchen und ihre Babys mussten umziehen, weil die Vermieterin im Viertel Kamenge die Miete um 50 Prozent erhöhen wollte. Grund sind nicht zuletzt die steigenden Lebenshaltungskosten, die man natürlich versucht, auf andere abzuwälzen, wo möglich. Doch erlaubt es unser Budget nicht, solche „Spielchen“ mitzumachen. Wir beschlossen, auszuziehen. Daraufhin versuchte die Vermieterin, die Miete weniger zu erhöhen, doch stand unsere Entscheidung bereits fest und auch der „Preisnachlass“ war uns noch zu hoch. Vor allem hätte die nächste Erhöhung nicht lange auf sich warten lassen, da erwartet wird, dass das Benzin auf 2.200 FBu steigen wird (ca. 1,20 Euro) – Fortsetzung folgt.
Gestern habe ich also begonnen, zusammen mit den Mitarbeitern Bienvenu, Celestine (Krankenschwester) und Apoline (Heimleiterin) den Umzug einzuleiten und zu organisieren. Kein leichtes Unterfangen, auch nervenaufreibend – da die Vermieterin wie ein Presser ständig neben uns stand –, doch wieder mal eine gute Erfahrung und gut, aus dem Büro heraus zu kommen. Der direkte Kontakt, der sehr wichtig ist, die Arbeit IN den Projekten, nicht nur für die Projekte.
Es galt, Farbe zu kaufen, ein wenig Zement für Ausbesserungen und die wütend werdende Vermieterin zu besänftigen. Sie gerät in Panik, da sie genau weiß, in den kommenden Monaten wohl keinen Mieter mehr zu finden und weniger Geld zur Verfügung zu haben. Was sie sich letztendlich selbst zuzuschreiben hat. Doch kann so etwas schnell gefährlich werden, wenn einem die Familie auf den Hals gehetzt wird. Dennoch: Man trennte sich heute mit einem Lächeln.
Kindergartenmöbel, Stockbetten, Nähmaschinen, Hausrat und die Mädchen mit ihren Kids wurden mit einem kleinen Lastwagen, einem Pick-Up, einem Jeep und einem Pkw in ein anderes Viertel, nach Kinama, gebracht. Dort wurde sich gleich ans Einrichten gemacht. Zuvor aber fungierte ich noch als Gutachter und machte Fotos von allem, insbesondere den Mängeln, falls es bei einem erneuten Umzug irgendwann nicht wieder zu Streitigkeiten kommt, sondern wir belegen können, wie wir das Häuschen vorgefunden haben. In der kommenden Zeit werden noch die fehlenden Dinge besorgt, bspw. Glühbirnen und Farbe für die Wände. Die Mädchen waren derweil guter Dinge und machten Scherze. Doch dann mussten sie mit anpacken – Schluss mit lustig. Denn immerhin sind sie für den Ablauf und das Funktionieren im Heim selbst mit verantwortlich.
Die Probleme zwischen Regierung und den Rebellen (FNL) hat sich auch wieder entspannt. Man hat einen Waffenstillstand unterzeichnet, ein Teil der Rebellenführung ist aus dem tansanischen Exil zurück nach Bujumbura gekehrt. Man verhandelt. Am Abend ihrer Ankunft bin ich regelrecht erschrocken, als ich auf die Straße heraus trat und ins Kinderheim laufen wollte. Ich hatte nicht mehr daran gedacht, dass es der Tag deren Ankunft war und wunderte mich, wieso alles voll steht von Polizisten, Militär und dazu noch südafrikanische Soldaten mit riesigen Panzerwagen, die im Auftrag der Afrikanischen Union den Verhandlungsprozess „betreuen“ sollen. An die Tatsache, sein Bier in der Bar zu trinken, während südafrikanische Soldaten mit ihren aufgereihten Maschinengewehren am Tisch nebenan sitzen, hat man sich mittlerweile gewöhnt. Zumal sich eine der Bars, die ich regelmäßig für ein Bier mit Freunden besuche, direkt gegenüber von dem Hotel liegt, in dem die Rebellenführung nächtigt.
Diese Woche gab es wieder zufriedene Gesichter im Heim. Ein Bekannter, der bei der BINUB arbeitet, dem Büro der Vereinten Nationen in Burundi, hatte mir mehrere Hundert Jogurt vorbei gebracht. Sie waren am selben Tag abgelaufen, durften daher nicht mehr im UN-Shop verkauft werden. Er brachte sie mir für die Kinder in den Heimen. Ein Teil ging an die Straßenjungs, ein anderer an die Straßenmädchen und an die Waisen. Unterwegs erntete ich einige verwunderte Blicke, weil ich mehrere Paletten Jogurt durch die Gegend fuhr. Für manche Kids in den Heimen war es das erste Mal, dass sie Jogurt schmecken konnten. Es kam gut an. Weitere Nachfragen ließen nicht lange auf sich warten, doch ich machte ihnen klar, woher sie gekommen waren und dass ich kein Geld habe, ständig Jogurt zu kaufen. „Ntaco“ – macht nichts.
Rose, 16 Jahre, geht es wieder schlechter. Ihr Mangel an Blut tritt wieder ein, wir müssen sie wohl bald wieder ins Krankenhaus für Transfusionen bringen. Wie Sisyphos mit seinem Felsen. Doch die Untersuchung, die sie braucht, um die Herkunft des ständig auftretenden Blutmangels festzustellen, ist hier nicht möglich. Wir dachten an einen Transport einer Blutprobe nach Deutschland. Doch bis das Blut dort ankommen würde, wäre eine Untersuchung nicht mehr durchzuführen. Das hat unsere Anfrage bei Medizinern ergeben. Wir können nur hoffen, dass sich diese Krankheit von selbst heilt im Laufe von Roses Wachstum.
Ornella, ich schätze fünf oder sechs Jahre, ist derzeit sehr anhänglich. Kaum betrete ich das Heimgelände springt sie mir entgegen und weicht auch nicht mehr von meiner Seite, bis ich wieder gehe. Sie wurde uns gebracht zusammen mit einer größeren Schwester aus dem Landesinnern. Die ältere Schwester haben wir jedoch gleich wieder zurück geschickt, da sie in diesem Trimester den Nationalen Test schreiben muss und es nicht sinnvoll gewesen wäre, sie genau in dieser Zeit aus ihrer dortigen Schule zu nehmen. Doch die Kleine blieb – und vermisst ihre Schwester. Auch sie wird nicht ewig bleiben. Nicht einfach, wenn man sich an ein Kind gewöhnt und es lieb gewinnt, sich mit ihm beschäftigt. Man will es nicht mehr gehen lassen. Doch das ist natürlich utopisch und führt am Ziel vorbei. Dennoch: Ornella ist ein kleiner Sonnenschein. Vor allem, wenn sie stolz wie Oskar neben einem sitzt und man gemeinsam Reis mit Bohnen zu Abend isst.
Derweil haben wir auch Nachricht bekommen, dass der Container in Bujumbura eingetroffen ist, den ich mit einigen fleißigen Helfern Ende Februar auf die Reise geschickt hatte. Die bürokratische Abwicklung ist eingeleitet, bald werden wir ihn transportieren und ausräumen.
Kommende Woche werden zwei Fernsehjournalisten eintreffen und für drei Wochen in Burundi eine Dokumentation drehen. Ich werde sie begleiten, was bedeutet, dass ich die kommende Zeit wieder viel unterwegs bin. Ich freue mich auf die Dokumentation und finde es ein spannendes Vorhaben. Zusätzlich werden eine Woche später nochmals zwei Journalistinnen kommen – ebenfalls TV. Mehr dazu aber in der kommenden Zeit.
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